Die Konferenz der drei alliierten Staatsoberhäupter auf der Krim in Jalta (Februar 1945) hatte grundlegende Fragen der Nachkriegsordnung in Deutschland und in Europa behandelt. Dazu gehörte auch das Verhältnis Polens zu Deutschland, insbesondere die Grenzziehung zwischen beiden Ländern.

Als Ergebnis seiner vollkommenen Befreiung durch die Rote Armee ist eine neue Lage in Polen geschaffen worden. … Nach der Ansicht der drei Regierungschefs soll die Ostgrenze Polens entlang der Curzon Linie verlaufen, wobei sie in einigen Gebieten fünf bis acht Kilometer zugunsten Polens davon abweichen soll. Sie erkennen an, daß Polen einen beträchtlichen Gebietszuwachs im Norden und Westen erhalten muß. Sie sind der Meinung, daß die Ansicht der neuen Polnischen Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit über den Umfang dieser Neuerwerbungen zu gegebener Zeit einzuholen ist und daß die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens danach bis zur Friedenskonferenz zurückzustellen ist.
(Aus der Erklärung der Konferenz von Jalta, Februar 1945, zu Polen.)

Strittiges Thema: Ostdeutschland und die Westgrenze Polens

Am 21. Juli 1945 befasste sich die Potsdamer Konferenz auf der fünften Sitzung der alliierten Staatsoberhäupter mit der polnischen Frage, darunter die künftige Westgrenze Polens. Die Außenminister hatten in ihren Beratungen, nach dem Bericht von US-Außenminister Byrnes, dazu keine Einigung erzielen können. Weshalb sie die Angelegenheit den Regierungschefs zur endgültigen Entscheidung unterbreiteten.

In ihrer zweiten Sitzung im Schloss Cecilienhof am 18. Juli 1945 waren Churchill, Stalin und Truman übereingekommen, „Deutschland von 1937 als Ausgangspunkt zu nehmen“. 1Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, Vgl. S. 346. Das hinter der Oder liegende Ostdeutschland sei darin mit einbezogen. Die Vereinbarung von Jalta über die Bildung von Besatzungszonen hätte das mit berücksichtigt. Auf der Sitzung am 21. Juli sagte Truman, der die Sitzung leitete:

Die Amerikaner und Engländer hätten sich in die ihnen zugewiesenen Zonen zurückgezogen. Doch jetzt habe es den Anschein, als werde in Deutschland einer weiteren Regierung eine Besatzungszone überlassen. Das geschehe ohne vorherige Rücksprache; und falls die Polen diese Zone tatsächlich besetzen sollten, müsse man sich vorher darüber verständigen.2Ebenda, S. 364.

Stalin verwies auf die Festlegungen von Jalta zu Polens Grenze im Norden und im Westen. Er verwahrte sich gegen die Unterstellung Trumans, „daß die Russen den Polen eigenmächtig eine Besatzungszone überlassen hätten„.

Der Tatbestand sei der, daß die deutsche Bevölkerung jener Gebiete mit den zurückweichenden deutschen Armeen nach Westen gezogen sei, während die Polen blieben. Die Rote Armee habe sich notwendigerweise auf Lokalbehörden stützen müssen. Sie konnte nicht gleichzeitig Krieg führen, das Land von feindlichen Spionen säubern und eine Verwaltung einrichten; er sehe nicht ein, was daran unbillig sei, polnische Behörden in einem Gebiet einzusetzen, in dem sich nur noch Polen befanden. …
In Jalta, sagte Stalin, sei lediglich bestimmt worden, daß Polen deutsche Gebiete erhalten solle. Die Ziehung der Westgrenze sei aber offen und die Sowjetregierung nicht gebunden.3Ebenda, S. 364 f.

Truman beharrte darauf, dass bei der Festlegung von Besatzungszonen die Vereinbarungen von Jalta einzuhalten seien. Zumal das auch das Thema „Reparationen von Deutschland“ betreffe. Worauf Stalin seine vorhergehenden Ausführungen zu den Maßnahmen der Roten Armee in den von ihr besetzten Gebieten noch einmal ausführlicher erläutern wollte.

Eine Armee im Krieg richte ihre gesamten Anstrengungen darauf, den Krieg zu gewinnen. Damit eine Armee siegen und vorrücken kann, muß sie über ein befriedetes Hinterland verfügen. Nur wenn im Hinterland Ruhe herrscht oder noch besser das Hinterland freundlich gesinnt ist, kann sie siegen. Auch wenn die Deutschen nicht geflohen wären, wäre es in jenen Gegenden sehr schwierig gewesen, deutsche Behörden einzusetzen, weil die Bevölkerung in ihrer Mehrheit polnisch sei. Die ansässigen Polen hätten – so behauptete er – die Sowjetarmee begeistert empfangen; und daß die Sowjetregierung die Behörden aus Freunden gebildet habe, sei nur natürlich, um so mehr als die Rote Armee immer noch im Kampf gestanden habe. das sei das einzige Motiv für ihr Handeln gewesen. Die Aktionen der Sowjets bedeuteten jedoch nicht, daß sie diese Dinge eigenmächtig geregelt hätten. Vielleicht sei es am besten, die Frage vorläufig zurückzustellen. 4Ebenda, S. 365 f.

Churchill sprach sich gegen das Zurückstellen aus und verwies auf die Bedeutung der Landwirtschaft Ostdeutschlands für die Versorgung der Bevölkerung.

