Der Secret Service war zuständig für den Personenschutz des Präsidenten in der US-Sonderzone in Neubabelsberg und während der Fahrten mit dem Auto zwischen seiner Residenz und dem Konferenzort Schloss Cecilienhof bzw. außerhalb des für die Delegationen festgelegten Gebiets. Der Personenschutz galt auch bei den Flügen mit der Präsidentenmaschine sowie auf dem schweren Kreuzer USS „Augusta“ während der Ozeanquerung zwischen Europa und der USA.
Am Eingang von Schloss Cecilienhof endete jedoch die Zuständigkeit des Secret Service, und der Personenschutz wurde von den Männern der Criminal Investigation Division, United States Army (CID) übernommen. Geleitet wurde die CID-Einheit im Schloss Cecilienhof von Milton P. Kroll. Ihr gehörten an:
Richard R. Beckman
Jim Brennen
Frank Cannon
Lee Farrell
Walter Maurovitch
Carl Morisse
John Osterholt
Wilbur Wagner
Ben Wallons.
Sie waren Agenten der CID und gehörten zu der Spezialeinheit, die Präsident Truman im Schloss Cecilienhof beschützte. Sie gehörten nicht u den Mitgliedern der Delegation und stehen auch nicht in ihrem Telefonverzeichnis.
Criminal Investigation Detachment- Grundlagen
Die Kriminalpolizeiabteilung (CID) ist eine Ermittlungsabteilung innerhalb einer Militär- oder Strafverfolgungsbehörde, die für die Untersuchung schwerer Verbrechen, Straftaten und komplexer Delikte zuständig ist.
In der US-Armee ist die Kriminalpolizei (früher: Kommando) für die Aufklärung schwerer Straftaten zuständig. Innerhalb dieser Organisation bezeichnet ein „Detachment“ eine spezielle operative Einheit, die an einem Militärstützpunkt oder in einem Einsatzgebiet stationiert ist. CID-Agenten und Detektive sammeln Beweismittel, führen Vernehmungen durch, sichern Tatorte und erstellen Fallakten für die Strafverfolgung.
Viele staatliche und regionale Polizeikräfte (insbesondere in Commonwealth-Staaten und einigen europäischen oder US-amerikanischen Stadtpolizeien) verwenden die Abkürzung „CID“ für die Zivilfahndungsabteilung, die schwere Verbrechen wie Mord, Betrug und organisierte Kriminalität untersucht.
Während des 2. Weltkrieges wurden Rechtsanwälte oder andere über eine juristische Ausbildung verfügende Personen für das CID einberufen. Ihre Grundausbildung erhielten sie im Fort Custer Trainings Center, Michigan. Hauptzweck des Lagers war die Ausbildung von Ersatzkräften der Militärpolizei.
Kroll und seine Leute gehörten zur am 12. August 1943 gegründeten und am 14. August in Fort Custer aktivierten 11. Militärpolizeiabteilung für Kriminalermittlungen der US-Armee an. Sie wurde am 19. März 1944 11th Criminal Investigation Section, am 11. Oktober 1944 in 11th Military Police Criminal Investigation Section und am 19. Januar 1945 in 11. 11th Military Police Criminal Investigation Detachment (CID) umbenannt.1Vgl. https://www.globalsecurity.org/military/agency/army/11mp.htm
Im Zweiten Weltkrieg unterstützte die Einheit Missionen in der Normandie, in Nordfrankreich, im Rheinland, in den Ardennen, im Elsass und in Mitteleuropa.2https://www.cid.army.mil/Media-Resources/Releases/Article-Display/Article/3827239/army-military-police-battalions-case-colors-in-europe-and-texas-as-part-of-tran/
Das 11th Military Police Criminal Investigation Detachment (CID) war eine spezialisierte, diskrete Ermittlungseinheit innerhalb der US-Armee. Sie war Teil des Militärpolizeilichen Generalstabs und zuständig für die Bearbeitung schwerer Straftaten, Sicherheitsverstöße und sensible Polizeieinsätze im europäischen Kriegsschauplatz. Ihre Arbeit war völlig unabhängig von der regulären militärischen Führung, um unvoreingenommene Untersuchungen von Verbrechen, Schwarzmarktaktivitäten und Angelegenheiten der Militärjustiz zu gewährleisten.
