Alle an der Potsdamer Konferenz teilnehmenden Länder waren mit ihren offiziellen und inoffiziellen Delegationsmitgliedern vertreten. In aktuellen, nicht immer auf Sachkenntnis basierenden, Pressebeiträgen und sonstigen Veröffentlichungen wird unterstellt, dass das Sicherheitsbedürfnis von Stalin im Vergleich zu Churchill und Truman besonders ausgeprägt gewesen sei. Das habe sich in der Anzahl von sowjetischen Geheimdienstleuten gezeigt.

Doch auch die USA und Großbritannien hatten ein sehr großes Interesse an der Sicherheit für ihre Regierungsoberhäupter, die Delegationsmitglieder insgesamt und die auf der Konferenz bzw. in ihrem Umfeld besprochenen und verhandelten Inhalte.

In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, die Geheimdienstaktivitäten der USA vor, während und unmittelbar nach der Potsdamer Konferenz darzustellen. Die Ausführungen basieren auf offiziellen Dokumenten sowie weitgehend auf den Forschungen von Vincent Michael Palamara und von anderen Historikern veröffentlichten Publikationen zur Geschichte der US-Geheimdienste.

Vince Palamara is the leading civilian Secret Service authority and the author of 7 books: SURVIVOR’S GUILT: THE SECRET SERVICE AND THE FAILURE TO PROTECT PRESIDENT KENNEDY (2013), JFK: FROM PARKLAND TO BETHESDA- THE ULTIMATE KENNEDY ASSASSINATION COMPENDIUM (2015), THE NOT SO SECRET SERVICE- AGENCY TALES FROM FDR TO THE KENNEDY ASSASSINATION TO THE REAGAN ERA (2017), WHO’S WHO IN THE SECRET SERVICE: HISTORY’S MOST RENOWNED AGENTS (2018), HONEST ANSWERS ABOUT THE MURDER OF PRESIDENT JOHN F. KENNEDY: A NEW LOOK AT THE JFK ASSASSINATION (2021), THE PLOT TO KILL PRESIDENT KENNEDY IN CHICAGO & THE OTHER TRACES OF CONSPIRACY LEADING TO THE ASSASSINATION OF JFK – A VISUAL INVESTIGATION (2024), and PRESIDENT KENNEDY SHOULD HAVE SURVIVED DALLAS: THE SECRET SERVICE & THE JFK ASSASSINATION (2025).1https://www.amazon.com/-/de/stores/author/B00GFZHJD0/about

Secret Service – Einführung

Die Geldfälschung in den USA nach dem Bürgerkrieg und Angriffe auf politische Führer gaben den Anstoß zur Gründung des US Secret Service United States Secret Service ( USSS oder Secret Service ), einer Bundesbehörde, die durch einen Erlass von Präsident Abraham Lincoln ins Leben gerufen und später vom Kongress jährlich finanziert wurde.

Der USSS wurde dem Finanzministerium unterstellt (bis 2003). Zahlreiche Attentate auf die Führung der USA konnte er verhindern. Die Ermordung der US-Präsidenten Abraham Lincoln (1865), James A. Garfield (1881), William McKinley (1901) und John F. Kennedy (1963) jedoch nicht. Vor allem das Kennedy-Attentat beschäftigt Geheimdienstler, Politiker und Historiker bis heute.

Nach der Ermordung von Präsident McKinley im Jahr 1901 erweiterte sich der Schutzauftrag des Secret Service drastisch. Seine grundlegenden Aufgaben und Befugnisse waren bis 1951 im jeweiligen Haushaltsgesetz der USA geregelt. Seit 1951 und bis heute in Titel 18 des U.S. Code, Abschnitt 3056 (in der jeweils gültigen Fassung).2https://www.law.cornell.edu/uscode/text/18/3056  

Der United States Code ist die nach Sachgebieten geordnete Kodifizierung der allgemeinen und dauerhaften Gesetze der Vereinigten Staaten. Er ist in 54 Titel unterteilt, die nach großen Sachgebieten gegliedert sind, und wird vom Büro des Rechtsberaters des US-Repräsentantenhauses herausgegeben. Der US-Code wurde erstmals 1926 veröffentlicht. Die nächste Hauptausgabe erschien 1934, und seit 1934 werden alle sechs Jahre weitere Hauptausgaben herausgegeben. Zwischen den Ausgaben werden jährlich kumulative Ergänzungen veröffentlicht, um die aktuellsten Informationen bereitzustellen.3https://www.govinfo.gov/help/uscode

Der Secret Service ist mit der Durchführung von strafrechtlichen Ermittlungen und dem Schutz amerikanischer Politiker, ihrer Familien sowie ausländischer Staats- und Regierungschefs beauftragt. Die für die Tätigkeit der Secret Service Division (SSD) bzw. USSS 1945 geltenden Dokumente waren folgende:

2 Stat. 404 The Enforcement of Counterfeiting Prevention Act passed; authorized U.S. marshals
and district attorneys to investigate and prosecute counterfeiters.1806

12 Stat. 102 Counterfeiting investigation authority transferred to the Department of the Treasury. 1860

12 Stat. 665 National Currency Act passed by Congress. 1863

16 Stat. 162 The Office of the Solicitor of the Treasury transferred to the Department of Justice. 1870

22 Stat. 230 Statutory recognition given to the Secret Service Division (SSD) in an appropriation
act. 1882

34 Stat. 708 Congress, for the first time, appropriated funds specifically for the protection
of the President. 1906

38 Stat. 23 Beginning of annual authorization for presidential protection. 1913

39 Stat. 919 Congress makes it a crime to threaten the President. 1917

40 Stat. 120 Congress authorizes SSD to protect the President’s immediate family. 1917

42 Stat. 841 White House Police Force established. 1922

44 Stat. 918 Treasury Secretary authorized to use SSD to investigate counterfeiting. 1926

46 Stat. 328 Congress authorizes SSD to administer and supervise the White House Police Force. 1930

48 Stat. 178 Congress authorizes SSD to investigate and arrest individuals involved in fraud related
to the Federal Deposit Insurance Corporation. 1933

57 Stat. 259-260 Congress, for the first time, appropriates funding for the SSD’s investigation and
protection missions. 19434Reese, Shawn (Analyst in Emergency Management and Homeland Security Policy(, Legislative Evolution of U.S. Secret Service
Updated November 26, 2024, S. 12.

1894 begann der Secret Service auf Wunsch von Präsident Grover Cleveland, diesen auf Teilzeitbasis zu schützen. Agenten des USSS bewachten ihn und seine Familie im Sommer 1894 in ihrem Feriendomizil.
Präsident William McKinley erhielt während des Spanisch-Amerikanischen Krieges Schutz durch den SSD sowie nach dessen Beendigung einen eingeschränkten Schutz. Drei SSD-Agenten waren anwesend, als Präsident McKinley in Buffalo, NY, einem Attentat zum Opfer fiel; Berichten zufolge trugen sie jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht die alleinige Verantwortung für den Schutzauftrag.
Nach dem Attentat auf Präsident McKinley im Jahr 1901 forderte die Führung des Kongresses, dass der SSD den Schutz des Präsidenten übernehmen solle. Fünf Jahre später stellte der Kongress – mit der Verabschiedung des „Sundry Civil Expenses Act“ für das Haushaltsjahr 1907 (erlassen 1906) – erstmals Haushaltsmittel für den Schutz des Präsidenten bereit.
1908 erweiterte der Kongress den Schutzauftrag des SSD auf den designierten Präsidenten. Im selben Jahr versetzte Präsident Theodore Roosevelt eine Reihe von SSD-Agenten in das Justizministerium; dies legte den Grundstein für das spätere Federal Bureau of Investigation (FBI). Die jährliche gesetzliche Ermächtigung durch den Kongress zum Schutz des amtierenden und des designierten Präsidenten wurde ab 1913 erteilt. Während des Ersten Weltkriegs gingen im Weißen Haus Briefe mit Drohungen gegen den Präsidenten ein; dies führte 1917 zur Verabschiedung eines Gesetzes, das Drohungen gegen den Präsidenten unter Strafe stellte. Zudem ermächtigte der Kongress 1917 den SSD, auch die unmittelbare Familie des Präsidenten zu schützen.
Neben der Erweiterung des Kreises der schutzberechtigten Personen schuf der Kongress 1922 die „White House Police“ (Polizei des Weißen Hauses) mit dem Auftrag, die Präsidentenresidenz und das dazugehörige Gelände in Washington, D.C., zu sichern und dort Streifendienst zu versehen. Anfangs unterstand die White House Police Force weder der Aufsicht noch der Verwaltung durch den SSD; sondern vielmehr durch den Präsidenten oder einem von ihm ernannten Vertreter. 1930 ordnete der Kongress jedoch an, dass die White House Police Force der Aufsicht des SSD unterstellt werde. 1943 bewilligte der Kongress erstmals Haushaltsmittel sowohl für die Ermittlungs- als auch für die Schutzaufgaben des SSD.5Ebenda, S. 7 f.

Unterlagen zur Tätigkeit des Secret Service müssten sich im Bestand des Finanzministeriums befinden. Bislang konnten sie aber noch nicht lokalisiert werden, vor allem was die Aktivitäten rund um die Potsdamer Konferenz anbelangt. Lediglich in den Jahresberichten 1945 und 1946 des Finanzministeriums fanden sich kurze Notizen zur Potsdamer Konferenz:

Für die Reise des verstorbenen Präsidenten Roosevelt nach Jalta im Februar – anlässlich der historischen Konferenz der „Großen Drei“ mit Premierminister Churchill und Premier Stalin – wurden sorgfältige Pläne ausgearbeitet; eine große Gruppe von Agenten sorgte auf dieser Reise für den Schutz des Präsidenten. Zum Ende des Haushaltsjahres liefen intensive Sicherheitsvorbereitungen für die erste Auslandsreise von Präsident Truman seit seinem Amtsantritt, die ihn zur Konferenz mit Premier Stalin und Premierminister Churchill (sowie dessen Nachfolger, Premierminister Attlee) nach Potsdam in Deutschland führen sollte.6Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1945, S. 244

Im Juli 1945 setzten Agenten des Secret Service die umfassenden Sicherheitspläne um, die zuvor für den Besuch von Präsident Truman in Potsdam (Deutschland) anlässlich der Konferenz der „Großen Drei“ mit den Regierungschefs Russlands und Großbritanniens ausgearbeitet worden waren.7Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1946, S. 252

Die Führung des Secret Service bestand per 30. Juni 1945 aus folgenden Personen:

Frank J. Wilson, Chief U. S. Secret Service
James J. Maloney, Associate Chief
Lawrence F. Albert, Assistant to the Chief
Harry Edward Neal, Executive Aide
Walter Scott Bowen, Chief Clerk8Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1945, S. XIII.