Auf dem Papier, erwiderte Stalin, handle es sich zwar um deutsches Gebiet aber de facto sei es polnisch geworden, da es dort keine Deutschen mehr gebe.5Ebenda, S. 366

Truman und Churchill war klar, dass das so nicht stimme. Aber de facto befanden sich diese Gebiete unter der Kontrolle der Roten Armee und damit der Sowjetunion. Eine unabhängige Prüfung der Aussage Stalins war nicht möglich. Aber völlig unmöglich war es, gegen die Sowjetunion, ihre Vorstellungen von den Besatzungszonen in Deutschland durchzusetzen. Das wäre vermutlich nur unter Anwendung bewaffneter Gewalt möglich gewesen. Wovor sie zurückschreckten. Zumal Stalin eindeutig erklärte, dass er an dem geschaffenen Status quo festzuhalten gedenke.

Er sei sich der Schwierigkeiten wohl bewußt, die sich durch die Übergabe dieser Gebiete an Polen ergeben würden, aber das deutsche Volk sei doch für diese Schwierigkeiten in erster Linie selbst verantwortlich. Churchill habe behauptet, die fraglichen Gebiete hätten eine Bevölkerung von 8 250 000 Menschen, Er, Stalin, wolle daran erinnern, daß während des Krieges viele Leute mobilisiert worden seien, während der Rest der Bevölkerung vor dem Einmarsch der Russen das land verlassen habe. Nicht ein einziger Deutscher sei in den Gebieten zurückgeblieben, die Polen zugedacht seien. …
Stalin führte weiter aus, daß alle Deutschen zwischen Oder und Weichsel ihre Felder im Stich gelassen hätten und dies jetzt von Polen bebaut würden. Es sei kaum anzunehmen, daß die Polen den Deutschen die Rückkehr gestatten würden. 6Ebenda, S. 367.

Die Beschreibung Stalins entsprach nicht der wahren Situation. Nicht alle Deutschen waren geflohen und die Zahl der in diesen Gebieten lebenden Polen war so gering, dass sie allein diese riesigen Feldflächen und Wälder hätten bewirtschaften können. Erst mit der Zwangsumsiedlung von Polen aus den östliche Gebieten nach West veränderte sich diese Situation. Doch diese waren während der Potsdamer Konferenz noch nicht abgeschlossen. Das war auch Inhalt eines heftigen Wortwechsels zwischen Churchill und Stalin. Schließlich brachte  Truman das Problem auf einen Punkt:

Schließlich griff ich ein und erklärte, die Abtretung eines großen Teils Deutschlands an die Polen scheine eine fertige Tatsache zu sein. Das schlesische Kohlenrevier befinde sich in polnischen Händen, obschon es in bezug auf Reparationen und Ernährung als ein Teil Gesamtdeutschlands betrachtet werden müsse. Ich hätte gegen die Erörterung der Grenzen, Reparationen und Ernährungsprobleme nichtseinzuwenden, aber die Polen hätten kein Recht, sich dieses Gebiets zu bemächtigen und es vom deutschen Wirtschaftskörper loszureißen. Der Fall liege, einfach ausgedrückt, so: Behalten die Besatzungszonen bis zur Unterzeichnung eines Friedensvertrages Gültigkeit, oder wollen wir Deutschland stückweise weggeben? 7Ebenda, S. 368.

Stalins Entgegnung spricht Bände und steht vor allem im Widerspruch zur sowjetischen Propaganda, mit der die Besatzer die Bevölkerung ihrer Zone in Ruhe halten und sich gefügig machen wollte.

Seine Politik laufe darauf hinaus, den Deutschen das Leben sauer zu machen, um ein Wiederaufleben der deutschen Macht zu verhindern. Es sei besser, den Deutschen das Leben sauer zu machen als den Polen. … Stalin behauptete, je weniger Industrie Deutschland habe, desto größer werde der Markt für britische und amerikanische Erzeugnisse sein. Deutschland sei ein gefährlicher Konkurrent, wenn man es nicht niederhalte. 8Ebenda.

Die Diskussion am 21. Juli endete ergebnislos. Stalin war hinsichtlich der besetzten Gebiete Polens zu keinem Kompromiss zu bewegen und Churchill und Stalin stimmten der Abtrennung Ostdeutschlands nicht zu.

Auf der Sitzung am 22. Juli 1945 wurde das Thema Polen erneut behandelt. Diesmal ging es um die Festlegung der Westgrenze. Laut der Erklärung von Jalta sollte das bis zum Abschluss eines Friedensvertrages zurückgestellt werden. Stalin war jedoch der Meinung, dass man sich in den Verhandlungen darauf verständigt habe, „die polnische Westgrenze von der Odermündung aufwärts bis zum Einfluß der östlichen Neiße zu ziehen„. Er wolle die Grenzlinie bis zur westlichen Neiße vorverlegen. damit Breslau und das Gebiet westlich von Breslau bei Polen bliebe.

Darauf erhob sich Stalin, ging um den Tisch, zeigte mir die Linie auf einer Landkarte und fuhr fort, es handle sich nicht um die Festsetzung einer provisorischen, sondern der definitiven Grenze. Wir können uns über sie schlüssig werden, wir könnten die Frage vertagen, aber wir könnten sie nicht ignorieren.“ 9Ebenda, S. 372.

Als verantwortlich für die Vereinnahmung Ostdeutschlands nannte Stalin „nicht die Polen, sondern die Umstände und die Russen“. Die Diskussion zu dem Thema wurde mit dem Vorschlag abgeschlossen, polnische Vertreter nach Potsdam einzuladen, diese mit den Außenministern beraten zu lassen und danach den drei Regierungschefs über die Ergebnisse des Gesprächs Bericht erstatten zu lassen.