Es spielte eine entscheidende Rolle bei den Sicherheitsvorkehrungen und strafrechtlichen Ermittlungen im Zusammenhang mit der Potsdamer Konferenz (Juli–August 1945) und bewachte hochrangige Führungskräfte im Schloss Cecilienhof.
Richard Beckman trat seinen Armeedienst im April 1943 an.
Ich wurde zu einem Grundausbildungsbataillon der Militärpolizei (MP) in Fort Custer geschickt. Ich absolvierte den ersten Durchgang, der 17 Wochen dauerte. Nach diesen 17 Wochen wurden die Männer auf verschiedene Ausbildungseinrichtungen oder Kampfeinheiten verteilt. In diesem Durchgang schickte man alle weg – außer mich. Ich wurde zurückbehalten. Also begann der nächste Durchgang, und ich steckte wieder in der Grundausbildung. „Rechts um“, „Kehrtmarsch“ und all diese Dinge. Ich dachte nur: „Mein Gott, das ist ja, als wäre man im Kindergarten durchgefallen.“
Eines Tages wurde mir befohlen, meine Dienstuniform zu holen und mich im Lagerhauptquartier zu melden. Ich ging als einfacher Soldat hinein und wurde höflich behandelt. … Das war allerdings alles andere als die übliche Behandlung eines einfachen Soldaten in der Grundausbildung. Im Hauptquartier hieß es: „Der Oberst empfängt Sie gleich.“ Ich wurde ins Büro gerufen, salutierte zackig vor dem Oberst, und er sagte: „Nehmen Sie Platz.“ Dann begann er, mit mir zu reden, stellte mir viele Fragen und so weiter. Das Gespräch dauerte wohl etwa eine halbe Stunde. Er sagte: „Melden Sie sich wieder bei Ihrer Einheit.“ Das tat ich auch, aber in jener Woche war ich noch in der Grundausbildung.
Die Überraschung für Beckman folgte wenig später:
Ich erhielt einen Anruf mit der Anweisung: „Sie haben sich an der Provost Marshal General School zu melden.“ Ich hatte von dieser Schule absolut keine Ahnung. Nun, die Armee hatte die FBI-Schule übernommen – damit meine ich nicht, dass sie die FBI-Schule in Washington, D.C., geschlossen hätten, sondern sie verlegten die Ausbilder, die Ausrüstung und alles Weitere nach Camp Custer. Es waren 150 Soldaten aus allen möglichen Gegenden dort, die in Gruppen zu je fünfzehn Mann eingeteilt wurden. Es gab zehn Gruppen mit jeweils fünfzehn Mann. Wir absolvierten den Lehrgang an der sogenannten Provost-Marshal-General-Schule. Gleich zu Beginn der Ausbildung sagte man uns: „Derzeit sind in jeder Gruppe fünfzehn Mann, aber bis zum Abschluss werden nur noch zehn von Ihnen übrig sein.“ Das Verfahren zur Auswahl – also wie entschieden wurde, wer bleiben durfte und wer ausscheiden musste – lief über sogenannte „Bewertungslisten“, die jede Woche ausgegeben wurden. Auf der Liste, die man erhielt, standen die Namen der fünfzehn Männer der eigenen Gruppe. Jede Woche war man verpflichtet, alle fünfzehn Männer auf einer Skala von eins bis fünfzehn zu bewerten.
- Militärisches Recht und Polizeimethoden
- Kriminalpolizeiliche Ermittlungen und Forensik
- Gefangenenwesen und Internierung (Detainee Operations)
- Terrorismusabwehr und physische Sicherheit.
