An der Potsdamer Konferenz nahmen neben der Sowjetunion, Großbritannien und die USA teil. Die Mitglieder der drei Delegationen wohnten und lebten in der Zeit ab ca. 14. Juli 1945 bis 10. August 1945 in Neubabelsberg, in für jeweils eine Delegation gesperrten Gebieten. Briten und Amerikaner verließen bis zum 10. August die für sie und teilweise von ihnen geräumten Häuser. Sie wurden den Besitzern nicht zurückgegeben, sondern verblieben in dem nun mit einem einheitlichen Zaun umgebenen sowjetischen Sperrgebiet. Das blieb so bis 1952, teilweise sogar bis in die zweite Hälfte der 1950er Jahre.

Die Grenzen des von den Briten genutzten Gebietes sind seit 1995 bekannt. In dem von Chronos-Film und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg 1995 herausgegebenen Buch „Schloß Cecilienhof und die Potsdamer Konferenz 1945“ ist der Plan auf S. 112 zu finden.

Versteckt im Archiv

Schwieriger gestaltete es sich mit dem Auffinden von Plänen für das US-Areal und für das gesamte Sperrgebiet. Letzteres wurde weitgehend gelöst. Jetzt ist auch das Rätsel um die Grenzen des von der US-Delegation genutzten Gebietes geklärt. Mehrere Archive der USA waren bereits in Verbindung mit dem 75. Jahrestag der Potsdamer Konferenz durch die GeschichtsManufaktur Potsdam kontaktiert worden. Aber die Frage nach dem Vorhandensein von Planungsdokumenten für die Potsdamer Konferenz blieb entweder unbeantwortet oder brachte eine „Null“-Meldung.

Eine kürzlich gestartete Suche, bei der erneut die Harry S. Truman Library in Independence (USA) kontaktiert wurde, erbrachte den Hinweis auf die Existenz eines 38 Seiten umfassenden Telefonverzeichnisses. Dieses trägt das Datum 20 July 1945 und diente für die Arbeit der US-amerikanischen Delegation während der Potsdamer Konferenz. Randy Sowell, Archivar der Harry S. Truman Library, gab Hinweise auf weitere mögliche Fundorte, darunter die Internetseite des „National Archives Catalog„.  Die Eingabe des Begriffs „Potsdam Conference“ brachte 4.562 Ergebnisse. Aber nur ein Teil hatte etwas mit der Konferenz in Potsdam zu tun. Die systematische Durchsicht aller Files brachte dann die Überraschung: ein Plan des Sektors für die amerikanische Delegation in Potsdam-Neubabelsberg. Laut National Archives gehört das Dokument zum Nachlass der amerikanischen Juristin Katherine Fite (1905 bis 1989), der von ihrer Familie der Harry S. Truman Library übergeben wurde. Sowell, auf den überraschenden Fund aufmerksam gemacht worden, konnte ihn jedoch nicht finden. Aber den Nachlass.

Katherine Fite im Juli 1945 in Potsdam

Katherine Boardman Fite wurde 1905 geboren. Nach Abschluss der Schulausbildung studierte sie ab 1926 zunächst am Vassar College Rechtswissenschaften und dann an der Yale Universität, die sie 1930 als Juristin abschloss. Nach einmer mehrjährigen Tätigkeit als Anwältin bei der General Claims Commission, wechselte Katherine 1937 in das Außenministerium. Im Juli 1945 wurde sie dem Richter am Obersten Gerichtshof der USA, Robert H. Jackson, als Mitarbeiterin zugeteilt. Jackson war von seiner Tätigkeit beurlaubt worden, um bei der Ausarbeitung der Londoner Charta des internationalen Militärtribunals mitzuhelfen, die die rechtliche Grundlage für die Nürnberger Prozesse lieferte. Catherine Fite traf ihn in London und reiste an seiner Seite nach Deutschland, wo er der Chefankläger der Vereinigten Staaten wurde. Von dieser, ihrer ersten Reise nach Europa und vor allem Deutschland schrieb sie ihren Eltern ausführliche Briefe und hinterließ zahlreiche Materialien, die sie bei der Reise benutzte. Sie war zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre alt.