Polnische Delegation auf der Potsdamer Konferenz

Die zur Potsdamer Konferenz eingeladene und am 23. Juli 1945 in Neubabelsberg eingetroffene Delegation bestand aus:
Bolesław Bierut (Vorsitzender des 1943 unter sowjetischer Führung geschaffenen Landesnationalrates, KRN)
Edward Osóbka-Morawski (Ministerpräsident),
Wincenty Rzymowski (Außenminister)
Stanisław Mikołajczyk, (Landwirtschaftsminister, bis 1944 Ministerpräsident der polnischen Exilregierung in London).
Władysław Gomułka (stellvertretender Ministerpräsident)
Stanisław Grabski (Professor,Ökonom, Stellvertreter desPräsidenten des Landesnationalrates)
Zygmunt Modzelewski (Botschafter der Republik Polen in der UdSSR, Unterstaatssekretär im Außenministerium)
Jan Stańczyk (Mitglied des Landesnationalrates)
Michał Żymierski (General, Verteidigungsminister)
Hilary Minc (ab dem 28. Juli; Minister für Industrie).
Expertengruppe
Andrzej Bolewski (Professor, Mineraloge und Geologe)
Walery Florian Goetel (Professor, Geologe und Ökologe, Mitglied des Landesnationalrates)
Stanisław Marian Leszczycki (Professor, Geograph)
Tadeusz Żebrowski (Dolmetscher und Leiter der Politischen Abteilung des Außenministeriums

Die Delegation wurde in Neubabelsberg in der US-Zone im Gästehaus der Delegation, Domstr.10, einquartiert. (Vgl. Bd. 2, S. 506, Anmerkung 1)

Für den 24. Juli 1945 wurde die polnische Delegation zu einer Sitzung der Außenminister Byrnes (USA), Eden (Großbritannien) und Molotow (UdSSR) eingeladen, um die polnischen Forderungen vorzutragen. Den Vorsitz führte Außenminister Byrnes.
Am Nachmittag des 24. Juli empfing Premierminister Churchill Mitglieder der Delegation. Auf britischer Seite nahmen neben Churchill, Außenminister Anthony Eden, Alexander Cadogan (Diplomat) und Allan (?)  teil. Auf polnischer Seite waren Bierut, Os6bka-Morawski, Mikołajczyk, Gomułka, Rzymowski, Modzelewski und General. Zymierski zugegen. Unmittelbar nach dem Treffen mit den Engländern begab sich die polnische Delegation zu einer Besprechung mit Präsident Truman. Um 23.45 Uhr empfing Außenminister Eden – in Begleitung von Cadogan, Archibald John Clarke Kerr (Botschafter Großbritanniens in den USA) und Allan – die polnische Delegation (Bierut, Mikołajczyk, Gomułka, Żymierski und Tadeusz Żebrowski, Dolmetscher und Leiter der Politischen Abteilung des Außenministeriums). Zur Einleitung der Konferenz erklärte Eden, es gehe ihm darum, die Fragen zu erörtern, die bei dem Treffen mit Premierminister Churchill zur Sprache gekommen waren. 10Buczek, Roman, Udział delegacij polskiej w Konferencji Poczdamskie w 1945 roku, In: Zeszyty Historyczne, Zeszyt 34., Instytut Literacki, Paryz 1975, S. 101.

Am 25. Juli trafen sich Mikołajczyk, Gomułka, Rzymowski und Modzelewski mit einer amerikanischen Delegation, um Fragen der Wirtschaft und des Wiederaufbaus Polens nach dem Krieg zu erörtern.
Am Donnerstag, dem 26. Juli, traf die polnische Delegation (Mikołajczyk, Prof. Grabski, Gomułka und Modzelewski) mit US-Botschafter Harriman zusammen. Scheinbar verliefen die Gespräche mit den Amerikanern nicht ganz konfliktfrei, so daß Truman Mikołajczyk zu einem privaten Gespräch einlud, an dem auch  James C. Dunn und Harrison Freeman Matthews teilnahmen. 11Ebenda, S. 103 f.

Am Vormittag des 27. Juli führte die polnische Delegation eine Besprechung mit Marschall K. Rokossowski über die Übernahme des Eisenbahnwesens durch die polnischen Behörden, den Stopp der Demontagen, die Erntearbeiten sowie die Unterbindung von Übergriffen sowjetischer Truppen vor Ort. Aus Warschau wurde Hilary Minc herbeigerufen, und die weiteren Verhandlungen wurden vertagt. Am Abend gab Stalin einen Empfang für die polnische Delegation. Von sowjetischer Seite nahmen hochrangige Befehlshaber sowie Molotow, Beria und Wyschinski daran teil; von polnischer Seite waren Bierut, Osóbka-Morawski, Mikołajczyk, Prof. Grabski, Gomułka, Rzymowski, Modzelewski und General Żymierski anwesend. 12Ebenda, S. 105 f.

Am Morgen des 28. Juli traf Hilary Minc gemeinsam mit Vertretern des Verkehrsministeriums in Potsdam ein; er war am Vortag herbeigerufen worden, um mit den sowjetischen Behörden die Gespräche über das Eisenbahnwesen, die Demontagen und die Festlegung von Transitplänen zum Abschluss zu bringen. Am Nachmittag fand die zweite Wirtschaftskonferenz mit der amerikanischen Delegation statt. Auf polnischer Seite waren Mikołajczyk, Minc, Modzelewski sowie Rajchman vom Verkehrsministerium anwesend. Der übrige Teil der polnischen Delegation unternahm einen Ausflug nach Brandenburg. 13Ebenda, S. 106.