Anfang Juni 1942 verlegte die Armee die Militärpolizeischule nach Fort Oglethorpe, Anfang Dezember 1942 nach Fort Custer. Beckman stand vermutlich vor Oberst Hobart B. Brown, dem Chef der PMG, der wenig später nach Fort Oglethorpe versetzt wurde, um dort das Kommando über das neu gegründete Ausbildungszentrum des Dritten Frauenkorps der US-Armee zu übernehmen. 3Vgl. https://www.fortoglethorpe.info/militarypolice
Oberst Hobart B. Brown wurde Kommandant der Schule und damit vergleichbar mit einem Schulleiter. Oberst Archer L. Lerch übernahm die Position des kommandierenden Offiziers, vergleichbar mit der eines Schulamtsleiters. Der damalige Kommandant von Fort Oglethorpe war Oberst Duncan Richart. Obwohl die Schule seinem Kommando unterstand, oblag die tägliche Leitung Lerch und Brown.
Anfang Dezember 1942 verlegte die Armee die PMG-Schule erneut nach Fort Custer, Michigan. Oberst Brown wurde mit der Einheit versetzt, jedoch noch vor Ende Dezember zurück nach Fort Oglethorpe, um dort das Kommando über das neu gegründete Ausbildungszentrum des Dritten Frauenkorps der US-Armee zu übernehmen. Oberst Hobart B. Brown ist eine bedeutende Persönlichkeit in der Geschichte von Fort Oglethorpe.
In einem Interview, das Milton Kroll am 13. September 2001 Richard Phillips von der Securities and Exchange Commission Historical Society gab, sagte er:
Ich bin stolz darauf, dass ich am Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Potsdamer Konferenz für Nachrichtendienst und Sicherheit zuständig war.
Phillips begann sein Interview mit einer Vorbemerkung, aus der hervorgeht, dass ihn die Krolls Tätigkeit auf der Potsdamer Konferenz nur am Rande interessierte:
Wir führen dieses Gespräch mit Mr. Kroll, weil er der Kommission über einen Zeitraum von vierzehn Jahren – von 1940 bis 1953 – in der Rechtsabteilung (Office of General Counsel) angehörte; er begann dort als Jurist mit einem Jahresgehalt von 2.600 Dollar und beendete seine Tätigkeit 1953 als stellvertretender Chefjurist (Associate General Counsel) der SEC. Er hat die SEC in ihrer Anfangszeit intensiv erlebt, und wir sind heute hier, um Mr. Krolls Erinnerungen für die Nachwelt festzuhalten.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1943 begann der Rechtsanwalt Kroll seinen Armeedienst. Über seine Tätigkeit bei der Armee berichtet er:
Hier ist ein Schreiben von John Haas – Major des Air Corps, G4 der Eastern Section der Operational Intelligence Division und Assistant Chief of Air Staff – in seiner Funktion als Leiter der Far Eastern Section dieser Abteilung. Es stammt aus dem Jahr 1943. Es bezieht sich zwar auf meine Person, veranschaulicht aber zugleich unsere damalige Tätigkeit: „Herr Milton P. Kroll von der SEC war für diese Dienststelle bei der Beschaffung von Informationen für die Planung von Bombenangriffen von unschätzbarem Wert. Seine diesbezüglichen Beiträge erforderten eine umfassende und eingehende Auswertung von Akten und Publikationen sowie die Kontaktaufnahme mit Personen, die über derartige Daten verfügten.“ Genau solche Aufgaben haben wir wahrgenommen. Wir befanden uns damals noch in der Aufbauphase.
Im Interview mit dem Historiker Neil M. Johnson von der Harry S. Truman Library and Museum berichtete Beckman am 5. Juli 1991 über seine Tätigkeit auf der Potsdamer Konferenz. Zugleich übergab der ehemalige CID-Agent Johnson seine Fotos, die er mit seiner (heimlich genutzten) privaten Kamera in Berlin und Potsdam gemacht hatte.