Katherine B. Fite und Robert L. Jackson, 1945.

Unter ihren Dokumenten war auch der Plan des für die US-Delegation zur Potsdamer Konferenz eingerichteten Gebiets in Neubabelsberg. In dem sie sich vermutlich vom 25. bis zum 27. Juli aufhielt, worüber sie ihren Eltern in einem Brief am 27. Juli 1945 berichtete.

Diesmal war ich in Potsdam und Berlin! Ich bin benommen vor Müdigkeit und nach einer Million Eindrücken, aber ich muss alles zu Papier bringen, und Sie müssen den Brief aufbewahren. Heute Morgen Berlin, heute Abend das Cumberland Hotel.

Das „Cumberland Hotel“ war die Unterkunft von Jacksons Delegation in London, von wo sie nach Deutschland flogen. Catherine beschreibt ihren Eltern zunächst einige ihrer Eindrücke von dem zerstörten Berlin, arbeitet ihre Erlebnisse dann aber der Reihenfolge nach ab.

Kommen wir zurück zu der Tatsache, dass der Richter zu Mr. Byrnes, Mr. McCloy und einigen Leuten vom Kontrollrat geflogen ist und mich mitgenommen hat – und [eingefügt: seine Sekretärin], seinen militärischen Adjutanten und den Colonel, der unsere Reisen leitet. Mir ist das Fliegen mittlerweile gleichgültig – daher scheint der Flug selbst ereignislos zu sein, abgesehen davon, dass wir die Strände von Dünkirchen gesehen haben und sie sehr kahl und ungeschützt aussehen – einfach ein langer Strandstreifen.
Es dauerte 4 Stunden nach Potsdam, wo wir von einem Offizier aus Mr. McCloys Büro in Empfang genommen wurden (McCloy ist stellvertretender Kriegsminister – er, Col. Cutter, und Mr. McCloy waren es, die mich von Mr. Hackworth weggelockt haben). Am Flughafen wehen die britische, die amerikanische und die sowjetische Flagge, die amerikanische am höchsten Mast, was ich nicht verstehe, da ich glaube, dass der Flughafen in der britischen Zone liegt. Wie dem auch sei, wir brauchten eine sowjetische Genehmigung, um das Flugzeug einfliegen zu lassen, und sowjetische Dokumente, um uns dort bewegen zu können. Ich habe meins als Beweis, dass ich dort war – die rote Flagge über der britischen und der amerikanischen.

Die kleine Delegation landete auf dem Flughafen in Gatow, der im britischen Sektor lag, während der Potsdamer Konferenz sich aber unter der Kontrolle der Sowjetunion befand, die für die Sicherheit der Konferenz und ihrer Teilnehmer von den alliierten Gr0ßmächten verantwortlich gemacht worden war. Von Gatow fuhren die Amerikaner mit dem Auto nach Neubabelsberg.

Die Delegation der Siegermächte besucht Nürnberg und auch das Areal der Potsdamer Konferenz in Vorbereitung auf den Kriegsverbrecherprozess. In der Mitte Katherine B. Fite. (Nachlass Robert Jackson)

Auf der Fahrt nach Potsdam sahen wir zum ersten Mal die Deutschen auf den Straßen entlangtrotten und alle 15 Meter sowjetische Wachen stehen (der Präsident wurde aus Frankfurt zurückerwartet).
Potsdam ist schwer zerstört und riecht wie ein verkohltes Haus. Das Konferenzgelände ist … ein sehr angenehmer Vorort mit von Bäumen gesäumten Straßen und  mit Villen, das Hollywood von Berlin. In einer Zone sieht man zuerst britische Soldaten, dann Amerikaner und Millionen Russen. Sie haben russische Verkehrspolizisten, muskulöse Damen in kurzen Röcken, die grün-gelbe Fahnen schwenkten.

In Neubabelsberg angekommen, erfolgte die Einquartierung der Gäste, die Ausgabe von Passierscheinen und Essensmarken.