Im Haushaltsjahr 1946 veränderte sich die Führung und setzte sich zum 30. Juni 1946 aus diesen Personen zusammen:

James J. Maloney, Acting Chief, U. S. Secret Service
John J. McGrath, Acting Assistant Chief
John H. Walker, Assistant to the Chief
Harry Edward Neal, Executive Aide to the Chief9Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1946, S. XIII.

Struktur des US-Finanzministeriums im Haushaltsjahr 1945.

Nach neun Jahren in der Führungsposition des Chefs des Secret Service musste Frank J. Wilson 1946 gehen. Sein Nachfolger, James J. Maloney, konnte sich bis zu seinem durch Truman veranlassten Rücktritt nur knapp zwei Jahre an der Spitze behaupten. Weder Wilson noch Maloney finden in Trumans Memoiren eine Erwähnung. Und in der Wikipedia-Auflistung der Direktoren des Secret Service ist kein Verweis auf eine Biographie-Seite zu Maloney enthalten.

Wie kam es zu diesen Personalveränderungen? 

1960 veröffentlichten die früheren USSS-Mitarbeiter Harry Edward Neal und Walter Scott Bowen die erste Geschichte des Secret Service.10The United States Secret Service WALTER S. BOWEN and HARRY EDWARD NEAL With a Foreword by U. E. BAUGHMAN Chief, U.S. Secret Service. The United States Secret Service was originally published in 1960 by Chilton Company, Philadelphia and New York. Als E-Book erschien das Buch 2019 bei Red Kestrel Books.

Potsdam wird darin nur an einer Stelle erwähnt:

Seit 1901 beschützen Agenten des Secret Service die Präsidenten im In- und Ausland. Sie begleiteten Theodore Roosevelt, als dieser mit einer Tradition brach und nach Panama reiste – als erster amerikanischer Präsident, der während seiner Amtszeit fremden Boden betrat. Agenten schützten Woodrow Wilson, als dieser nach dem Ersten Weltkrieg nach Europa reiste. Sie waren an der Seite von Franklin D. Roosevelt in Südamerika, Casablanca, Teheran, Jalta, Kanada und Mexiko sowie bei Präsident Harry S. Truman in Potsdam und an anderen Orten außerhalb der kontinentalen Vereinigten Staaten.11Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 217). Red Kestrel Books. Kindle-Version.

Der Wechsel an der Führungsspitze des Dienstes 1946 wird wie folgt beschrieben.

Am 30. April 1946, nach dem Eintritt Elmer Ireys in den Ruhestand, wurde Frank Wilson zum Chefkoordinator aller Strafverfolgungsbehörden des Finanzministeriums befördert; in dieser Funktion war er bis zum 31. Dezember 1946 tätig, als auch er in den Ruhestand ging. Anschließend wurde er Präsident der National Association of Retired Civil Employees in Washington.
Wilsons Nachfolger war sein stellvertretender Leiter, James J. Maloney – ein weiterer Fachmann des Secret Service, der die Position der Nummer zwei übernommen hatte, als Joe Murphy 1943 in den Ruhestand ging.12Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 301). Red Kestrel Books. Kindle-Version.

Vorbereitungen für die Potsdamer Konferenz

Wie aus den Jahresberichten des US-Finanzministeriums hervorgeht, waren in Vorbereitung auf die Teilnahme Trumans an der Potsdamer Konferenz „sorgfältige Pläne“ bzw. „umfassende Sicherheitspläne“ ausgearbeitet worden. Die dafür zur Verfügung stehende Zeit war äußerst knapp bemessen. Weshalb man sich beim Secret Service wohl auf die geheimdienstlichen Vorbereitungen für die letzte Konferenz der Großen Drei in Jalta im Februar 1945 gestützt hat und diese auf die Bedingungen in Potsdam anwandte.

Auf der Konferenz von Jalta 1945 stand der US-Geheimdienst vor einer beispiellosen Sicherheitsherausforderung: Präsident Franklin D. Roosevelt auf der sowjetisch kontrollierten Krim zu schützen und gleichzeitig die allgegenwärtige Spionage ihrer Gastgeber zu bewältigen.

Ein Vorauskommando US-amerikanischer Agenten traf lange vor der Konferenz auf der Krim ein, um das für die Konferenz sowie für die Unterbringung der Delegationen genutzte Gebiet gemeinsam mit sowjetischen Streitkräften abzusichern. Da sich Roosevelts Gesundheitszustand rapide verschlechterte, arbeitete der Secret Service eng mit dem medizinischen Personal des Militärs zusammen, um sicherzustellen, dass er jederzeit Zugang zu Notfallversorgung hatte, und gleichzeitig die Geheimhaltung seines fragilen Zustands zu wahren. Die amerikanischen Einsatzkräfte operierten in enger – und oft angespannter – Nähe zu Josef Stalins persönlichen Leibwächtern und dem NKWD, den sowjetischen Staatssicherheitskräften.

Bis auf das Thema des Gesundheitszustandes von Roosevelt konnte alles für die Vorbereitungen auf Potsdam ähnlich ablaufen. Das entsprach auch den Regularien, nach denen sich der Dienst und seine Mitarbeiter zu richten hatten.

Die vom Secret Service ergriffenen Sicherheitsvorkehrungen sind darauf ausgelegt, ein Höchstmaß an Schutz zu gewährleisten – bei gleichzeitig minimaler Beeinträchtigung der Handlungsfreiheit, die ein Präsident in einer Demokratie erwartet und die von ihm erwartet wird. Bei öffentlichen Veranstaltungen bemühen sich die für den Personenschutz des Präsidenten zuständigen Agenten des Secret Service nach Kräften, so unauffällig wie möglich zu bleiben; nur selten – und meist rein zufällig – sind Agenten auf Zeitungs- oder Zeitschriftenfotos des Präsidenten zu sehen.
Eine Gruppe ausgewählter Agenten, bekannt als „White House Detail“, begleitet den Präsidenten, wann immer dieser das Weiße Haus verlässt, und bleibt bei ihm, wohin auch immer er sich begibt. Bei Bedarf wird die Gruppe durch die vorübergehende Zuweisung zusätzlicher Agenten aus den Außenstellen verstärkt.
Wenn der Präsident von Washington in eine andere Stadt reist, werden Agenten bereits lange vor seiner Ankunft an seinen Zielort entsandt, um die Planung für den Besuch vorzunehmen. Diese Vorarbeit erfolgt praktisch immer in enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Polizeibehörden – ohne deren Unterstützung ein wirksames Sicherheitsprogramm so gut wie unmöglich wäre.
Die Vorauskommandos des Secret Service und die Polizei legen die optimalen Routen fest, die der Präsident und sein Gefolge zurücklegen sollen. Sind mehrere Zwischenstopps für kurze Auftritte des Präsidenten vorgesehen, wird für jeden Halt eine bestimmte Zeitspanne eingeplant, um einen Zeitplan einzuhalten, der vom Personal des Weißen Hauses – oder womöglich vom Präsidenten selbst – erstellt wurde.13Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 223). Red Kestrel Books. Kindle-Version.

Das Substantiv „Stadt“ müsste für den konkreten Fall durch „Land“ ersetzt werden und die Polizei durch „Geheimdienst des Konferenzgastgebers“.

Sollte der Präsident in einem Hotel übernachten, stellen die Agenten die Identität jener anderen Gäste fest, die Zimmer in unmittelbarer Nähe seiner Räumlichkeiten belegen werden. Sie überprüfen zudem jene Hotelangestellten, die Zugang zum Präsidenten haben werden. Des Weiteren entwerfen die Agenten Pläne für einen Schutzperimeter, der absolut sicher vor Überraschungen und zugleich flexibel genug sein muss, um eine rasche Reaktion auf jegliche Notfallsituation zu ermöglichen. Es werden Kontrollpunkte eingerichtet, um autorisierten Personen den Zutritt zum geschützten Bereich zu gewähren und jene fernzuhalten, die keinen triftigen Grund für dessen Betreten vorweisen können. Ein Agent geht stets voraus, wo immer der Präsident zu Fuß unterwegs sein wird; Aufzüge und technische Anlagen werden sorgfältig inspiziert, und es werden Vorkehrungen getroffen, um sämtliche an den Präsidenten adressierten Sendungen entgegenzunehmen und zu überprüfen.
Dienstposten oder Standorte werden auf einem Grundriss oder einer Skizze eingezeichnet, damit bei einer späteren Einweisung jedem Agenten vollkommen klar ist, wo er zu positionieren ist und welche Aufgaben von ihm erwartet werden; zudem kennt er die Standorte und Pflichten der anderen Agenten, da der Erfolg des Schutzprogramms vom Zusammenwirken aller daran beteiligten Agenten abhängt.14Ebenda, S. 224.

„Hotel“ steht hier für Residenz, also für das „Little White House“ in Neubabelsberg. Der Begriff „Little White House“ wird generell als Bezeichnung für die Unterkünfte genutzt, die der US-Präsident bei dienstlichen oder privaten Aufenthalten außerhalb des White House in Washington nutzt.

Bowen und Neal liefern uns in ihrem 1960 herausgegebenen Buch auch eine Erklärung dafür, dass es so schwer ist Informationen über die Tätigkeit der USSS-Agenten zu finden.

Im Laufe der Jahre mögen Agenten des Secret Service private Gespräche gehört oder Begegnungen und Aktivitäten beobachtet haben, die Schlagzeilen machen könnten; dennoch bewahrt jeder Agent Stillschweigen – und verfügt über ein Gedächtnis, das genau dann bequemerweise vergesslich ist, wenn es um bedeutende Ereignisse geht. Es gab jedoch auch amüsante, ernste oder aufregende Begebenheiten, die ein beachtliches Licht auf die menschliche Seite der Präsidenten – und ebenso des Secret Service – werfen.15Ebenda, S. 230.

Auf dieser Linie liegt auch die Mitteilung von Martha Bowden, der Nichte des Secret-Service Agenten John Campion. Am 5. Mai 2015 schrieb sie Vincent Palamara:

Mein Onkel war John Campion; er diente als Agent des Secret Service unter Roosevelt, Truman, Eisenhower, Kennedy und Johnson (unter Johnson in einer administrativen Funktion). Seine Witwe – meine Tante – ist heute 100 Jahre alt. Er gehörte zu den „Guten“. Er erzählte uns nie viel über seine Arbeit; er wahrte das in ihn gesetzte Vertrauen und zeigte sich später verärgert, wenn andere Agenten Bücher verfassten oder Interviews gaben, die er als unangemessen empfand. Er wurde wiederholt um Interviews gebeten oder dazu aufgefordert, seine Biografie zu schreiben – doch er lehnte all dies strikt ab. Als ich kürzlich seine Witwe besuchte, fragte ich sie, ob sie seine Biografie verfassen würde; sie verneinte dies mit der Begründung, sie wolle Johns Wunsch respektieren, keine Interna auszuplaudern.Palamara, Vincent. The Not-So-Secret Service: Agency Tales from FDR to the Kennedy Assassination to the Reagan Era (English Edition) (S. 93). Trine Day. Kindle-Ausgabe.