JOHNSON: Wem waren Sie unterstellt? Wer war Ihr Vorgesetzter?
BECKMAN: Milt Kroll. Uns wurde gesagt, wir bräuchten jemanden, der so etwas wie der Chef wäre. Inoffiziell nannten wir ihn Chefagent.
JOHNSON: Ihre Berichte gingen also an ihn?
BECKMAN: Ja, und er nahm sie entgegen und leitete sie an das zuständige Büro weiter.4https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 37 f.
Unterkunft in der Villa von Hjalmar Schacht in Zehlendorf
Die Kriminalagenten kamen am 7. Juli 1945 an und wurden von den Russen zunächst in einem verlassenen Krankenhaus untergebracht, Am 9. Juli hatten sie sich in Zehlendorf ein Domizil beschafft.

JOHNSON: Okay, ich nehme an, Sie haben am 9. Juli ein schönes, modernes Haus im Pressecamp-Bereich, direkt an der Potsdamer Straße, gefunden.
BECKMAN: Ja.
JOHNSON: Ich sehe die Potsdamer Straße hier auf dieser Karte nicht, oder?
BECKMAN: Nein, sehen Sie, das sind Sie nicht…
JOHNSON: Es ist weiter weg.
BECKMAN: Nein, das ist in Berlin selbst, nicht im Potsdamer Raum.
JOHNSON: Sie hatten also damals Wohnräume, die mehrere Kilometer vom Standort Potsdam entfernt lagen.
BECKMAN: Oh ja, ich würde sagen, unser Zuhause war fünf bis zehn Meilen entfernt.
Richard R. Beckman war mit seinen Kollegen vom CID in Berlin-Zehlendorf West im Böckelweg 15 (ab 1947 Gilgestraße ) untergebracht. Das Haus hatte die Rote Armee beschlagnahmt und dann an die nachrückenden Amerikaner übergeben. Zwischen der Unterkunft und dem Arbeitsplatz im Schloss Cecilienhof bestand eine Entfernung von 12 Kilometern, was 7,46 Meilen entsprach. Mit dem Auto waren das 10 bis 15 Minuten Fahrzeit.

Besitzer des Hauses soll damals der Direktor der Schering AG, Dr. Herbert Rohrer gewesen sein. Laut Berliner Adressbuch von 1943 gehörte es jedoch Hjalmar Schacht, bis 1939 Reichsbankpräsident. Schacht wohnte in Charlottenburg, Badenallee 5. Vermietet hatte er das Haus in der Gilgestraße an Dr. Herbert Rohrer und Dr. Karl Guth, Hauptgeschäftsführer der Reichgruppe Industrie. Weitere illustre Bewohner der Gilgestraße waren in der Nr. 1a Dr. Theodor Leipart, bis 1933 Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, in Nr. 9 und 11 der Politikwissenschaftler Dr. Theodor Eschenburg, in Nr. 8 der Bankmanager Karl Blessing und in Nr. 16 der Architekt Wolf-Werner Zschimmer. Eigentümer des Hauses Nr. 7 war der Rechtsanwalt Dr. Werner von Simson. Seit 1938 lebte er aber in Großbritannien.


Neben den Agenten der CID war auch Merriman Smith dort untergebracht. Eine ausführliche Beschreibung zum Aufenthalt von Smith in Berlin und Potsdam ist im Beitrag „Meeriman Smith – Bericherstatter an der Seite des US-Präsidenten“ enthalten.
In seinen 1948 in Wien veröffentlichten Erinnerungen schreibt er:
General Vaughan sorgte dafür, daß wir Quartiere und Fahrzeuge bekamen und vom Flugplatz [Tempelhof, V. P.] abgeholt wurden. Wir waren angenehm überrascht, als uns Oberstleutnant John R. Reeding, der Leiter des Berliner Pressebüros, in ein wunderschönes altes Haus führte. Es war in Zehlendorf-West, einem Vorort von Berlin gelegen. Ich hatte ein großes Schlafzimmer für mich allein. Das Haus war gut möbliert.