Am 29. Juli kehrte Clement Attlee nach Potsdam zurück – nunmehr als britischer Premierminister, nachdem die Labour Party die Wahlen gewonnen hatte. Begleitet wurde er von dem neuen Außenminister, Ernest Bevin. Der polnischen Delegation schloß sich Jan Stańczyk an, der mittags aus Warschau eingetroffen war. Unverzüglich lud Bevin die polnische Delegation zu einem ersten Treffen ein.

Bierut und Mikołajczyk hielten Referate, in denen sie die Notwendigkeit begründeten, die polnische Verwaltung in den beanspruchten Gebieten zu legitimieren und das gesamte Wassersystem der Oder unter polnische Kontrolle zu stellen. Anschließend entspann sich eine Diskussion. Bevin fragte, ob die Entsendung einer britisch-amerikanischen Mission in das Gebiet möglich sei, um sich vor Ort von der Richtigkeit und Berechtigung der polnischen Forderungen zu überzeugen. Bierut antwortete, er sehe darin keine Hindernisse. Er fügte hinzu, dass auch Clayton einen ähnlichen Wunsch geäußert habe und bereits am nächsten Tag vor Ort reisen werde. Mikołajczyk versuchte Bevin zu erklären, dass eine solche Mühe vergeblich sei, da sich östlich der Oder nicht mehr jene 8 bis 9 Millionen Deutsche befänden, sondern höchstens 1,5 Millionen; ein Teil sei während der Kriegshandlungen ums Leben gekommen, ein anderer geflohen.
Premierminister Attlee fragte seinerseits, ob man die vier Millionen Polen, die aus Gebieten jenseits der Curzon-Linie eintreffen würden, nicht östlich der Oder oder im Raum der Lausitzer Neiße ansiedeln könne. Bierut stellte fest, dass es sich nicht nur um eine Bevölkerungsfrage handele, sondern auch um enorme wirtschaftliche Erfordernisse und die gesamte industrielle Problematik Polens. Mikołajczyk ergänzte Bieruts Ausführungen mit dem Hinweis, dass die polnische Bevölkerung auf der Grundlage des Repatriierungsabkommens mit der Sowjetunion bis zum 1. November 1945 eine Entscheidung über ihre Staatsangehörigkeit treffen und das Gebiet der UdSSR bis zum 1. Januar 1946 verlassen müsse. Dieser Bevölkerung müsse jedoch mitgeteilt werden, in welche Gebiete sie umgesiedelt werde. Des Weiteren machte Mikołajczyk die britische Delegation auf einen anderen Aspekt aufmerksam. In den Bergwerken der beanspruchten Gebiete seien bereits polnische Ingenieure, Techniker und 25.000 Bergleute tätig. Sollte die Frage dieser Gebiete nicht zu Polens Gunsten entschieden werden, müssten diese Menschen vertrieben und an ihrer Stelle Deutsche angesiedelt werden. In diesem Zusammenhang sei nicht die Aufnahmekapazität der Gebiete an der Lausitzer Neiße entscheidend – da dieses Gebiet nur dünn besiedelt sei –, sondern vielmehr die rationelle Ansiedlung polnischer Bevölkerung im gesamten Gebiet der Westgebiete, sofern diese nicht an die dortigen Deutschen zurückfallen sollten. 14Ebenda, S. 106 f.

Um 16.30 Uhr traf sich die polnische Delegation erneut mit den Briten. Es begann eine Aussprache über die Grenze an der Lausitzer Neiße. Nach einem kurzen Gedankenaustausch wurde die Beratung die Konferenz jedoch unterbrochen, da Bevin zu einer Sitzung der drei Außenminister und Premierminister Attlee zur Sitzung der „Großen Drei“ gerufen wurde. 15Ebenda, S. 115.

Die Potsdamer Konferenz neigte sich dem Ende zu. Über die Frage der polnischen Grenzen warjedoch noch nicht entschieden worden. Den größten Widerstand leistete die britische Delegation, die kein Vertrauen zur Warschauer Regierung hatte. Der einzige Mann, mit dem die Briten offen sprachen, war Mikołajczyk. Am Mittag des 31. Juli 1945 empfing ihn Bevin und fragte direkt, ob er nachdrücklich auf der Zuweisung der Westgrenzen an Polen auf der Grundlage der Oder-Neiße-Linie beharre. Mikołajczyk bejahte dies. Daraufhin sagte Bevin: „Der Standpunkt der britischen Regierung wurde bereits zu Zeiten der Koalitionsregierung festgelegt, und zwar auf der Linie von Oder und Neiße – ohne Stettin. Diesen Standpunkt vertrat auch unsere Partei. Sie haben nun Forderungen erhoben, die bis zur Lausitzer Neiße und Stettin reichen. Ich persönlich stehe Ihren Forderungen positiv und wohlwollend gegenüber, aber Sie verstehen sicher, dass ich Argumente für unsere Öffentlichkeit und unsere Opposition benötige. Im Augenblick ist noch nicht einmal die gesamte britische Regierung informiert, und es bestand noch keine Möglichkeit, deren Haltung in Erfahrung zu bringen. Dennoch bin ich bereit, ein persönliches Risiko einzugehen; doch ich brauche Argumente für unsere Öffentlichkeit: Wie wird dieses neue Polen aussehen, und unter welchen Bedingungen lebt die Bevölkerung in diesen Gebieten? Daher bitte ich darum, der polnischen Delegation die von mir formulierten Fragen zu übergeben, da ich meine endgültige Haltung vom Erhalt klarer und eindeutiger Antworten abhängig mache. Heute um 16 Uhr findet die Sitzung der ‚Großen Drei‘ statt. Nachdem die polnische Delegation meine Fragen zur Kenntnis genommen hat, bitte ich Sie um 14.30 Uhr zu einem Gespräch zu mir – in der Hoffnung, dass Sie klare, schriftliche Antworten auf die gestellten Fragen vorbereitet haben.“ 16Ebenda, S. 116.