Inwieweit die nachfolgend angeführten Regeln für das Verhalten des Personenschutzes während Autofahrten des Präsidenten auch schon 1945 galten, ist nicht genau zu belegen. Die Personen, die sich dazu äußerten, gehörten aber während der Potsdamer Konferenz zum Personenschutz von Harry S. Truman. Also werden sie auch danach gehandelt haben.

Michael Reilly, SAIC (leitender Agent) des für den Schutz von Franklin D. Roosevelts verantwortlichen Teams, schrieb in seinem 1947 erschienenen Buch „REILLY of the White House. Behind the scenes with FDR“ auf Seite 24: „Es gab zwei unumstößliche Regeln. Der Mann, der an der Schulter des Präsidenten lief oder fuhr, verließ diese Position niemals, sofern er nicht abgelöst wurde. Die andere lautete: Sollte eine Situation außer Kontrolle geraten, sind sämtliche Wagen zu räumen und es ist so viel ‚Secret-Service-Fleisch‘ wie möglich zwischen die Menge und den ‚Boss‘ zu bringen.“
Michael W. Torina – am 22. November 1963 Chefinspektor des Secret Service, lieferte Bowen und Neal für deren Buch zur Geschichte des Secret Service folgende Aussage: „Agenten des ‚White House Detail‘ fahren im selben Wagen wie der Präsident. Andere laufen oder traben an seiner Seite, während wiederum andere in Automobilen vor und hinter dem Präsidentenwagen mitfahren.“ 16Vgl. Palamara, Vincent. The Not-So-Secret Service: Agency Tales from FDR to the Kennedy Assassination to the Reagan Era (English Edition 2017) (S. 36–37). Trine Day LLC, Walterville. Kindle-Version.

Secret Service in Neubabelsberg

Über die Einbindung des Geheimdienstes in die Vorbereitungen für die Potsdamer Konferenz schrieb US-Präsident Harry S. Truman in seinen Memoiren:

An den Vorbereitungen für die Potsdamer Konferenz waren Kabinettsmitglieder, Botschafter, die Stabschefs, mein Sekretariat, das Staatsdepartment, die Armee, Flotte und Luftwaffe, das Schatzamt und der Geheimdienst beteiligt. Viele Persönlichkeiten dieser Dienststellen und Ämter waren gleichzeitig auch Mitglieder unserer Delegation. …
Da der Präsident der Vereinigten Staaten stets im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, müssen ihn, wenn er auf Reisen geht, immer Beamte des Geheimdienstes vorausfahren, die die vorgesehene Route, die von ihm zu benutzenden Fahrzeuge und die von ihm zu betretenden Häuser inspizieren.17Truman, Harry S., Memoiren, Band I, Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 322 f.

Wie viele Secret Service-Agenten genau in die Vorbereitungen für die Konferenz sowie in die direkte Teilnahme an ihr eingebunden waren, ist bis heute unbekannt.

George Carl Drescher war damals SAIC, d.h. Special Agent in Charge (Sonderagent im Einsatz). Es handelte sich um eine hochrangige Führungsposition. Ein SAIC leitete ein bestimmtes Außendienstbüro (z. B. Washington DC, Los Angeles), eine spezialisierte Abteilung (wie das Counter Assault Team) oder ein bestimmtes Personenschutzteam. Der Nachlass von Drescher, der 1971 verstarb, befindet sich in der Herbert Hoover Presidential Library and Museum. Darunter sind auch Dokumente, die sich auf seine Tätigkeit während der Potsdamer Konferenz beziehen.18https://hoover.archives.gov/research/manuscript-collections/drescher Eine Online-Einsichtnahme in die Dokumente war nicht möglich. Das gilt auch für das Interview, das die Hoover Bibliothek mit ihm geführt hatte. 19https://hoover.archives.gov/research/oral-history-collections

Dreschers Stellvertreter in Potsdam James Joseph Rowley 20https://en.wikipedia.org/wiki/James_Joseph_Rowley ,wurde am 20. September 1988 durch Niel M. Johnson, von 1977 bis 1992 Archivar und Historiker der Harry S. Truman Library and Museum, ausführlich interviewt. Wie viele Secret Service-Agenten insgesamt an der Konferenz teilnahmen, konnte aber auch er nicht beantworten.21https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/rowleyj

JOHNSON: Wie viele Secret-Service-Mitarbeiter waren Ihrer Meinung nach in Potsdam vor Ort und arbeiteten mit Ihnen zusammen?

ROWLEY: Oh, ich weiß es nicht. Da müssten Sie in den Aufzeichnungen nachschauen. Drei von uns waren im Vorfeld dabei, und dann war [Floyd] Boring auch noch da …

Bevor der US-Präsident in Neubabelsberg zur Konferenz eintraf, hatte Rowley sowohl den Konferenzort, Schloss Cecilienhof, als auch die für die Delegation vorgesehenen Unterkünfte inspiziert.

Mir wurden mehrere Häuser zugewiesen, und es war meine Aufgabe, diese zu besichtigen. Einige Mitarbeiter von General Marshall waren anwesend – Militärangehörige. Interessanterweise konnte ich bei meiner Ankunft niemanden finden, der sich mit den Treffen auskannte. Ich landete in Paris und rief Bob [Robert] Murphy an, den Botschafter, aber er war auf dem Weg nach Berlin und daher nicht erreichbar. Schließlich erfuhr ich, dass ein Admiral, mit dem ich in Hawaii zusammengearbeitet hatte, als Roosevelt die anderen Admiräle und General MacArthur traf, ebenfalls dort war, also suchte ich ihn auf. … Admiral [Vizeadmiral Robert Lee] Gormley, und er hatte immer noch denselben Adjutanten, mit dem ich zusammengearbeitet hatte. Also rief ich ihn an und sagte: „Ich komme hier einfach nicht weiter …“ Er sagte: „Ich kümmere mich darum.“ Daraufhin berief er die Luftwaffe, die Armee und alle anderen zu einer Besprechung in seinen Stabsraum ein. Viele hatten Ideen zu diesem und jenem. Er hörte zu und sagte: „Meine Herren, ich denke, wir sollten diesem jungen Mann besser zuhören.“ Dann ging es weiter, und von da an hatte ich keine Probleme mehr. Aber der Grund, warum ich das alles erwähne, ist, dass mein damaliger Kollege Oberst Jim Blair war, der später Gouverneur von Missouri wurde. (S. 26)

Wie Rowley berichtete, war Oberstleutnant James T. Blair Jr.22https://en.wikipedia.org/wiki/James_T._Blair_Jr. in Neubabelsberg für die Unterbringung der Delegation und damit verbundene Themen zuständig.

Ich habe also mit ihm zusammengearbeitet und ihm gesagt, was wir brauchten.

Auf das Sicherheitsbedürfnis der Russen angesprochen, berichtete er von einem Vorgang, der die Insel Wannsee, insbesondere das östliche Ufer des Griebnitzsees betraf.

Der Präsident und seine Mitarbeiter befanden sich an einem See. Auf dem See lag eine kleine Insel, die die Russen unter ihre Kontrolle bringen wollten. Ich sagte: „Nein, wir setzen amerikanische Truppen dort ein. Wir kümmern uns darum, denn das ist unsere Verantwortung.“ Sie drängten nicht weiter, also taten wir das. Diese Einheit bestand aus vielen fähigen, jungen amerikanischen Soldaten.

Wie seine Zusammenarbeit mit den russischen Dienststellen ablief, schilderte Rowley wie folgt:

JOHNSON: Aber Sie mussten sich mit den sowjetischen Sicherheitskräften abstimmen?

ROWLEY: Oh, ich hatte ständig Treffen mit den Sowjets.

JOHNSON: Mussten Sie mit einem Übersetzer arbeiten?

ROWLEY: Ja, mithilfe eines Dolmetschers. Einige von ihnen konnten Englisch; viele konnten es, taten aber so, als könnten sie es nicht. Oberst Jim Smith war der Militärpolizeichef; ich habe mit ihm zusammengearbeitet.

JOHNSON: Lief alles reibungslos, oder gab es irgendwelche Schwierigkeiten oder Probleme?

ROWLEY: Nun, Sie erinnern sich ja, Churchill war besiegt, und man musste warten, bis [Clement] Attlee informiert worden war und zum Treffen erschien. Stalin täuschte Krankheit vor, und Truman sagte: „Wenn wir morgen kein Treffen haben, gehe ich nach Hause.“ Und Stalin wurde ganz schnell wieder gesund.

JOHNSON: Gab es also keine Probleme mit den Russen, als Sie mit ihnen zusammengearbeitet haben?

ROWLEY: Nein.

JOHNSON: Gut.

ROWLEY: Das einzige Problem, war, dass Oberst Smith und ich uns mit den Russen trafen … Gegen zwei oder drei Uhr morgens riefen Oberst Kerensky und ein General Gorlinsky an (…). Sie sagten: „Wir können uns nicht einigen; wir brauchen die Zustimmung der Vorgesetzten.“ Ich war das gewohnt. Wir fuhren also hin und arbeiteten bis etwa zehn Uhr morgens, besprachen die Details und kehrten zu den Plänen zurück, die wir am Vortag vereinbart hatten. Sie versuchten, uns zu zermürben und gefügig zu machen.

Es handelte sich hier um Nikolai Dmitrievich Gorlinskij23https://generals.dk/general/Gorlinskii/Nikolai_Dmitrievich/Soviet_Union.html, Generalleutnant des NKWD und zuständig für die Sicherheit der Konferenz. Diese Aufgabe übte er auch während der Konferenz in Teheran aus. Die zweite Person war der NKWD-Oberst Michail Makarowitsch Koretsky24https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D0%BE%D1%80%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9,_%D0%9C%D0%B8%D1%85%D0%B0%D0%B8%D0%BB_%D0%9C%D0%B0%D0%BA%D0%B0%D1%80%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87.

1946 musste George C. Drescher seinen Dienst als Personenschützer für Truman quittieren und Rowley, bis dahin sein Assistent bzw. Stellvertreter, rückte als SAIC nach.

Die New York Times berichtete am 5. April 1946 über den Vorgang:

WASHINGTON, 4. April – George Drescher wurde von seiner Position als leitender Agent der Secret-Service-Einheit abgelöst, die für den Schutz von Präsident Truman zuständig ist; dies teilte Minister Vinson heute mit.
In der offiziellen Verlautbarung hieß es zwar, er sei „versetzt“ worden; doch die Tatsache, dass Herr Drescher bekanntermaßen die persönliche Gunst des Präsidenten genoss und erst vor einem Jahr mit der Leitung von dessen Personenschutz betraut worden war, ließ den Schluss zu, dass er tatsächlich seines Amtes enthoben worden war.
Wie üblich, wenn sich derartige Vorfälle beim Secret Service ereignen, beschränkten sich höhere Beamte zu diesem Thema auf den knappen Kommentar: „Kein Kommentar.“ Herr Drescher – der seine Position im Weißen Haus angetreten hatte, da er Herrn Truman bereits während dessen Vizepräsidentschaft als dessen persönlicher Personenschützer gut kennengelernt hatte – wurde vom Weißen Haus abberufen und mit Wirkung zum 1. Mai als leitender Agent des Secret Service nach Baltimore versetzt.
Der stellvertretende leitende Agent, James J. Rowley – ein erfahrener Personenschützer von Präsidenten –, übernahm nach dem Ausscheiden Dreschers kommissarisch dessen Leitungsposition. Herr Rowley, der als designierter Nachfolger Dreschers galt, war im Jahr 1938 von New York aus zum Secret Service gekommen.