Auf dem Tisch eines der drei Wohnzimmer im ersten Stock befand sich der wichtigste Einrichtungsgegenstand des ganzen Haus – ein Telephonapparat, der uns direkt mit der Telephonzentrale des Weißen Haus in Potsdam verband.
Das Haus gehörte dem Chef einer großen deutschen pharmazeutischen Firma und war von der Armee beschlagnahmt worden. Reeding teilte uns noch mit, daß wir in einem kleinen Restaurant gleich in der Nähe verpflegt würden.5Smith, Meeriman, Danke sehr, Herr Präsident!, Wien 1948, S. 207.
Im Erdgeschoß des Hauses wohnten der Eigentümer des Hauses mit seiner Familie und den Dienstboten. Sie durften den ersten Stock nicht betreten..7Smith, Meeriman, a.a.O,, S. 211.

Bislang nicht verifiziert werden konnte die Aussage Johnsons, wonach sich das Haus Böckelweg 15 im Pressecamp-Bereich der Potsdamer Konferenz befunden habe. Die Anwesenheit von Meeriman Smith könnte dafür sprechen, wie auch eine Bemerkung von ihm über die Beerenstraße am Bahnhof Mexikoplatz.
Zwei Schichten Wache täglich, in Zivil und mit Pistole
Die einzige Aufgabe der Leute der Criminal Investigation Division war es, den Präsidenten und seine Begleitung im Schloss Cecilienhof zu bewachen und die Privaträume des Präsidenten im Schloss rund um die Uhr zu überwachen. Die Grundlage für die Vorbereitung und die Planung der konkreten Einsätze bildeten Grundrisse sowie Fotos, die Agenten des Secret Service und Fotografen des U.S. Army Signal Corps angefertigt hatten.
JOHNSON: Sie haben also diese Zeichnung des Secret Service und auch Ihre Skizze des amerikanischen Teils des Cecilienhofs, richtig? [Siehe Anhang I]
BECKMAN: Richtig.
JOHNSON: Und der Secret Service hat hier auch eine Skizze, eine Art Architekturzeichnung. Die uns vorliegenden, öffentlich zugänglichen Akten des Secret Service enthalten einen Grundriss des ersten und zweiten Stockwerks des amerikanischen Teils des Cecilienhofs. Sie hatten also Gelegenheit, diese zu vergleichen. Handelt es sich bei Ihrer Skizze um eine Skizze des ersten Stockwerks?
BECKMAN: Richtig.
JOHNSON: Stimmen sie überein?
BECKMAN: Ich finde das erstaunlich. Sie korrespondieren miteinander. Natürlich ist ihre Zeichnung professionell und…
JOHNSON: Die Terminologie mag etwas anders sein. Was sie beispielsweise als „Wohnzimmer“ bezeichnen, nennen Sie „privates Speisezimmer des Präsidenten“.
BECKMAN: Vielleicht wussten die Mitarbeiter des Secret Service noch nicht, wie das Ganze später genannt werden würde, als sie diese Skizze anfertigten.
JOHNSON: Ja, das hätte man im Voraus erledigen können. Was sie als „Präsidentenbüro“ bezeichnen, haben Sie als „Arbeitszimmer des Präsidenten“ aufgeführt. Dann steht dort nur „BR“ für britisch, und das haben Sie als „Arbeitszimmer des britischen Premierministers“ angegeben.
BECKMAN: Richtig. Und das Esszimmer hier…
JOHNSON: Ja, aber es gibt ja den Speisesaal und die Küche.
BECKMAN: Sie gingen nicht in den Küchenbereich, als sie die Karten anfertigten.