Wir wurden in einem nicht gerade sauberen Haus in Feldbetten mit Armeedecken, -laken, -handtüchern, -seife und sogar Zahnbürsten einquartiert, aber mit der Warnung, das Wasser nicht zu trinken. Also verzichtete ich auf das Zähneputzen.
Mr. McCloy bewirtete den Richter und mich zum Abendessen – zusammen mit seinen beiden Obersten, General Betts, dem hier anwesenden Militärstaatsanwalt, der mittlerweile ein alter Freund von mir ist, und Mr. Fahy, dem kürzlich ernannten Rechtsberater von General Clay. Fahy war zuvor Generalstaatsanwalt und ist ein liebenswerter, sanftmütiger Mann. Beim Abendessen erfuhren wir das Ergebnis der britischen Wahl – das offenbar alle überrascht hat und bedeutet, dass mitten in unseren Verhandlungen ein neuer Generalstaatsanwalt bedeutet. Nach dem Abendessen gingen wir ins Weiße Haus, wo Herr Byrnes sein Büro hat. Sie nahmen mich gleich mit, aber ich blieb stumm. Byrnes spricht mit einem langsamen Südstaatenakzent und sieht aus wie ein Ire. Ich finde, wir haben einen guten Außenminister.

Katherine Fite beschreibt in ihrem Brief Charles H. Fahy, John Jay McCloy und Außenminister James F. Byrnes. Eingangs geht sie auch auf Edward Chamber Betts ein.

Von dort zurück zu Mr. McCloy für weitere Gespräche und ins Bett, um bei ihnen um 8.30 Uhr Zeit aufzustehen, bei uns um 6.30 Uhr. Ich habe also wenig geschlafen, da ich am Abend vor meiner Abreise bis 11.30 Uhr gearbeitet hatte. Nach dem Frühstück dann nach Berlin…

Jackson und seine Mitarbeiter verschaffen sich bei der Autofahrt zum Flughafen Tempelhof, von dem sie mit einem Zwischenstopp in Frankfurt/Main, über Belgien nach London zurückfliegen. Besonderer Höhepunkt des Berlin-Trips ein Besuch der in Ruinen liegenden Reichskanzlei Adolf Hitlers.

Hitlers Reichskanzlei – die offensichtlich ein prächtiges Gebäude war – ist heute größtenteils eine Ruine, obwohl die Räume im ersten Stock noch vorhanden sind. Ich sah Hitlers prächtiges Büro – sein Schreibtisch wurde einfach auf einen Haufen mit anderem Müll geworfen. Ich habe im Schutt herumgewühlt und persönliche Briefe und Büronotizen usw. entdeckt (und das nicht in Hitlers eigenem Zimmer). „Na ja“, sagte ich, „ein Historiker würde verrückt werden.“ Ich hatte zuerst nach Souvenirs gesucht – gedruckten Dokumenten usw. Die habe ich aber schnell gegen Originaldokumente im Müll eingetauscht. Ich fand schriftliche Notizen, persönliche Briefe (an eine Art SS-Wachmann – sein Vater schrieb ihm, er wisse, der Führer sei sicher, solange er bei ihm sei) und anscheinend ein Verzeichnis einiger Akten. Ich werde sie morgen früh übersetzen lassen. Einige größere Bücher mit Namenslisten musste ich aus Gründen der Geheimhaltung wegwerfen – wir befanden uns schließlich in der sowjetischen Zone in einem Gebäude, das von den Sowjets bewacht wurde. Also nahm ich, was ich in meine Handtasche packen konnte. Es lagen buchstäblich Unmengen von Filmmaterial herum.
Mr. Fahy war neugierig und wollte sehen, was wir gefunden hatten. Es wurde jemand beauftragt, den Müll auszusortieren. Ich nehme an, dass sich alle relevanten Dokumente bereits in Moskau befinden. In dem Gebäude wurden viele neuwertige Medaillen gefunden. Ich habe eine deutsche Muttermedaille mit Hakenkreuz. Es wurde ein Foto von dem Richter gemacht, als er sie mir überreichte. Einige der Männer bekamen Medaillen für die Ostfront 1941–1942.