Einen Tag nach dem Interview mit Rowley, am 21. September 1988, unterhielt sich Niel M. Johnson mit Floyd M. Boring, der ebenfalls für den Secret Service in Potsdam arbeitete.25https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/boring#12

Boring fuhr die Präsidentenlimousine und gehörte mit James Rowley dem Vorauskommando für die Potsdamer Konferenz an.

JOHNSON: Gab es bei den Vorarbeiten in Potsdam irgendwelche Probleme?

BORING: Nein.

JOHNSON: Sie mussten also in gewissem Maße mit den Russen zusammenarbeiten, nicht wahr?

BORING: Ja, schon, aber man kam recht gut mit ihnen aus. Wissen Sie, sie machen Polizeiarbeit, etwas Ähnliches wie wir. Ich meine, Polizisten sind weltweit ziemlich ähnlich.

JOHNSON: Gibt es Reisen, die Ihnen im Hinblick auf den gebotenen Schutz besonders in Erinnerung geblieben sind?

BORING: Nun ja, die Reise nach Potsdam war natürlich an sich schon einzigartig. Ich glaube, wir sind in Brüssel gelandet, und dort gab es ein Auto mit Linkslenkung. Ich bin dieses Ding gefahren, und das war ungewöhnlich für mich.

JOHNSON: Auf der linken Straßenseite.26Diese Aussagen sind unverständlich. In den USA galt und gilt Rechtsverkehr, wie auch damals in Belgien, so dass sich das Lenkrad auf der linken Seite des Fahrzeugs befindet.

BORING: Genau. Wir fuhren über Brücken, so Pontonbrücken, und ich nehme an, du kennst die Geschichte vielleicht. Ich weiß nicht, ob du sie kennst oder nicht.
Wir warteten draußen. Der Präsident in der Nähe seines Wagens. Ein Oberst begleitete den Präsidenten regelmäßig, einfach als Gesellschaft, und [George C.] Drescher – das war eine seiner letzten Reisen dorthin – stieg in den Wagen. Dieser Oberst sagte zu Präsident Truman: „Hören Sie, ich weiß, Sie sind hier allein; Ihre Frau ist noch nicht da.“ Und er fügte hinzu: „Wenn Sie etwas brauchen, kümmere ich mich gern darum.“

BORING: Er [der Präsident] sagte: „Halt! Sag nichts mehr. Ich liebe meine Frau, und meine Frau ist mein Schatz. Ich will so etwas nicht mehr. Du sollst das nie wieder zu mir sagen.“ So ungefähr hat er es beendet.

JOHNSON: Das war in Potsdam?

BORING: Genau. Dann hatte ich noch so einen Zwischenfall mit ihm, und der wird dich bestimmt zum Lachen bringen. Das sind echt lustige Anekdoten. Eines Tages kam er raus, und hatte vergessen, seinen Hosenstall zuzuknöpfen. Ich überlegte mir die wildesten Wege, ihm klarzumachen, dass sein Hosenstall offen war. Ich sah mich um und sagte: „Herr Präsident, Ihr Pferd wird Ihnen gleich davonlaufen. Wenn Sie die Scheune nicht abschließen.“ Er sagte: „Na, vielen Dank auch.“ Und schloss seinen Hosenschlitz. Den Spruch hatte er wohl schon mal gehört.

BORING: Jedenfalls wollte er sich mit einer Gruppe der DAR treffen, daher war es gut, ihn daran zu erinnern. Es war einfach eine lustige Begebenheit.

Bei der DAR handelte es sich um die „Daughters of the American Revolution„. Die am 11. Oktober 1890 gegründete patriotische Frauenvereinigung will das Erbe der Amerikanischen Revolution von 1776 wachhalten und hat es sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an die Vergangenheit zu pflegen sowie Bildung und Patriotismus zu fördern.27https://de.wikipedia.org/wiki/Daughters_of_the_American_Revolution Die von Boring beschriebene Episode ereignete sich nicht während der Potsdamer Konferenz.

Von links nach rechts (hintere Bank): Präsident Harry S. Truman, Außenminister James Byrnes, und Admiral William Leahy. Halt mit dem Auto, das von Floyd M. Boring vom Secrete Service gefahren wird, vor den Trümmern der Reichskanzlei in Berlin. Um das Fahrzeug stehen weitere Secret Service Beamte – George Drescher, John Campion, Elmer Hipsley, John Walker, und Howard Anderson. Truman spricht mit General Harry Vaughan.   Quelle: Harry S. Truman Library

Secret Service, Criminal Investigation und Militärpolizei

Anhand der Telefonverzeichnisse der US-Delegation konnten 28 Personen ermittelt werden, die für den Secret Service tätig waren und auf dem Delegationsgelände zumeist in der Kaiserstr. 71  wohnten.

Name, VornameDienstadresseUnterkunftTätigkeit
Anderson, Howard S.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71Assistant Supervising Agent (ASAIC)
Anheier, HarryKaiserstr. 1Kaiserstr. 1
Barry, Frank M. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Beary, James, M.  Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Behn, Gerald A. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71Assistant Supervising Agent (ASAIC)
Boring, Floyd M. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Campion, John E. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Daigle, Andrew G.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Drescher, George C. Kaiserstr. 2Kaiserstr. 2SAIC
Gilliam, Wilson A. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Gorham, John T.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Haman, Walter A.Kaiserstr. 1Kaiserstr. 1
Hipsley, Elmer R.Kaiserstr. 1 (?)Kaiserstr. 1
Holmes, Rubert E.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Kauffman, Richard G. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Kearney, William T.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Kellerman, Roy H.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Maloney, James J.Kaiserstr. 2Kaiserstr. 2Chief of Secret Service
McGrath, JohnKaiserstr. 1Kaiserstr. 1
O`Driscoll, Daniel J.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Roberts, Emory P.        Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Rowley, James J. Kaiserstr. 1Kaiserstr. 1Assistant Supervising Agent (ASAIC)
Special Service Stubenrauchstr. 8Stubenrauchstr. 8
Spicer, Vernon D. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Stoner, Frank G. Kaiserstr. 2Kaiserstr. 2
Torina, Michael Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Waters, Edward M. Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71
Weir Albert T.Kaiserstr. 71Kaiserstr. 71

Weitere Personen waren in der US-Besatzungszone in Berlin-Zehlendorf, Potsdamer Straße, untergebracht. Dazu gehörten Richard Beckman, Jim Brennen, Frank Cannon, Lee Farrell, Milton Kroll, Walter Maurovitch, Carl Morisse, John Osterholt, Wilbur Wagner und Ben Wallons. Sie waren Agenten der Criminal Investigation Division, United States Army und gehörten zu der Spezialeinheit, die Präsident Truman im Schloss Cecilienhof beschützte. Sie gehörten nicht u den Mitgliedern der Delegation und stehen auch nicht in ihrem Telefonverzeichnis

Kaiserstr. 71, um 1900. Quelle: Limberg, Jörg, Neubabelsberg. …, Worms, 2021, S. 172.

Darüber hinaus war für die Sicherheit des Präsidenten und der US-Delegation insgesamt die Militärpolizei zuständig. Geführt wurde sie vom Militärpolizeichef (Provost Marshal) für den Bereich Berlin, Oberstleutnant James P. Smith Jr. . Major William J. E. Keish kommandierte das 713th Military Police Battalion. Smith war in der Stubenrauchstr. 6 untergebracht. Keish und die ihm unterstellten Militärpolizisten  in der Kaiserstr. 66.

Kaiserstr. 66, heute Karl-Marx-Str. 66.

Die Militärpolizei verwaltete die Herstellung und Ausgabe der Passierscheine und kontrollierte, dass diese nicht zweckentfremdet eingesetzt wurden. Sie überwachte die Zufahrten zum Delegationsbereich und die Situation an sicherheitsrelevanten Objekten.

Militärpolizisten des 713th Military Police Battalion kontrollieren Fahrzeuge und Personen an einer der Straßensperren zum US-Delegationsbereich in Neubabelsberg.  Quelle: Harry S. Truman Library

Für das „Little White House“, die Neubabelsberger Residenz des US-Präsidenten in der Kaiserstraße 2, waren zum Beispiel 16 Militärpolizisten eingesetzt. Sie wechselten zwischen Früh-, Mittags- und Nachtschicht und hatten an den ihnen zugewiesenen Standorten Telefonanschluss. Auf dem Griebnitzsee fuhr vor dem US-Areal ein Schiff der Militärpolizei Patrouille. Als besonders wichtig waren die Hydranten angesehen worden, die im Brandfall das Löschwasser liefern sollten und für die Trinkwasserversorgung benötigt wurden. Deshalb befand sich dort jeweils ein Posten der Militärpolizei.

Blatt 1 des Sicherheitsplans für die Neubabelsberger Residenz des US-Präsidenten. Unten rechts (A) ist die Residenz eingezeichnet.
Blick in den Garten vor der Truman-Villa mit patrouillierendem Militärpolizisten.

Chad B. Newswander promovierte 2009 zum Doctor of Philosophy. Public Administration and Public Affairs. Seine Dissertation trägt den Titel „Presidential Security: Bodies, Bubbles & Bunkers„. Auf über 500 Seiten befasst er sich mit der Entwicklung des Secret Service und mit der Geschichte der von ihm entwickelten und genutzten Verfahren für den Schutz des Präsidenten der USA (POTUS).

Die Entwicklung des Secret Service und seiner Schutzverfahren verlief sporadisch und uneinheitlich. In den vergangenen 100 Jahren wurde diese sich herausbildende Rationalität von einer Vielzahl von Quellen gespeist, die dazu beitrugen, das Konzept und die Praxis der Sicherheit des Präsidenten zu gestalten. Die Themenbereiche der Unsicherheit und der Sicherheit schufen wechselseitig die Vorstellung von der Gefährdung und der Unversehrtheit des Präsidenten. Staatsfeinde trugen dazu bei, das staatliche Handeln zu formen, während Freunde des Präsidenten bestrebt waren, ein Bild präsidialer Erhabenheit zu vermitteln. In diesem Kontext sah sich der Secret Service gezwungen, räumliche Bereiche abzusichern, um Bedrohungen zu verbergen und zu verschleiern, während er gleichzeitig den Körper des Präsidenten der Öffentlichkeit präsentieren und offenbaren musste. Die Fähigkeit, Bedrohungen zu kontrollieren und das präsidiale Spektakel zu koordinieren, versetzte den Dienst in die Lage, über Körper und Geist des Präsidenten zu verfügen. Gestützt auf diesen disziplinarischen Apparat ist der Secret Service in der Lage, „Blasen“ und Bunker zu errichten, die dazu bestimmt sind, die „zwei Körper“ des Präsidenten zugleich zu schützen und einzuschließen.28Newswander, Chad B., a.a.O., S. ii f.