JOHNSON: Okay, aber sie haben diesen langen Flur, den Sie, nehme ich an, verkürzt haben.
BECKMAN: Ja. Und ich habe vergessen, die Erkerfenster einzufügen.
JOHNSON: Und da sind diese kleinen Kreise und Quadrate. Die kleinen Kreise markieren die Standorte der Militärpolizei, und die Quadrate zeigen die Standorte der Kriminalpolizei an. 9Ebenda, S. 69 ff.
Johnson versuchte die Erinnerung seines Gesprächspartners an die konkreten Arbeitsbedingungen im Cecilienhof zu animieren. Beckman selbst hatte sich im Büro des US-Präsidenten aufgehalten. Im Eingangsbereich zu den Zimmern des Präsidenten stand Milton Kroll und John Osterholt bewegte sich zwischen Erdgeschoss und Obergeschoss. Die Agenten arbeiteten in zwei Schichten von jeweils 12 Stunden. In beiden Geschossen waren drei Kriminalisten tätig, zusammen also sechs.
JOHNSON: Sie gingen, glaube ich, so gegen 2 Uhr morgens zur Arbeit, zumindest um 1 Uhr. In einem Ihrer Briefe vom 20. Juli 1945 schrieben Sie, Ihr Tag beginne um 2 Uhr morgens und Sie hätten um 9 Uhr Feierabend. Sie fuhren nach Hause, was etwa 16 Kilometer waren, frühstückten, gingen ins Bett, versuchten zu schlafen, standen gegen 14 Uhr auf, lasen die „Stars and Stripes“, aßen zu Abend, gingen wieder ins Bett, versuchten zu schlafen, standen um 23 Uhr auf, aßen noch einmal und fuhren dann um 1 Uhr nachts zur Arbeit. Genau, wo befand sich damals Ihre Unterkunft?
BECKMAN: Nun, wo ich gegessen habe und alles andere war bei uns zu Hause.
JOHNSON: Gleich an der Potsdamer Straße.
BECKMAN: Ich könnte Ihnen die Adresse geben, wenn Sie das Tonbandgerät nur für eine Sekunde ausschalten.
JOHNSON: Okay. Sie sagten, Sie seien etwa eine Viertelmeile vom Pressecamp entfernt gewesen. Das Pressecamp befand sich in der Potsdamer Straße, erinnern Sie sich?
BECKMAN: Ich glaube nicht. Ich denke, es ist dort eine Kreuzung; Sie verstehen, das ist 47 Jahre her.
JOHNSON: Dort hatte die Presse…
BECKMAN: Dort wohnten sie alle.10Ebenda, S. 72 f.
Während des Gesprächs hatten Johnson und Beckman den Plan vom Cecilienhof vor sich liegen und versuchten die damalige Bewachungssituation so genau wie möglich zu rekonstruieren.
JOHNSON: Haben Sie eine Ahnung, wem dieser Bereich hier gehörte, bevor man in den Speisesaal kam? Da ist ein Quadrat.
BECKMAN: Das ist der Eingang zum Esszimmer, der vom Flur abgeht.
JOHNSON: Ja, haben Sie eine Ahnung, wer da gewesen sein könnte?
BECKMAN: Ich glaube, Carl und Milt haben sich da abgewechselt.
JOHNSON: Okay, in der Nähe des Eingangs.
BECKMAN: Ja.
JOHNSON: Okay.
BECKMAN: Ich glaube, Farrell und Wallons waren in der Halle tätig.
JOHNSON: Farrell und Wallons. Habe ich seinen Namen hier?
BECKMAN: Ben.
JOHNSON: Ben Wallons, okay. Dann geht man am Speisesaal vorbei zum Wohnzimmer oder zur Bibliothek des Präsidenten. Dies nannte man das private Esszimmer des Präsidenten. Und daneben befand sich das Büro oder die Bibliothek, die du als Study bezeichnest.
BECKMAN: Ja.