Um 14 Uhr versammelten sich die Mitglieder der polnischen Delegation, um über Bevins Ansinnen und Forderungen zu beraten, die von Mikołajczyk vorgetragen wurden.

Gomułka griff diese scharf an und erklärte, die Engländer „müssten der Oder-Neiße-Grenze zustimmen“, während sie die inneren Angelegenheiten Polens nichts angingen. Mikołajczyk bezeichnete diese Argumente daraufhin als lächerlich und erklärte, er könne sie nicht ernst nehmen. Eine kurze schriftliche Antwort oder eine von Bierut abgegebene Erklärung könne keinesfalls als „Absicht einer englischen Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens“ ausgelegt werden. Hierbei handelte es sich um eine einseitige Überempfindlichkeit Gomułkas, der seltsamerweise die tatsächliche sowjetische Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens nicht wahrnahm.
Im Anschluss an diese Diskussion einigte man sich darauf, dass Mikołajczyk eine Antwort auf der Grundlage der bereits zuvor von der polnischen Delegation abgegebenen Erklärungen ausarbeiten sollte. Bierut behielt sich jedoch vor, diese Erklärung mündlich abzugeben, während die schriftliche Antwort – falls die Briten darauf bestehen sollten – gegebenenfalls erst später überreicht würde. Die gesamte Diskussion und die Textredaktion erfolgten unter großem Zeitdruck und nervöser Anspannung, da für 14.30 Uhr eine Konferenz mit der britischen Delegation angesetzt war. Diese begann mit erheblicher Verspätung, da die polnische Seite die von den Briten geforderte Antwort nicht rechtzeitig fertigstellen konnte. 17Ebenda, S. 118.

An der Beratung nahmen teil von britischer Seite: Bevin, A. Cadogan, Henderson, Kerr und Allan. Von polnischer Seite B. Bierut, S. Mikołajczyk, W. Gomułka,
Prof. Grabski, H. Minc, Z. Modzelewski, J. Stańczyk, S. Szwalbe sowie der Dolmetscher Żebrowski. 18Ebenda.
Im Ergebnis der Beratung erklärte Bevin sich bereit, die polnische Grenze an Oder und Westneiße zu verteidigen. 19Ebenda, S. 122.

In den Abendstunden des 31. Juli kam US-Botschafter Harriman in das Quartier der polnischen Delegation in Neubabelsberg. Er lud die Polen für den 1. August  zu Truman ein. Der Präsident wolle der polnischen Delegation das Ergebnis der letzten Sitzung der Großen Drei vom Nachmittag des 31. Juli mitteilen. Dabei handle es sich um ein für Polen sehr erfreuliches und glückliches Ergebnis. Nach Harrimans Ansicht hatten die Argumente von Stanisław Mikołajczyk, dem es gelungen war, Dunn und Matthews für die polnische Sache zu gewinnen, einen wesentlichen Einfluss auf die für Polen günstige Haltung von Präsident Truman. 20Vgl. ebenda, S. 123.

Am Mittwoch, dem 1. August 1945, um 10 Uhr fand der Empfang bei Präsident Truman im Little White House statt. Neben Truman waren anwesend: James F. Byrnes, Charles E. Bohlen und Averell Harriman. Auf polnischer Seite: Bolesław Bierut, Stanisław Mikołajczyk, Prof. Stanisław Grabski, Zygmunt Modzelewski sowie der Dolmetscher Zebrowski.

Nach der allgemeinen Begrüßung erklärt Truman einleitend, dass er im Namen der drei Großmächte der polnischen Delegation folgende Entscheidung mitteilen wolle:
Entsprechend der polnischen Forderung wurde die Westgrenze festgelegt. Die Verantwortung für die Verwaltung der Gebiete östlich dieser Grenze obliege der polnischen Regierung. Die Russen haben sich bereit erklärt, ihre Truppen aus diesen Gebieten abzuziehen, wobei sie lediglich zwei Transitlinien durch Polen für Verkehrszwecke behalten. Wir haben die Tatsache der Einigung zwischen repräsentativen Polen aus dem In- und Ausland zur Kenntnis genommen, woraufhin die Provisorische Regierung der Nationalen Einheit gebildet wurde. Wir haben diese Regierung anerkannt und konnten folglich nun ihre Auffassung anhören. Die Anhörung dieser Auffassung hat es uns ermöglicht, einstimmig jene Entscheidung zu treffen, die wir Ihnen hiermit mitteilen. Demzufolge hat die Regierung Arciszewski aufgehört zu bestehen, und die beiden Staaten – Großbritannien und die Vereinigten Staaten – verpflichten sich, alles zu unternehmen, um das polnische Vermögen im Ausland zu sichern, eine etwaige widerrechtliche Aneignung oder den Verkauf dieses Vermögens zu verhindern sowie bei dessen Rückgewinnung zu helfen. Alle drei Mächte sichern jegliche Unterstützung zu, um die Rückkehr von Polen sowie von Truppen aus dem Ausland zu erleichtern, und bringen dabei die Überzeugung zum Ausdruck, dass alle zurückkehrenden Polen gleichberechtigt mit allen anderen polnischen Staatsbürgern behandelt werden. 21Ebenda.