Ausführlich geht er auf die Regierungszeiten von Harry S. Truman. Klammert das Thema Potsdamer Konferenz jedoch vollständig aus. Interessant sind seine Untersuchungen dennoch. Vermitteln sie doch ein interessantes Bild vom Verhältnis Secret Service – Präsident Truman.

Während seiner Amtszeit lehnte Truman den präsidialen Schutz zunächst ab und widersetzte sich ihm, um ihn schließlich anzunehmen und zu legitimieren. Dieser Wandel – von Trumans anfänglicher Weigerung, sich zu Beginn seiner Präsidentschaft an die Protokolle des Secret Service zu halten, hin zu seiner widerwilligen Akzeptanz des Schutzes am Ende seiner Amtszeit – spiegelt auf perfekte Weise die Entwicklung des Sicherheitsprinzips wider: von einem noch in den Anfängen steckenden Konzept, dem man sich noch widersetzen konnte, hin zu einem voll ausgereiften und robusten Prinzip, das unbedingte Beachtung verlangt. Die Institution, die als United States Secret Service bekannt ist, sollte für das amerikanische Regierungssystem fortan kein Fremdkörper mehr sein, da ihre Logik und ihre Praktiken nunmehr akzeptiert wurden. Unter dieser neuen Regierung sah sich der Dienst jedoch einer gewaltigen Widerstandskraft gegenüber – verkörpert durch Truman selbst – sowie einem weiteren Attentatsversuch, der beinahe geglückt wäre. 29Ebenda, S. 229 f.

Um den Präsidenten trotzdem wirkungsvoll schützen zu können, entwickelte der Secret Service die „Drei Perimeter Philosophie„. Ein Perimeter (von griechisch perimetros = „Umfang“ oder „Messung um etwas herum“) bezeichnet generell die äußere Grenze eines bestimmten Bereichs. In diesem Fall handelte es sich um drei Sicherheitszonen, die um den Präsidenten geschaffen wurden. Vermutlich kam dieses Prinzip erstmalig während der Potsdamer Konferenz zur Anwendung. Die amerikanische Sicherheitsvariante hatte ein Pendant in den Sicherheitsbereichen, die die sowjetischen Gastgeber um den Unterbringungsbereich in Neubabelsberg und den Konferenzort im Neuen Garten anlegten bzw. zwischen ihnen.

Diese Sicherheitslogik bestand darin, drei konzentrische Kreise um den Präsidenten zu bilden, wobei die äußere Schicht am dünnsten und die innere Schicht am dichtesten angelegt war. Ein potenzieller Angreifer hätte jede einzelne Sicherheitsebene infiltrieren und überwinden müssen, bevor er oder sie den Präsidenten angreifen konnte. Der äußere Ring bestand aus der Polizei des Weißen Hauses, die das Gelände des Weißen Hauses bewachte, oder aus Agenten des Secret Service, die an Ausgängen oder gefährdeten Zugangspunkten postiert waren, wenn der Präsident einen öffentlichen Auftritt absolvierte. Diese Sicherheitskräfte waren in der Regel lediglich mit einer Dienstpistole ausgerüstet. Der mittlere Sicherheitsring war für die Überwachung von Treppenhäusern, Korridoren und anderen Bereichen in unmittelbarer Nähe des Präsidenten zuständig. Auch diese Leibwächter trugen lediglich eine Dienstpistole, hatten jedoch jederzeit Zugriff auf Maschinenpistolen („Tommy Guns“) und andere leistungsstarke Waffen, um einen Angriff abwehren zu können. Die letzte und innerste Sicherheitsebene bildeten jene Agenten, denen die Verantwortung übertragen war, sich stets in unmittelbarer Nähe des Präsidenten aufzuhalten. Sie fungierten als eine Art „mobile Panzerung“ für den Körper des Präsidenten. Auch diese Agenten trugen wiederum ausschließlich Dienstpistolen. Der Sinn dieses auf drei Verteidigungsebenen aufgebauten Sicherheitskonzepts bestand darin, dem Secret Service die Möglichkeit zu geben, „jeden möglichen Zugangsweg zum Präsidenten unter ständiger Überwachung“ zu halten (Baughman & Robinson, 1963, S. 87).30Ebenda, S. 238 f.

Entsprechend der Philosophie von den drei gesicherten Bereichen rund um den Präsidenten und sein Gefolge gab es in Neubabelsberg folgende Zonen:

Sicherheitszone 1
Die Grenzen der für die Unterbringung der Delegationen insgesamt geschaffenen Sperrzone.

Sicherung durch Einheiten des sowjetischen Gastgebers, an  Kontrollpunkten ergänzt durch Militärpolizisten der USA bzw. Großbritanniens.

Sicherheitszone 2

Grundstück Kaiserstraße 2

Sicherung an den Ein- und Ausgängen zum Grundstück durch US-Militärpolizisten. Auf dem Grundstück durch Militärpolizisten unterstützt durch Agenten des Secret Service.

Sicherheitszone 3

Villa Kaiserstr. 2

Sicherung durch Personenschutz des Secret Service.

Die Engraving Section des Berliner Hauptquartiers der US-Army hatte nicht nur vom Grundstück einen detaillierten Plan angefertigt, sondern auch von jeder Etage des Little White House, Kaiserstr. 2. Darin war festgehalten, welche Räume welchen Personen für Arbeit und als Unterkunft zugewiesen worden waren. Die Aufenthaltsorte der Secret Service Agenten sind darin nicht enthalten.

1. Obergeschoss der Kaiserstr. 2 mit den Räumen von Präsident Harry S. Truman. Quelle: Harry S. Truman-Library.

Die Bewacher der US-Delegation im Schloss Cecilienhof

Der Secret Service war zuständig für den Personenschutz des Präsidenten in der US-Sonderzone in Neubabelsberg und während der Fahrten mit dem Auto zwischen seiner Residenz und dem Konferenzort Schloss Cecilienhof bzw. außerhalb des für die Delegationen festgelegten Gebiets. Der Personenschutz galt auch bei den Flügen mit er Präsidentenmaschine sowie auf dem schweren Kreuzer USS „Augusta“ während der Ozeanquerung zwischen Europa und der USA.

Am Eingang von Schloss Cecilienhof endete die Zuständigkeit des Secret Service und der Personenschutz wurde von den Männern der Criminal Investigation Division übernommen. Richard R. Beckman war einer von ihnen. Im Interview mit dem Historiker Neil M. Johnson von der Harry S. Truman Library and Museum berichtete er am 5. Juli 1991 überseine Tätigkeit.

Geleitet wurde die Einheit im Schloss Cecilienhof von Milton Kroll.

JOHNSON: Wem waren Sie unterstellt? Wer war Ihr Vorgesetzter?

BECKMAN: Milt Kroll. Uns wurde gesagt, wir bräuchten jemanden, der so etwas wie der Chef wäre. Inoffiziell nannten wir ihn Chefagent.

JOHNSON: Ihre Berichte gingen also an ihn?

BECKMAN: Ja, und er nahm sie entgegen und leitete sie an das zuständige Büro weiter.31https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 37 f.

Die Kriminalagenten kamen am 7. Juli 1945 an und wurden von den Russen zunächst in einem verlassenen Krankenhaus untergebracht, Am 9. Juli hatten sie sich in Zehlendorf ein Domizil beschafft.

JOHNSON: Okay, ich nehme an, Sie haben am 9. Juli ein schönes, modernes Haus im Pressecamp-Bereich, direkt an der Potsdamer Straße, gefunden.

BECKMAN: Ja.

JOHNSON: Ich sehe die Potsdamer Straße hier auf dieser Karte nicht, oder?

BECKMAN: Nein, sehen Sie, das sind Sie nicht…

JOHNSON: Es ist weiter weg.

BECKMAN: Nein, das ist in Berlin selbst, nicht im Potsdamer Raum.

JOHNSON: Sie hatten also damals Wohnräume, die mehrere Kilometer vom Standort Potsdam entfernt lagen.

BECKMAN: Oh ja, ich würde sagen, unser Zuhause war fünf bis zehn Meilen entfernt.

Die Entfernungsangabe bezog sich auf den Arbeitsplatz im Schloss Cecilienhof. Die einzige Aufgabe war es, den Präsidenten und seine Begleitung im Schloss Cecilienhof zu bewachen und die Privaträume des Präsidenten im Schloss rund um die Uhr zu überwachen. Die Grundlage für die Vorberreitung und die Planung der konkreten Einsätze bildeten Grundrisse vom Schloss, die Agenten des Secret Service angefertigt hatten.

JOHNSON: Sie haben also diese Zeichnung des Secret Service und auch Ihre Skizze des amerikanischen Teils des Cecilienhofs, richtig? [Siehe Anhang I]

BECKMAN: Richtig.

JOHNSON: Und der Secret Service hat hier auch eine Skizze, eine Art Architekturzeichnung. Die uns vorliegenden, öffentlich zugänglichen Akten des Secret Service enthalten einen Grundriss des ersten und zweiten Stockwerks des amerikanischen Teils des Cecilienhofs. Sie hatten also Gelegenheit, diese zu vergleichen. Handelt es sich bei Ihrer Skizze um eine Skizze des ersten Stockwerks?

BECKMAN: Richtig.

JOHNSON: Stimmen sie überein?

BECKMAN: Ich finde das erstaunlich. Sie korrespondieren miteinander. Natürlich ist ihre Zeichnung professionell und…

JOHNSON: Die Terminologie mag etwas anders sein. Was sie beispielsweise als „Wohnzimmer“ bezeichnen, nennen Sie „privates Speisezimmer des Präsidenten“.

BECKMAN: Vielleicht wussten die Mitarbeiter des Secret Service noch nicht, wie das Ganze später genannt werden würde, als sie diese Skizze anfertigten.

JOHNSON: Ja, das hätte man im Voraus erledigen können. Was sie als „Präsidentenbüro“ bezeichnen, haben Sie als „Arbeitszimmer des Präsidenten“ aufgeführt. Dann steht dort nur „BR“ für britisch, und das haben Sie als „Arbeitszimmer des britischen Premierministers“ angegeben.

BECKMAN: Richtig. Und das Esszimmer hier…

JOHNSON: Ja, aber es gibt ja den Speisesaal und die Küche.

BECKMAN: Sie gingen nicht in den Küchenbereich, als sie die Karten anfertigten.