JOHNSON: Dort gab es Bücher. Hier haben Sie die Bücher gefunden, die Sie uns geschickt haben, wie zum Beispiel das Buch von Sorrell und Sohn.11Beckman hatte seine persönlichen Erinnerungsstücke an die Tätigkeit während der Potsdamer Konferenz der Truman-Bibliothek übergeben.
BECKMAN: Richtig. Das Buch enthält das Exlibris von Kronprinz Wilhelm.
JOHNSON: Ich glaube, auf einem dieser Fotos sieht man Sie in einem Polstersessel sitzen.12Ebenda, S. 74 f.

Die Agenten der Criminal Investigation trugen Zivilkleidung. Doch diese ging bei der Landung in der Normandie verloren, so dass sie in Frankreich und Belgien Uniform. Restbestände der Zivilkleidung bewahrten sie in Paris auf und mussten diese holen, als der Auftrag für die Bewachung des Präsidenten im Schloss Cecilienhof kam.
BECKMAN: Wir hatten keinerlei Bedürfnis, Zivilkleidung zu tragen. Aufgrund der Art unserer Arbeit wollten wir das auch gar nicht, denn in Uniform, in einer Uniform der Vereinigten Staaten, fühlte man sich deutlich wohler und sicherer als in Zivilkleidung.
Als wir später nach Potsdam versetzt wurden, fuhren Milt Kroll und Carl Morisse zurück nach Paris, um unsere Zivilkleidung abzuholen. Sie brachten auch meine mit, und meine sah wirklich furchtbar aus. Wir hatten überall Schäden. Ich erinnere mich an meinen Mantel, den Regenmantel und den blauen Harris-Tweed-Mantel. Am Ende hatte ich einen Regenmantel, der halb blau und halb beige war. Dasselbe passierte mit meinen Anzügen. Ich trug sie ungefähr dreimal und fühlte mich elend, weil die verschiedenen Farben durch das Meerwasser ausgeblichen waren. In Uniform fühlte ich mich viel wohler als in Zivilkleidung. Aber wie man auf den Fotos sieht – ich habe gerade eines von Carl Morisse und Alter Morovich gesehen – trugen einige von uns Zivilkleidung. Der Grund dafür war, dass ihre Kleidung nicht so stark beschädigt war wie meine.JOHNSON: Sie hatten also die Wahl, nicht wahr?
BECKMAN: Oh ja. Ich habe der Bibliothek13Gemeint ist die Harry S. Truman-Library. den Befehl geschickt, mit dem Eisenhower uns die Erlaubnis erteilte, wieder Zivilkleidung anzulegen, wenn wir wollten. Wenn man an der Front ist, will man das aber nicht.14Ebenda, S. 76.
Im Gegensatz zu der Bekleidung gab es für das Verhalten im Schloss Cecilienhof und um das Gebäude herum klare Regeln. So war es untersagt, einen Fotoapparat zu besitzen und damit private Fotos zu machen. Beckman hatte aber offiziell einen und nutzte ihn auch privat. Hinsichtlich der Sitzungen in der Halle war festgelegt, dass es keine Besucher geben dürfe. Dennoch nutzte Beckman seine besondere Stellung. So schaffte er es, Barbara, die Frau des US-Politikers Edwin W. Pauley auf den Balkon zu schleusen.
BECKMAN: Ein paar Wochen später ging ich im Schloss Cecilienhof den Flur entlang und sah dort eine der deprimiertesten Frauen [Mrs. Pauley], die ich seit Langem gesehen hatte. Sie war zwar ins Schloss gelangt, aber niemand ließ sie auf den Balkon mit Blick auf den Saal, wo sie Botschafter Pauley bei der Arbeit beobachten konnte. Ich sagte: „Ich glaube, ich kann Ihnen da hineinhelfen.“ Und so gelang es mir.