Mikołajczyk dankte Truman als Präsidenten der Vereinigten Staaten. Woraufhin Truman antwortete, er habe alles getan, was er konnte, damit Polen frei und glücklich sei. 22Vgl. ebenda, S. 124.

2. Phase: Bis zur Abschlusserklärung

Am 25. Juli 1945 hatten sich die Regierungschefs erneut mit der Westgrenze Polens befasst.

Churchill hatte inzwischen mit dem polnischen Ministerpräsidenten Bierut gesprochen, und Eden hatte zwei Stunden mit der polnischen Delegation konferiert. Die Polen hatten alle zugegeben, daß in dem westlichen Teil des fraglichen Raums noch anderthalb Millionen Deutsche zurückgeblieben seien. Im gleichen Sinn hatten sich die Polen auch Staatssekretär Byrnes gegenüber geäußert.
Churchill führte aus, die Frage der Bevölkerungsumsiedlung aus Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei erfordere seines Erachtens eine eingehende Diskussion. Er müsse darauf aufmerksam machen, daß die Polen Deutsche aus einem Raum evakuieren, der als Besatzungszone zu gelten habe, genauer gesagt, als russische Besatzungszone. Die Vertreibung der Deutschen erfolge ohne Berücksichtigung der Lebensmittelversorgung, der Reparationen und anderer noch ungelöster Fragen. Das Endergebnis sei lediglich, daß die Polen unter einer Knappheit an Lebensmitteln und Brennmaterial litten, während sich die  Engländer einem riesigen Flüchtlingsstrom gegenübersähen. 23Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955,, S. 390.

Für Stalin „rächten sich jetzt (die Polen) für alle Unbill, die ihnen die Deutschen seit Jahrhunderten zugefügt hätten„. Großbritannien und die USA kritisierten die Vertreibung der Deutschen durch die Polen. Die Klärung der Grenzfrage verwies Truman in die Verantwortung einer etwaigen „Friedenskonferenz“. Mit der Abfassung des Abschlussdokuments der Konferenz kam das Thema wieder zum Tragen.

In der Sitzung vom 31. Juli 1945 verlas US-Außenminister Byrnes den amerikanischen Vorschlag, „wonach das von der Oder und der westlichen Neiße begrenzte Gebiet provisorisch der polnischen Verwaltung zu unterstellen sei„. 24Ebenda, S. 413.

Bevin erklärte, seine Instruktion laute, an der östlichen Neiße festzuhalten. Er wünsche zu wissen, ob die Zone ganz in polnischen Besitz übergehen und die Sowjettruppen völlig zurückgezogen würden. Der amerikanische Vorschlag unterstelle das Gebiet dem polnischen Staat, so daß es keinen Teil der russischen Besatzungszone bilde. 25Ebenda.

Der bis dahin existierende Konsens, bei der Befassung mit Deutschlands Zukunft von dem Deutschland des Jahres 1937 auszugehen, war für Großbritannien damit in Frage gestellt bzw. sogar außer Kraft gesetzt worden. Verantwortlich dafür waren die Sowjetunion, im Bündnis mit dem kommunistischen Teil Polens, und die USA. Letztere nahmen den gegebenen Zustand hin und verwiesen entschuldigend darauf, dass es ja nur provisorisch sei und der endgültige Zustand erst durch die Friedenskonferenz geregelt werde.

In der Abschlusserklärung der Potsdamer Konferenz vom 2. August 1945 war die Westgrenze Polens wie folgt geregelt worden:

b) Bezüglich der Westgrenze Polens wurde folgendes Abkommen erzielt:
In Übereinstimmung mit dem bei der Krim-Konferenz erzielten Abkommen haben die Häupter der drei Regierungen die Meinung der Polnischen Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit hinsichtlich des Territoriums im Norden und Westen geprüft, das Polen erhalten soll. Der Präsident des Nationalrates Polens und die Mitglieder der Polnischen Provisorischen Regierung der Nationalen Einheit sind auf der Konferenz empfangen worden und haben ihre Auffassungen in vollem Umfange dargelegt. Die Häupter der drei Regierungen bekräftigen ihre Auffassung, daß die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt werden soll.

Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, daß bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens, die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft, einschließlich des Teiles Ostpreußens, der nicht unter die Verwaltung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken in Übereinstimmung mit den auf dieser Konferenz erzielten Vereinbarungen gestellt wird und einschließlich des Gebietes der früheren Freien Stadt Danzig, unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen.

Danach sollte das 1937 zu Deutschland gehörende, von der Roten Armee eroberte und besetzte und von der Sowjetunion in polnische Verwaltung gegebene Ostdeutschland „unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen„. Das betraf auch Pommern, Westpreußen und die von der Sowjetunion nicht beanspruchten Teile Ostpreußens.

Die im Dokument beschriebene Friedenskonferenz, die über die endgültige Festlegung der Westgrenze Polens entscheiden sollte, war sehr nebulös.