Es ist nicht bekannt, ob Katherine noch weitere Erinnerungen zu ihrem Potsdam-Aufenthalt niederschrieb. Auf ihrer Karte von dem Delegations-Areal hinterließ sie einzelne Eintragungen. Die eine, verbunden mit dem Haus Espengrundstr. 2, könnte „Justice“ heißen. Die Abkürzung „S W“ mit Pfeil auf das Haus Domstr. 1 „Secretary of War„. Denn hier arbeitete und wohnte US-Kriegsminister Henry L. Stimson mit seiner Mannschaft.

Der Plan vom Frühjahr 1945

 

Im Auftrag von Generalmajor Floyd L. Parks aus dem Hauptquartier des ihm unterstehenden „US Berlin Districts“ wurde der „U.S. Sector“ der „Tripartite Conference“ im Maßstab 1:5 000 angefertigt. Die roten Linien kennzeichnen die Grenzen des Gebietes. Eingetragen wurden lediglich die Straßen und Häuser. Die Kontrollstellen zum benachbarten britischen Sektor oder zu dem das gesamte Gebiet umgebenden sowjetischen Areal lassen sich nur erahnen. Die Amerikaner verwendeten im internen Sprachgebrauch Abkürzungen für die einzelnen Häuser, sodass sich die auf dem Plan zu sehenden Gebäude nur schwer konkreten Nutzungen während der Konferenz zuordnen lassen.

Seite 1 des Telefonverzeichnis der US-amerikanischen Delegation in Neubabelsberg vom 20. Juli 1945.

Die Amerikaner nutzten für Wohnen, Arbeiten und Versorgung der Delegation 120 Gebäude bzw. Grundstücke. Die Gesamtverantwortung für die Bereitstellung der Unterkünfte und die Gewährleistung der Sicherheit in dem gesamten Konferenz-Sperrgebiet hatten Briten und Amerikaner der Sowjetunion übertragen. Unter der Leitung des für den amerikanischen Sperrbezirk zuständigen Kommandanten Generalmajor Floyd L. Parks unterstützten seine Leute die Arbeiten für die Nutzung des Gebietes durch die US-Delegation.

Laut dem Telefonverzeichnis vom 14. Juli 1945 war das der US-Delegation zugewiesene Gebiet in folgende Bereiche unterteilt:

White House Party

Secretary of War Party

Moscow Military Misssion

Joint Chiefs of Staff 

Air Transport Command

Army Communications Servce

Army Pictorial Service

Classified Message Center

Dispensary Service

General Information Service

Interpreter Service

Laut dem Telefonverzeichnis vom 20. Juli 1945 waren mit Beginn der Konferenz die folgenden Bereiche hinzugefügt worden:

Ambassadors

American Delegation of the Allied Commission on Repartion

Moscow Group

„Masterwork“, Headquarters Command

Secretary of State Party

Miscellaneous (Verschiedenes).

Der US-Präsident und die seiner Begleitung zugeordneten Personen waren mit den Arbeitsräumen und den Unterkünften in den Häusern Kaiserstr. 1 und 2 (heute: Karl-Marx-Str. 1 u. 2)  einquartiert. Die dazu gehörenden Telefone und Fernschreiber liefen über eine eigene Telefonzentrale in der Kaiserstr. 2, die das Codewort AMCO (AMC) erhielt. Die Mehrzahl der Häuser der US-Delegation in Neubabelsberg wurde der Telefonzentrale VICTORY (VIC) zugeordnet. Weitere Bereiche waren MASTERWORK (MAS), Hauptquartier der US-Truppen für Berlin in Zehlendorf und Ableger in der Stubenrauchstraße; GIANT (GIA), vermutlich Hauptquartier der US-Truppen in Höchst (Stadtteil von Frankfurt/Main), und MEDALLION (MED), Flugplatz Gatow.