JOHNSON: Das hat sie sicher geschätzt. …
BECKMAN: Hier ist ein Foto von den dreien am Konferenztisch (Stalin, Churchill und Truman, V. P.), sehen Sie, und Attlee ist auch hier.
Ich hatte ja schon vorher Fotos gemacht. Damals hatte ich Angst, es ihnen zu sagen. Diese ganze Zensur war echt schwierig. Ich wusste nicht, was ich schreiben durfte und was nicht, also habe ich es einfach ignoriert.
JOHNSON: Ja, und Sie haben diese Orte in Ihrer Autobiografie markiert. Ich glaube, hier sind Sie oben links auf dem Balkon, richtig?
BECKMAN: Ich weiß, dass ich das war. Sehen Sie, es gab drei Amerikaner, die dem obersten Balkon zugeteilt waren. Ich hatte immer einen Platz in der Mitte. … Ich wurde gebeten, hier oben auf dem Balkon diese Position zum Fotografieren einzunehmen. Ich sollte während des Treffens der „Big Three“ als Sicherheitsmann auf dem Balkon im Konferenzraum bleiben. Das ist in der Skizze eingezeichnet.15Ebenda, S. 84 ff.
Die Bewachung der Umgebung von Schloss Cecilienhof lag in der Verantwortung der sowjetischen Gastgeber.
JOHNSON: Da waren all diese russischen Soldaten draußen auf dem Gelände, die, nehme ich an, das Gelände bewachten.
BECKMAN: Jeden Baum.
JOHNSON: Ich glaube, Sie hatten dort auch britische und amerikanische Truppen, nicht wahr?
BECKMAN: Die einzigen anderen Truppen, die ich neben der Kriminalpolizei gesehen habe, waren am Haupteingang. Dort wurden die Ausweise kontrolliert. Es waren Amerikaner, Russen und Briten da. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dort Militärpolizisten gesehen zu haben, die vom Geheimdienst [auf den Objektplänen, V. P.] markiert wurden.16Ebenda, S. 79 f.
Was wäre passiert, wenn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen jemand in das Konferenzgebäude eindringen konnte?
JOHNSON: Welche Anweisungen hatten Sie denn hinsichtlich des Schutzes des Präsidenten? Was wäre im Falle eines Notfalls geschehen?
BECKMAN: Nun, man muss bedenken, dass wir immer noch Pistolen bei uns trugen, und zwar in Schulterholstern über der linken Schulter, und sie waren geladen. Wir waren alle recht gute Schützen. Vielleicht war das einer der Gründe, warum wir dort waren.17Ebenda, S. 78
Anmerkungen
- 1Vgl. https://www.globalsecurity.org/military/agency/army/11mp.htm
- 2https://www.cid.army.mil/Media-Resources/Releases/Article-Display/Article/3827239/army-military-police-battalions-case-colors-in-europe-and-texas-as-part-of-tran/
- 3Vgl. https://www.fortoglethorpe.info/militarypolice
- 4https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 37 f.
- 5Smith, Meeriman, Danke sehr, Herr Präsident!, Wien 1948, S. 207.
- 6Vgl. Hamann, Hans-Jürgen, Die Schering AG 1945–1949: Ein Unternehmen kämpft um sein Überleben, Berlin 1990
- 7Smith, Meeriman, a.a.O,, S. 211.
- 8Smith, Meeriman, a.a.O., S. 211.
- 9Ebenda, S. 69 ff.
- 10Ebenda, S. 72 f.
- 11Beckman hatte seine persönlichen Erinnerungsstücke an die Tätigkeit während der Potsdamer Konferenz der Truman-Bibliothek übergeben.
- 12Ebenda, S. 74 f.
- 13Gemeint ist die Harry S. Truman-Library.
- 14Ebenda, S. 76.
- 15Ebenda, S. 84 ff.
- 16Ebenda, S. 79 f.
- 17Ebenda, S. 78
© GeschichtsManufaktur Potsdam, 08. Juni 2026