Charles E. Bohlen, Rußland-Spezialist und Außenpolitischer Berater der US-Delegation, schrieb zu dem Thema „Westgrenze Polen“ in seinen Erinnerungen:

Das alte Problem der polnischen Westgrenzen hatte eine neue Facette erhalten. Vertreter der polnischen Regierung waren angereist, um ihren Standpunkt zu vertreten. Zu ihnen gehörte auch Mikołajczyk, der sich inzwischen dem sowjetisch dominierten Regime angeschlossen hatte. Churchill, der den folgenschweren Fehler begangen hatte, einer Verschiebung der polnischen Westgrenze tief in deutsches Gebiet hinein zuzustimmen, versuchte nun, diesen Fehler rückgängig zu machen; denn die Abtretung dieser Gebiete würde die Möglichkeit, Deutschland als wirtschaftliche Einheit zu behandeln, ernsthaft beeinträchtigen. Unter anderem auf Betreiben der Polen – insbesondere Mikołajczyks, der beweisen wollte, dass er ebenso nationalistisch gesinnt war wie seine kommunistischen Gegner – sah das Potsdamer Abkommen vor, das umstrittene Gebiet bis zum Abschluss eines Friedensvertrags unter polnischer Verwaltung zu belassen. Den Westalliierten blieb kaum eine andere Wahl; Polen übte die Herrschaft über das Gebiet bereits mit Moskaus Segen aus. Wieder einmal fügten sich die Westalliierten dem Unvermeidlichen.26Bohlen, Charles E., Witness to History. 1929-1969, Toronto 1973, S. 234.

Polnische Forderungen und die Gegenrechnung

Die Sowjetunion hatte das von ihr eroberte und 1937 zum Deutschen Reich gehörende Ostdeutschland den Polen überlassen. Aus ihrer Sicht war es eine Kompensation für die Gebiete, die Polen entlang der einstigen Curzon-Linie an die Sowjetunion abtreten musste. Für die Sowjetunion war die Gebietsabtretung an Polen eine unumkehrbare Entscheidung. Was die USA und Großbritannien auf der Potsdamer Konferenz nicht wahrhaben wollten oder aus opportunistischen Gründen darüber hinwegsahen. Ihr Verweisen auf eine „Friedenskonferenz“ war eine Farce.

Die rechtliche Regelung der Verwaltung der ehemaligen deutschen Ostgebiete (Schlesien, Pommern, Ostpreußen, Ost-Brandenburg) durch Polen vollzog sich in drei Phasen:
provisorischer Zustand (1945 bis 1950)
diplomatische Annäherung im Kalten Krieg (1950 bis 1990)
endgültige völkerrechtliche Regelung 1990.

Umgang mit der deutschen Bevölkerung

Hinsichtlich des Umgangs mit der deutschen Bevölkerung in den vom polnischen Staat verwalteten Gebieten stand in der Abschlusserklärung:

XIII.
Ordnungsmäßige Überführung deutscher Bevölkerungsteile

Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn:

Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß. Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll. Da der Zustrom einer großen Zahl Deutscher nach Deutschland die Lasten vergrößern würde, die bereits auf den Besatzungsbehörden ruhen, halten sie es für wünschenswert, daß der alliierte Kontrollrat in Deutschland zunächst das Problem unter besonderer Berücksichtigung der Frage einer gerechten Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen prüfen soll. Sie beauftragen demgemäß ihre jeweiligen Vertreter beim Kontrollrat, ihren Regierungen so bald wie möglich über den Umfang zu berichten, in dem derartige Personen schon aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn nach Deutschland gekommen sind, und eine Schätzung über Zeitpunkt und Ausmaß vorzulegen, zu dem die weiteren Überführungen durchgeführt werden könnten, wobei die gegenwärtige Lage in Deutschland zu berücksichtigen ist. Die tschechoslowakische Regierung, die Polnische Provisorische Regierung und der Alliierte Kontrollrat in Ungarn werden gleichzeitig von obigem in Kenntnis gesetzt und ersucht werden, inzwischen weitere Ausweisung gen der deutschen Bevölkerung einzustellen, bis die betroffenen Regierungen die Berichte ihrer Vertreter an den Kontrollausschuß geprüft haben.

Der in den polnisch verwalteten ehemaligen deutsche Gebieten herrschende „provisorische Zustand“ ist nie untersucht worden. Aus Veröffentlichungen geht hervor, dass es es sich um eine Zeit der Rechtlosigkeit der verbliebenen und geduldeten deutschen Restbevölkerung handelte. Wer nicht bereits vor der Potsdamer Konferenz geflüchtet oder vertrieben worden war, wurde während und nach der Konferenz drangsaliert und bis Ende der 1940er Jahre zum Weggang gezwungen. Nur ein geringer Teil der früheren deutschen Bewohner konnte bleiben.

Den Betroffenen war damals nicht bekannt, „daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll„. War das nicht der Fall (die Regel), hätten sie es auch nicht einfordern oder einklagen können. Nach dem Potsdamer Abkommen organisierten polnische Behörden in Kooperation mit den alliierten Besatzungsmächten die systematischen „Abschubtransporte“. Per Verwaltungsanordnung erhielten betroffene Familien oft nur wenige Stunden Vorbereitungszeit und durften lediglich Handgepäck mitführen.