JOHNSON: Okay, aber sie haben diesen langen Flur, den Sie, nehme ich an, verkürzt haben.

BECKMAN: Ja. Und ich habe vergessen, die Erkerfenster einzufügen.

JOHNSON: Und da sind diese kleinen Kreise und Quadrate. Die kleinen Kreise markieren die Standorte der Militärpolizei, und die Quadrate zeigen die Standorte der Kriminalpolizei an. 32Ebenda, S. 69 ff.

Johnson versuchte die Erinnerung seines Gesprächspartners an die konkreten Arbeitsbedingungen im Cecilienhof zu animieren. Beckman selbst hatte sich im Büro des US-Präsidenten aufgehalten. Im Eingangsbereich zu den Zimmern des Präsidenten stand Milton Kroll und John Osterholt bewegte sich zwischen Erdgeschoss und Obergeschoss. Die Agenten arbeiteten in zwei Schichten von jeweils 12 Stunden. In beiden Geschossen waren drei Kriminalisten tätig, zusammen also sechs.

JOHNSON: Sie gingen, glaube ich, so gegen 2 Uhr morgens zur Arbeit, zumindest um 1 Uhr. In einem Ihrer Briefe vom 20. Juli 1945 schrieben Sie, Ihr Tag beginne um 2 Uhr morgens und Sie hätten um 9 Uhr Feierabend. Sie fuhren nach Hause, was etwa 16 Kilometer waren, frühstückten, gingen ins Bett, versuchten zu schlafen, standen gegen 14 Uhr auf, lasen die „Stars and Stripes“, aßen zu Abend, gingen wieder ins Bett, versuchten zu schlafen, standen um 23 Uhr auf, aßen noch einmal und fuhren dann um 1 Uhr nachts zur Arbeit. Genau, wo befand sich damals Ihre Unterkunft?

BECKMAN: Nun, wo ich gegessen habe und alles andere war bei uns zu Hause.

JOHNSON: Gleich an der Potsdamer Straße.

BECKMAN: Ich könnte Ihnen die Adresse geben, wenn Sie das Tonbandgerät nur für eine Sekunde ausschalten.

JOHNSON: Okay. Sie sagten, Sie seien etwa eine Viertelmeile vom Pressecamp entfernt gewesen. Das Pressecamp befand sich in der Potsdamer Straße, erinnern Sie sich?

BECKMAN: Ich glaube nicht. Ich denke, es ist dort eine Kreuzung; Sie verstehen, das ist 47 Jahre her.

JOHNSON: Dort hatte die Presse…

BECKMAN: Dort wohnten sie alle.33Ebenda, S. 72 f.

Während des Gesprächs hatten Johnson und Beckman den Plan vom Cecilienhof vor sich liegen und versuchten die damalige Bewachungssituation so genau wie möglich zu rekonstruieren.

OHNSON: Haben Sie eine Ahnung, wem dieser Bereich hier gehörte, bevor man in den Speisesaal kam? Da ist ein Quadrat.

BECKMAN: Das ist der Eingang zum Esszimmer, der vom Flur abgeht.

JOHNSON: Ja, haben Sie eine Ahnung, wer da gewesen sein könnte?

BECKMAN: Ich glaube, Carl und Milt haben sich da abgewechselt.

JOHNSON: Okay, in der Nähe des Eingangs.

BECKMAN: Ja.

JOHNSON: Okay.

BECKMAN: Ich glaube, Farrell und Wallons waren in der Halle tätig.

JOHNSON: Farrell und Wallons. Habe ich seinen Namen hier?

BECKMAN: Ben.

JOHNSON: Ben Wallons, okay. Dann geht man am Speisesaal vorbei zum Wohnzimmer oder zur Bibliothek des Präsidenten. Dies nannte man das private Esszimmer des Präsidenten. Und daneben befand sich das Büro oder die Bibliothek, die du als Study bezeichnest.

BECKMAN: Ja.

JOHNSON: Dort gab es Bücher. Hier haben Sie die Bücher gefunden, die Sie uns geschickt haben, wie zum Beispiel das Buch von Sorrell und Sohn.34Beckman hatte seine persönlichen Erinnerungsstücke an die Tätigkeit während der Potsdamer Konferenz der Truman-Bibliothek übergeben.

BECKMAN: Richtig. Das Buch enthält das Exlibris von Kronprinz Wilhelm.

JOHNSON: Ich glaube, auf einem dieser Fotos sieht man Sie in einem Polstersessel sitzen.35Ebenda, S. 74 f.

Die Agenten der Criminal Investigation trugen Zivilkleidung. Doch diese ging bei der Landung in der Normandie verloren, so dass sie in Frankreich und Belgien Uniform. Restbestände der Zivilkleidung bewahrten sie in Paris auf und mussten diese holen, als der Auftrag für die Bewachung des Präsidenten im Schloss Cecilienhof kam.

BECKMAN: Wir hatten keinerlei Bedürfnis, Zivilkleidung zu tragen. Aufgrund der Art unserer Arbeit wollten wir das auch gar nicht, denn in Uniform, in einer Uniform der Vereinigten Staaten, fühlte man sich deutlich wohler und sicherer als in Zivilkleidung.
Als wir später nach Potsdam versetzt wurden, fuhren Milt Kroll und Carl Morisse zurück nach Paris, um unsere Zivilkleidung abzuholen. Sie brachten auch meine mit, und meine sah wirklich furchtbar aus. Wir hatten überall Schäden. Ich erinnere mich an meinen Mantel, den Regenmantel und den blauen Harris-Tweed-Mantel. Am Ende hatte ich einen Regenmantel, der halb blau und halb beige war. Dasselbe passierte mit meinen Anzügen. Ich trug sie ungefähr dreimal und fühlte mich elend, weil die verschiedenen Farben durch das Meerwasser ausgeblichen waren. In Uniform fühlte ich mich viel wohler als in Zivilkleidung. Aber wie man auf den Fotos sieht – ich habe gerade eines von Carl Morisse und Alter Morovich gesehen – trugen einige von uns Zivilkleidung. Der Grund dafür war, dass ihre Kleidung nicht so stark beschädigt war wie meine.

JOHNSON: Sie hatten also die Wahl, nicht wahr?

BECKMAN: Oh ja. Ich habe der Bibliothek36Gemeint ist die Harry S. Truman-Library. den Befehl geschickt, mit dem Eisenhower uns die Erlaubnis erteilte, wieder Zivilkleidung anzulegen, wenn wir wollten. Wenn man an der Front ist, will man das aber nicht.37Ebenda, S. 76.

Die Passierscheine und Dienstausweise

Das Nationalarchiv der USA verfügt über Xerox Kopien von Entwürfen für Passierscheine und Dienstausweise, die während der Potsdamer Konferenz zum Einsatz kamen. Entworfen wurden sie vermutlich von den sowjetischen Gastgebern und dann den Briten und US-Amerikanern zur Begutachtung übergeben. Bei einzelnen Entwürfen finden sich Anmerkungen, die mit Bleistift hinzugefügt wurden. Inwieweit diese Berücksichtigung fanden, lässt sich nur durch einen Vergleich mit  den offiziellen Dokumenten feststellen, in die dann auch die realen Namen, Daten und Fahrzeuge eingetragen wurden.

Die Zahlen auf den Ausweisen weisen darauf hin, dass die einzelnen Bereiche innerhalb des Areals der einzelnen Delegationen sowie des gesamten Gebiets zur besseren Unterscheidung nummeriert wurden. Damit wurden zugleich Sprachprobleme mit den russischsprachigen Wachsoldaten umgangen.

Berechtigung für das zeitlich nicht eingeschränkte Befahren des gesamten Delegationsareals.
Berechtigung für das einmalige Befahren des Delegationsareals.
Ausweis für Mitarbeiter des Secret Service zum Betreten aller Bereiche des Delegationsareals.

Sonderausweis für das Betreten eines klar definierten Bereichs. In diesem Fall für das Grundstück der Residenz von Präsident Truman.

Originaldokument aus dem Privatbesitz von Oberstleutnant von John S. Wise.

Berechtigung für den Aufenthalt auf dem Gebiet der US-Delegation.

Sonderausweis für Mitglieder des Joint Chief of Staff.
Originaldokument aus dem Privatbesitz von Oberstleutnant von John S. Wise.
Die Ausweise wurden zumeist als Klappkarten ausgeführt und hatten dieses Deckblatt.
Dienstausweis von John S. Wise, aus dessen Privatbesitz.

Der Fahrzeugpark des US-Präsidenten

Wie bereits mehrfach hingewiesen, mussten umfangreich logistische Probleme gelöst werden, damit der US-Präsident seines Amtes entsprechend und vor allem mit ausreichender Sicherheit für seine Person an der Potsdamer Konferenz teilnehmen konnte.

Stalin war mit dem Zug nach Potsdam gereist. Churchill hatte den kürzesten Weg von seinem Urlaubsdomizil in Frankreich, und kam mit dem Flugzeug. Truman nutzte den schweren Kreuzer USS „Augusta“ für die Überquerung des Atlantiks und reiste ab Brüssel mit dem Flugzeug weiter.

Alle drei Staatschefs waren es gewöhnt, in sicheren Fahrzeugen vor Ort unterwegs zu sein. Zumal in einem Land, gegen das sie vor wenigen Wochen noch Krieg geführt hatten und dessen Bevölkerung im Angesicht der Niederlage und der im Krieg begangenen Verbrechen zwar demoralisiert war, aber nicht als ungefährlich angesehen werden konnte.

Seit 1939 gibt es offizielle „Presidential Cars“ für den jeweiligen Präsidenten der USA.38Vgl. Wittich, Holger, Vom Sunshine Special bis „The Beast“. Alle Autos der US-Präsidenten. In. Auto Motor Sport v. 20.01.2025. https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/the-beast-alle-autos-der-us-praesidenten/

Zu Beginn der Amtszeit von Franklin D. Roosevelt im Jahr 1933 umfasste die Fahrzeugflotte des Weißen Hauses 25 Autos, die der US-Präsident während seiner zwölf Jahre im Weißen Haus deutlich erweiterte. Sämtlichen Wagen soll Roosevelt Spitznamen verpasst haben. Eine seiner Lieblingslimousinen war die „Sunshine Special“ – ein Cabrio der Lincoln K Serie aus der Ford-Produktion von 1939. Roosevelt nutzte außerdem das 1932 vom Finanzministerium wegen Steuerhinterziehung konfiszierte Auto des Gangsters Al Capone und wurde so zum ersten US-Präsidenten, der in einem gepanzerten Fahrzeug fuhr. Mit den heutigen Sicherheitsstandards konnte der Wagen damals aber kaum mithalten: Die Panzerung bestand nur aus kugelsicherem Glas. 39Vgl. https://www.stern.de/fotografie/limousinen-der-us-praesidenten–von-der-kutsche-bis-zum-minipanzer_35985916-35985890.html

Ab 1939 wurde Franklin D. Roosevelt mit einem Fahrzeug der Lincoln K Sunshine Series gefahren. Das Fahrzeug, dessen Karosserie Brunn & Company fertigte, verfügte über extra breite Trittbretter, spezielle Plattformen an den hinteren Ecken und verchromte Griffe an den Seiten der Windschutzscheibe, damit Agenten des Secret Service mitfahren konnten, sowie über eine Funkanlage. Nach dem Tod von  Roosevelt im Jahr 1945 nutzte Präsident Harry S. Truman (1945–1953) das Fahrzeug bis 1950.
Als weiteres Auto, das beide Präsidenten genutzt haben sollen, wird  der Lincoln Custom genannt.

Der Lincoln K wurde von Roosevelt und von Truman als Präsidentenfahrzeug genutzt.

Roosevelt legte großen Wert auf Sichtbarkeit in Menschenmassen. Zugleich mussten aber auch die Sicherheitsmaßnahmen Beachtung finden. Präsidentenfahrzeuge sind ein Paradebeispiel für Gegensätze. Sie müssen elegant sein, um dem Amt gerecht zu werden, aber gleichzeitig robust genug, um starker Beanspruchung standzuhalten. Sie müssen den Präsidenten für die Öffentlichkeit sichtbar machen und ihm gleichzeitig Schutz vor Angriffen bieten. 40Vgl. https://artsandculture.google.com/story/transporting-the-president-the-henry-ford/QwVRu3riZjptIw?hl=en

Präsident Harry S. Truman (hinten l.) und Winston Churchill (hinten r.) in der Lincoln-Limousine in Fulton, Missouri am 5. März 1946. Quelle: Truman Library

Ankunft in Gatow

In einem Film vom Flughafen Gatow ist zunächst eine Fahrzeugkolonne zu sehen, die aus zwei vorausfahrenden Motorrädern, ein Cabriolet mit offenem Verdeck, einer Limousine mit Flaggen auf der Motorhaube, zwei Jeeps, einem Mannschaftswagen der Militärpolizei sowie zwei weiteren Limousinen  besteht. Ein weiterer Filmausschnitt zeigt Trumans Fahrzeug vor dem Flugplatz-Terminal, umgeben von Agenten des Secret Service. Bei den Limousinen handelt es sich um Buick Roadmaster der Serie 80 C (Baujahr 1938). Es ist das gleiche Fahrzeug, in US Olivgrün, dass General Eisenhower als Stabswagen genutzt hatte. Die Flaggen auf der Motorhaube sind die Nationalflagge der USA (Fahrerseite) und die Standarte des Präsidenten der USA (Presidential Standard), eine dunkelblaue Flagge mit dem offiziellen Siegel des Präsidenten in der Mitte. Das Cabriolet, das Truman auch bei seinem Ausflug nach Berlin nutzte (Foto unten), ist vermutlich ein Buick Roadmaster 80 C Phaeton-Cabriolet.

Die Fahrzeuge stammten offenbar aus dem Bestand der US-Okkupationsstreitkräfte.

Fahrzeug der Militärpolizei am Ende des Konvois bei Trumans Ausflug nach Berlin.

Den offenen Buick, der vom Secret Service Agenten Floyd M. Boring gefahren wurde, nutzte Truman immer wieder mal. Das Fahrzeug verfügte über drei Sitzreihen, wobei die dritte mit dem klappbaren Verdeck abgedeckt war, wenn der Präsident im Fahrzeug saß und nicht, wie oben zu sehen, mit einem Gast hinten stand oder auf dem Verdeck saß, um die Menschen zu grüßen. Bei offiziellen Anlässen, wie z. B. die tägliche Fahrt von der Residenz in Neubabelsberg zum Konferenzort Schloss Cecilienhof, kam vermutlich die Buick Limousine zum Einsatz.

Eine typische Situation, wie es bei einer Ausfahrt des Präsidenten während der Potsdamer Konferenz ausgesehen haben mag, zeigt dieser Fotoausschnitt. Es entstand am 16. Juli in Berlin in der Wilhelmstraße, nahe der Reichskanzleiruinen.  Quelle: Harry S. Truman Bibliothek

In den USA wurde der Präsident von weiteren Limousinen und anderen Fahrzeugen begleitet, zusätzlich oftmals auch von einem Konvoi von Motorrädern. Bei seinem Ausflug in das zerstörte Berlin begleiteten ihn lediglich zwei bis drei Jeeps mit Leuten vom Secret Service bzw. von der Militärpolizei. Es kann auch sein, dass einzelne Motorräder dabei waren, aber nicht fotografiert wurden.

Die Kennzeichnung der Limousine Trumans mit einem weißen Stern war ein Hinweis, dass es sich um ein Fahrzeug der US-Army handelte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde auf Panzern und Jeeps ein schlichter weißer Stern als schnelles Erkennungszeichen der Alliierten genutzt. Zur besseren Unterscheidung vom deutschen „Balkenkreuz“ wurde der Stern später oft mit einem weißen Kreis umgeben.41Vgl. https://www.reddit.com/r/AskHistorians/comments/5mtoxk/when_did_the_us_army_stop_using_the_white_star/?tl=de

Nicht beschrieben wird in historischen Aufzeichnungen, ob die vom Präsidenten für die Potsdamer Konferenz genutzten Fahrzeuge per Schiff aus den USA nach Europa gebracht wurden oder von der US-Army verwendete Fahrzeuge für den Präsidenten und sein Gefolge hergerichtet wurden. Die vorstehenden Ausführungen in diesem Text verweisen auf letzteres.
Im ersten Fall hätte es bereits bei der Ankunft Trumans in Antwerpen ein Problem gegeben. Für die Fahrt von Antwerpen nach Brüssel nutzte er eine Staatslimousine. Aber diese konnte nicht bereitstehen, als er rund drei Stunden später in Gatow landete. Sie hätte auf dem Landweg bzw. mit dem Zug von Brüssel nach Potsdam gebracht werden müssen. Und das war in dieser kurzen Zeitspanne nicht möglich.

In der Regel wurde Mr. Truman von James J. Rowley begleitet, dem leitenden Spezialagenten des „White House Detail“. Jim Rowley, ein Veteran des Secret Service, ist ein kräftiger, gutaussehender Ire aus New York, der im Außendienst Falschmünzer und Scheckfälscher jagte, bevor er Ende der 1930er Jahre dem „White House Detail“ zugeteilt wurde. Als erstklassiger Ermittler – intelligent, taktvoll, einfallsreich und mutig – stellt Rowley eine herausragende Bereicherung für den Secret Service dar. Seine Hingabe an seinen Beruf hat seine eigene Familie wahrscheinlich an mehr Feiertagen, Wochenenden, Abenden und besonderen Anlässen seiner Gesellschaft beraubt als dies bei jedem anderen Agenten der Fall ist. 42Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 247). Red Kestrel Books. Kindle-Version.

Über Trumans enorme Mobilität und die sich daraus ergebenden Herausforderungen für die zu seinem Schutz eingesetzten Secret Service Agenten wurde schon geschrieben. Floyd M. Boring, Fahrer des Präsidentenautos, schildert seine erste Begegnung mit POTUS wie folgt:

„Truman hätte Ihr Onkel oder Ihr Vater sein können. Ich sollte ihn vorübergehend als Chauffeur fahren. Er schüttelte mir die Hand und sagte, er freue sich, mich kennenzulernen; ich erinnere mich, dass ich mich fragte, ob er womöglich ein wenig schüchtern sei. So wirkte er jedenfalls. Nun, wir waren allein im Wagen, und ich fuhr ihn einige Minuten lang. Dann sagte er – als hätte er sich die Frage extra aufgehoben: ‚Wie lautet Ihr Vorname?‘ ‚Floyd, Sir‘, antwortete ich. Fünf weitere Minuten vergingen. Dann räusperte er sich und sprach herzlich, als hätte er gerade erst den Mut dazu gefasst: ‚Ich frage mich, ob es Ihnen etwas ausmachen würde, wenn ich Sie Floyd nenne‘, sagte er. Das ging einem direkt zu Herzen. Man konnte gar nicht genug für einen solchen Mann tun. Man stelle sich vor: Präsident der Vereinigten Staaten – und dabei so bescheiden und schlicht im Umgang mit seinem vorübergehenden Chauffeur. Das ist für mich wahre Größe.“ 43Palamara, Vincent. The Not-So-Secret Service: Agency Tales from FDR to the Kennedy Assassination to the Reagan Era (English Edition) (S. 57). Trine Day. Kindle-Version.

1950 erhielt Präsident Harry S. Truman eine maßgefertigte Lincoln-Limousine in Übergröße – die erste von zehn Fahrzeugen, die für das Weiße Haus gemietet wurden. Der große Wagen verfügte über vergoldete Beschläge im Fond, spezielle Trittbretter für Secret-Service-Agenten und ein glänzendes, gepolstertes Lederverdeck mit ausreichend Kopffreiheit für hohe Seidenhüte.44https://www.trumanlibrary.gov/photograph-records/69-124

Die geheimnisvollen Flüge der „Sacred Cow“

Derzeit ist es uns nicht möglich, den Untersuchungsbericht zur Potsdamer Konferenz von 1945 ausfindig zu machen. Es wird vermutet, dass Exemplare dieses Berichts an das Büro in New York übermittelt worden sein könnten. Bitte überprüfen Sie dies; falls dies zutrifft, leiten Sie die Unterlagen bitte umgehend per Post weiter – gekennzeichnet mit dem Vermerk „Zu meiner persönlichen Einsichtnahme“.

Dieser Vermerk des damaligen Chief U. S. Secret Service, Urbanus Edmund Baughman, stammt vom 22. Mai 1953.

Vom gleichen Tag ist auch ein Schreiben des Leiters (SAIC) der Secret Service Niederlassung in New York, Albert E. Whitaker an Baughman.

Entsprechend Ihrem Fernschreiben vom heutigen Tage wurde eine gründliche Überprüfung durchgeführt; es war uns jedoch nicht möglich, eine Kopie des Untersuchungsberichts zur Potsdamer Konferenz in unseren Akten ausfindig zu machen.

Um welchen Vorgang es in dem Untersuchungsbericht gehen soll, lässt sich aus den beiden Dokumenten nicht erschließen. Bei der Sichtung von Archivunterlagen fanden sich jedoch Unterlagen aus den Jahren 1945 und 1946, die sich mit der Potsdamer Konferenz befassen und den Charakter einer offiziellen Auseinandersetzung trugen.

Ausgangspunkt ist ein Zahlungsbeleg des Air Transport Command an das Büro des Secret Service für zwei Flüge, die während der Potsdamer Konferenz auf Weisung des Präidenten durchgeführt wurden. Die Kosten dafür will das Command nun eintreiben. Mit Schreiben vom 8. Dezember 1945 wehrt ist George C. Drescher, Supervising Agent White House, dagegen.