Das im November 1945 unter der Leitung von Władysław Gomułka gegründete Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete (MOZ) steuerte die administrative Integration der ehemaligen deutschen Gebiete, koordinierte die Vertreibung der Deutschen und lenkte die Ansiedlung von Polen. Am 6. Mai wurde das Dekret über das verlassene und ehemalige deutsche Vermögen erlassen. Der gesamte private, gewerbliche und landwirtschaftliche Besitz von Personen deutscher Nationalität wurde formell und entschädigungslos beschlagnahmt und in polnisches Staatseigentum überführt. Die deutsche Bevölkerung wurde rechtlich als Ausländer ohne Aufenthaltsrecht eingestuft. Ausgenommen waren sogenannte „Autochthone“ (z. B. in Oberschlesien oder Masuren), deren polnische Abstammung durch strenge administrative „Verifikationsverfahren“ nachgewiesen werden sollte, um sie zwangsweise zu assimilieren.

Die gesetzlichen Maßnahmen der polnischen Regierung gegen die deutschen Bevölkerungsteile sind unter dem Begriff „Bierut-Dekrete“ zusammengefasst worden. Benannt wurden sie nach Bolesław Bierut, ab 1944 Vorsitzender des Landesnationalrates (KRN) und von 1947 bis 1952 Staatspräsident der Volksrepublik Polen.

In der Praxis sah es u.a. wie folgt aus:
Hunderttausende Deutsche, die nicht sofort flohen oder vertrieben wurden, wurden in polnischen Arbeits- und Internierungslagern (wie Lamsdorf oder Schwientochlowitz) festgehalten. Sie wurden über behördliche Arbeitsämter zur Zwangsarbeit beim Wiederaufbau oder in der Schwerindustrie verpflichtet. Der Gebrauch der deutschen Sprache im öffentlichen Raum, in Kirchen sowie in Schulen wurde bei Strafe verboten. Deutsche Orts-, Straßen- und Personennamen wurden rigoros durch polnische Bezeichnungen ersetzt oder zwangsübersetzt.

Wer war verantwortlich für Drangsalierungen, denen die zurückgebliebenen Deutschen ausgesetzt waren?
Waren sie das Ergebnis amtlich bzw. staatlich verfügter Maßnahmen?
Gingen sie von Polen aus, die schon immer mit den Deutschen zusammengelebt hatten, oder von Polen, die zwangsumgesiedelt worden waren, oder von Polen, die sich durch besondere Eilfertigkeit den neuen Machthabern andienen wollten?

Reparationsforderungen?

Die 1945 durch die Sowjetunion in die Verwaltung des polnischen Staates gegebenen und 1937 zum Deutschen Reich gehörenden Gebiete hatten 1945 einen Wert in Höhe von ungefähr 160 Milliarden Euro. Die polnische Regierung erhebt aktuell gegenüber Deutschland Schadensersatzforderungen in Höhe von 1,3 Billionen Euro. Historiker und Ökonomen fordern, dass der damalige Wert der an Polen gegangenen Gebiete gegen die Schadensersatzforderungen gerechnet werden muss.

Das ist jedoch zu kurz gedacht. Denn seit nunmehr 81 Jahren profitiert Polen von dem damaligen Gebietszuwachs, dessen Wert sich innerhalb dieses Zeitraums immer weiter erhöht hat und auch weiter erhöht.

Wenn man den Wert von 160 Milliarden Euro unter Anwendung des Zinseszins-Effekts (exponentielles Wachstum) über einen Zeitraum von 80 Jahren hochrechnet, kommt man bei einer Verzinsung von 3 Prozent auf einen aktuellen Wert von 1,70 Billionen Euro. Bei 5 Prozent wären es 7,93 Billionen Euro.

An dieser Berechnung zeigt sich die Unsinnigkeit der populistischen Forderungen, aus denen politisches Kapital geschlagen werden soll, die in Wirklichkeit aber das Zusammenleben von Völkern und Menschen vergiften.

Anmerkungen

  • 1
    Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, Vgl. S. 346. ↩︎
  • 2
    Ebenda, S. 364. ↩︎
  • 3
    Ebenda, S. 364 f. ↩︎
  • 4
    Ebenda, S. 365 f. ↩︎
  • 5
    Ebenda, S. 366 ↩︎
  • 6
    Ebenda, S. 367. ↩︎
  • 7
    Ebenda, S. 368. ↩︎
  • 8
    Ebenda. ↩︎
  • 9
    Ebenda, S. 372. ↩︎
  • 10
    Buczek, Roman, Udział delegacij polskiej w Konferencji Poczdamskie w 1945 roku, In: Zeszyty Historyczne, Zeszyt 34., Instytut Literacki, Paryz 1975, S. 101. ↩︎
  • 11
    Ebenda, S. 103 f. ↩︎
  • 12
    Ebenda, S. 105 f. ↩︎
  • 13
    Ebenda, S. 106. ↩︎
  • 14
    Ebenda, S. 106 f. ↩︎
  • 15
    Ebenda, S. 115. ↩︎
  • 16
    Ebenda, S. 116. ↩︎
  • 17
    Ebenda, S. 118. ↩︎
  • 18
    Ebenda. ↩︎
  • 19
    Ebenda, S. 122. ↩︎
  • 20
    Vgl. ebenda, S. 123. ↩︎
  • 21
    Ebenda. ↩︎
  • 22
    Vgl. ebenda, S. 124. ↩︎
  • 23
    Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955,, S. 390. ↩︎
  • 24
    Ebenda, S. 413. ↩︎
  • 25
    Ebenda. ↩︎
  • 26
    Bohlen, Charles E., Witness to History. 1929-1969, Toronto 1973, S. 234. ↩︎

© GeschichtsManufaktur Potsdam, 12. September 2026