Es wird Bezug genommen auf Ihren Zahlungsbeleg Nr. 9-EVH (Ihre Akte 552.1), der die Gebühren für den Einsatz von „Spezialflugzeugen für Sonderaufträge“ sowie für Transportleistungen des Air Transport Command zugunsten des United States Secret Service im Zusammenhang mit der Präsidentenmission nach Potsdam, Deutschland, abdeckt.

Wir machen Sie auf bestimmte Fehler aufmerksam, die der „Special Mission, Foreign Section Branch“ unterlaufen sind:

  1. Der Flug, der am 21. Juli 1945 von … von Berlin nach Kopenhagen und von dort weiter nach Calo, Norwegen, durchgeführt wurde.
  2. Der Flug, der am 23. Juli 1945 durchgeführt wurde – einschließlich … – von Berlin nach Paris.

Beide Flüge wurden im privaten Flugzeug des Präsidenten, der „Sacred Cow“, in dienstlicher Angelegenheit und auf Anweisung des Präsidenten durchgeführt; folglich ist diese Abrechnung zu korrigieren, indem die oben genannten Posten – wie in Anlage Nr. 3 dargelegt – gestrichen werden. Es wird darum gebeten, so bald wie möglich einen ergänzenden, korrigierten Zahlungsbeleg einzureichen, aus dem die oben genannten Posten sowie die damit verbundene Bundesbeförderungssteuer entfernt wurden.

Bei Einreichung Ihres korrigierten Zahlungsbelegs wäre es hilfreich, wenn diesem die erforderlichen Steuerbefreiungsbescheinigungen der US-Regierung beigefügt würden; der Beleg wird daraufhin entsprechend unterzeichnet und zusammen mit dem erforderlichen Scheck – zahlbar an den Schatzmeister der Vereinigten Staaten – an Sie zurückgesandt.

Die Anlagen, die Ihrem Schreiben vom 25. Oktober beigefügt waren, werden hiermit zurückgesandt.

Mit freundlichen Grüßen

George C. Drescher

Mit Schreiben vom 18. Dezember 1945 wird Drescher mitgeteilt, dass der Zahlungsbeleg korrigiert wurde.

Entsprechend Ihrer Anforderung wurden im beigefügten ergänzenden Abrechnungsbeleg folgende Maßnahmen ergriffen:

  1. Die Kosten für die Beförderung von … von Berlin nach Kopenhagen am 21. Juli wurden gestrichen, da diese Reise im Privatflugzeug des Präsidenten, in dienstlicher Angelegenheit und auf Anweisung des Präsidenten erfolgte.
  2. Die Kosten für die Beförderung von … von Berlin nach Paris am 23. Juli wurden gestrichen, da auch diese Reise im Privatflugzeug des Präsidenten stattfand.
  3. Die US-Beförderungssteuer auf die vorgenannten Kosten wurde gestrichen.

Offen blieb noch ein zu begleichender Betrag in Höhe von 132,459, 07 Dollar, den das Air Command am 17. Mai 1946 einforderte.

Mit einem Schreiben des Secret Service scheint die Angelegenheit beigelegt worden zu sein:

Wir beziehen uns auf Ihr undatiertes Schreiben mit dem Aktenzeichen „F,m/mr/ LEV/JP/Af“, in dem Sie um Auskunft bitten, wann mit der Begleichung einer überfälligen Rechnung in Höhe von 132.459,07 $ gerechnet werden kann. Die betreffenden Reisen standen im Zusammenhang mit der Potsdamer Konferenz.

Die regulären Haushaltsmittel des Secret Service für Reisezwecke reichten nicht aus, um diesen großen Ausgabenposten zu decken, der zum Zeitpunkt der Haushaltsplanung völlig unvorhergesehen war. Es war daher erforderlich, einen Nachtragshaushalt zu beantragen, der dem Kongress gemeinsam mit einem kleineren Antrag zur Deckung anderer Ausgabenposten vorgelegt wurde.

Der Kongress bewilligte uns zwar die zusätzlichen Mittel zur Deckung der übrigen Ausgaben; hinsichtlich der Forderungen des A.T.C. (Air Transport Command) nahm er jedoch folgende Formulierung in das „Second Deficiency Act, 1946“ (Zweites Nachtragshaushaltsgesetz von 1946) auf: „…und die entsprechenden Haushaltsmittel des Kriegsministeriums haben die Kosten (132.550 $) für die Flugbeförderungsleistungen zu tragen, die dieser Behörde im Zusammenhang mit der Potsdamer Konferenz bereitgestellt wurden.“

Sie werden sicherlich Verständnis dafür haben, dass wir alle Anstrengungen unternommen haben, um Mittel zur Erstattung der Kosten an das Air Transport Command zu beschaffen; angesichts des oben zitierten Beschlusses des Kongresses ist uns dies jedoch nicht möglich.

Wir bedauern, dass wir Sie nicht bereits über diese Entwicklung informiert haben, als der Gesetzentwurf (H.R. 5890) am 27. März 1946 das Repräsentantenhaus passierte; es wurde jedoch davon ausgegangen, dass Ihre Behörde entsprechende Exemplare erhalten hätte.

Um welche im Auftrag des US-Präsidenten konkreten Transportleistungen und um welche beförderten Personen es ging, ließ sich nicht herausfinden. Die sich darauf beziehenden Aussagen in den Schreiben wurden vor der Freigabe für historische Recherchen geschwärzt.

Auch in den bislang ausgewerteten Dokumenten und in der Literatur konnten keine direkten Hinweise darauf gefunden werden, warum das Flugzeug des Präsidenten am 21. Juli 1945 nach Kopenhagen und weiter nach Oslo flog. Das trifft ebenfalls für den Flug am 23. Juli 1945 von Berlin nach Paris zu.

Für den ersten Flug könnte eine Aussage von William M. Rigdon, dem Adjutanten von Truman, eine Erklärung liefern:

Ich hatte mitbekommen, dass Truman Buttermilch mochte, also hatte ich auf dieser Reise einen Vorrat dabei. … Bei einer anderen Gelegenheit hatten wir frische Milch, Sahne und Buttermilch einfliegen lassen.

Um das Einfliegen von Wein, Mineralwasser und kulinarischen Köstlichkeiten aus Frankreich könnte es bei dem Flug am 23. Juli gegangen sein.

Anmerkungen

  • 1
    https://www.amazon.com/-/de/stores/author/B00GFZHJD0/about
  • 2
    https://www.law.cornell.edu/uscode/text/18/3056
  • 3
    https://www.govinfo.gov/help/uscode
  • 4
    Reese, Shawn (Analyst in Emergency Management and Homeland Security Policy(, Legislative Evolution of U.S. Secret Service
    Updated November 26, 2024, S. 12.
  • 5
    Ebenda, S. 7 f.
  • 6
    Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1945, S. 244
  • 7
    Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1946, S. 252
  • 8
    Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1945, S. XIII.
  • 9
    Annual report of the Secretary of the Treasury on the state of the finances for the fiscal year ended 30. June 1946, S. XIII.
  • 10
    The United States Secret Service WALTER S. BOWEN and HARRY EDWARD NEAL With a Foreword by U. E. BAUGHMAN Chief, U.S. Secret Service. The United States Secret Service was originally published in 1960 by Chilton Company, Philadelphia and New York. Als E-Book erschien das Buch 2019 bei Red Kestrel Books.
  • 11
    Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 217). Red Kestrel Books. Kindle-Version.
  • 12
    Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 301). Red Kestrel Books. Kindle-Version.
  • 13
    Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 223). Red Kestrel Books. Kindle-Version.
  • 14
    Ebenda, S. 224.
  • 15
    Ebenda, S. 230.
  • 16
    Vgl. Palamara, Vincent. The Not-So-Secret Service: Agency Tales from FDR to the Kennedy Assassination to the Reagan Era (English Edition 2017) (S. 36–37). Trine Day LLC, Walterville. Kindle-Version.
  • 17
    Truman, Harry S., Memoiren, Band I, Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 322 f.
  • 18
    https://hoover.archives.gov/research/manuscript-collections/drescher
  • 19
    https://hoover.archives.gov/research/oral-history-collections
  • 20
    https://en.wikipedia.org/wiki/James_Joseph_Rowley
  • 21
    https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/rowleyj
  • 22
    https://en.wikipedia.org/wiki/James_T._Blair_Jr.
  • 23
    https://generals.dk/general/Gorlinskii/Nikolai_Dmitrievich/Soviet_Union.html
  • 24
    https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D0%BE%D1%80%D0%B5%D1%86%D0%BA%D0%B8%D0%B9,_%D0%9C%D0%B8%D1%85%D0%B0%D0%B8%D0%BB_%D0%9C%D0%B0%D0%BA%D0%B0%D1%80%D0%BE%D0%B2%D0%B8%D1%87
  • 25
    https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/boring#12
  • 26
    Diese Aussagen sind unverständlich. In den USA galt und gilt Rechtsverkehr, wie auch damals in Belgien, so dass sich das Lenkrad auf der linken Seite des Fahrzeugs befindet.
  • 27
    https://de.wikipedia.org/wiki/Daughters_of_the_American_Revolution
  • 28
    Newswander, Chad B., a.a.O., S. ii f.
  • 29
    Ebenda, S. 229 f.
  • 30
    Ebenda, S. 238 f.
  • 31
    https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 37 f.
  • 32
    Ebenda, S. 69 ff.
  • 33
    Ebenda, S. 72 f.
  • 34
    Beckman hatte seine persönlichen Erinnerungsstücke an die Tätigkeit während der Potsdamer Konferenz der Truman-Bibliothek übergeben.
  • 35
    Ebenda, S. 74 f.
  • 36
    Gemeint ist die Harry S. Truman-Library.
  • 37
    Ebenda, S. 76.
  • 38
    Vgl. Wittich, Holger, Vom Sunshine Special bis „The Beast“. Alle Autos der US-Präsidenten. In. Auto Motor Sport v. 20.01.2025. https://www.auto-motor-und-sport.de/verkehr/the-beast-alle-autos-der-us-praesidenten/
  • 39
    Vgl. https://www.stern.de/fotografie/limousinen-der-us-praesidenten–von-der-kutsche-bis-zum-minipanzer_35985916-35985890.html
  • 40
    Vgl. https://artsandculture.google.com/story/transporting-the-president-the-henry-ford/QwVRu3riZjptIw?hl=en
  • 41
    Vgl. https://www.reddit.com/r/AskHistorians/comments/5mtoxk/when_did_the_us_army_stop_using_the_white_star/?tl=de
  • 42
    Bowen, Walter S.; Neal, Harry Edward. The United States Secret Service (English Edition) (S. 247). Red Kestrel Books. Kindle-Version.
  • 43
    Palamara, Vincent. The Not-So-Secret Service: Agency Tales from FDR to the Kennedy Assassination to the Reagan Era (English Edition) (S. 57). Trine Day. Kindle-Version.
  • 44
    https://www.trumanlibrary.gov/photograph-records/69-124

© GeschichtsManufaktur Potsdam, 27. Mai 2026