Das nachstehend zitierte Memorandum des Außenministeriums der USA wurde dem neuen Präsidenten, Harry S. Truman, am 20. April 1945, kurz nach dessen Amtsantritt, unterbreitet. Die darin skizzierte Position beeinflusste das Handeln Trumans auch auf der Potsdamer Konferenz. „Als ich mich nach Potsdam begab„, schrieb er in seinen Memoiren, „stand auf meinem Programm auch eine Aussprache mit Churchill über Palästina„. 1Truman, Harry S., Memoiren, Bd. II: Jahre der Bewährung und des Hoffens, 1946-1953, Stuttgart 1956, S. 147.
Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich einige zionistische Führer bemühen werden, Sie schon sehr bald zu Zusagen zugunsten ihres zionistischen Programms zu veranlassen, das sich für eine unbegrenzte jüdische Einwanderung nach Palästina und für die Errichtung eines jüdischen Staates ausspricht. Es ist Ihnen sicher bekannt, daß Regierung und Volk der Vereinigten Staaten den verfolgten Juden Europas stärkstes Mitgefühl entgegenbringen und alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihre Leiden zu mildern. Aber die Palästina-Frage ist äußerst kompliziert und schließt Probleme ein, die über die Not der europäischen Juden weit hinausreichen.
Die Lage im Nahen Osten ist ständig gespannt und größtenteils als Folge der Palästina-Frage. Und da die Vereinigten Staaten in jenem Raum lebenswichtige Interessen haben, muß dieser ganze Komplex unserer Ansicht nach mit größter Behutsamkeit und im Hinblick auf die langfristigen Interessen des Landes behandelt werden.2Truman, Harry S., Memoiren, Bd. I: Das Jahr der Entscheidungen, 1945, Stuttgart 1955, S. 98.
In der Beratung der Großen Drei am 22. Juli 1945, in der es u.a. um Italien und dessen Kolonien im Mittelmeerraum ging, sprach Churchill erstmalig das Thema „Juden und jüdische Besiedlung“ an.
Churchill sagte, man habe sich gefragt, ob eine dieser Kolonien als Siedlungsort für Juden geeignet sei, aber diejenigen, mit denen man darüber gesprochen habe, hätten kein Interesse gezeigt. Er sagte, die Briten hätten natürlich große Interessen im Mittelmeerraum, und jede wesentliche Änderung des Status quo im Mittelmeerraum bedürfe einer langen und sorgfältigen Prüfung. 3The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945. (In Two Volumes), Volume II, Washington 1960, S. 254.
Wie der britische Premierminister in der gleichen Beratung ausführte, hätten die Briten „sie für eine jüdische Besiedlung in Betracht gezogen, aber die Juden fühlen sich nicht zu ihnen hingezogen„. 4Ebenda, S. 265.
Am 24. Juli 1945 sandte der US-Präsident Premierminister Churchill ein Memorandum:
In Amerika besteht ein starkes Interesse am Palästinaproblem. In den Kreisen der daran Interessierten protestiert man nach wie vor heftig gegen die durch das britische Weißbuch vom Mai 1939 verfügte drastische Beschränkung der Einwanderung, und man verlangt kategorisch die Aufhebung dieser Beschränkungen, die den durch die grausamen Naziverfolgungen entwurzelten Juden die Einreise in das Land versagen, das für so viele die einzige Hoffnung zur Erhaltung ihres Lebens darstellt.
Da ich weiß, mit welcher Sympathie Sie der Niederlassung der Juden in Palästina gegenüberstehen, erlaube ich mir die Hoffnung auszusprechen, daß es die britische Regierung ohne weiteren Aufschub möglich finden wird, die Einwanderungsbeschränkungen des Weißbuches aufzuheben.
Mir sind die Schwierigkeiten einer definitiven, befriedigenden Lösung des Palästinaproblems natürlich bekannt, doch bezweifle ich, daß sich die Schwierigkeiten durch weiteres Zögern verringern werden. Obwohl kaum zu erwarten ist, daß wir das Problem im Rahmen dieser Konferenz ausführlich erörtern können, hoffe ich doch, daß Sie mir Ihre Gedanken über dessen Lösung gelegentlich mitteilen, so daß wir zu einem späteren, aber nicht zu fernen Zeitpunkt das Problem konkret behandeln können. 5Truman, Harry S., Memoiren, BD. II, a. a. O., S. 147; Original: The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O., Dok. Nr. 1344, S. 1402
Churchill kam durch seine Abwahl nicht mehr dazu, eine Antwort zu formulieren. Sein Nachfolger im Amt des Premierministers, Clement Attlee, bestätigte Truman am 31. Juli den Empfang des Memorandums und sagte dessen Beantwortung zu.6Vgl. ebenda, Dok. Nr. 1346, S. 1406.
So war die Erörterung nicht über einige inoffizielle Aussprachen hinausgegangen. 7Truman, Harry S., Memoiren, Bd. II, a. a. O., S. 148.
In der Erklärung der Konferenz von Jalta waren weder die Juden noch Palästina erwähnt worden. Auch im Abschlussdokument von Potsdam fehlten sie.
Bei der ersten Pressekonferenz am 16. August 1945, die Truman, nach seiner Rückkehr aus Potsdam gab, wurde er von einem Journalisten gefragt, „ob das Palästinaproblem zur Sprache gekommen sei und welchen Standpunkt die amerikanische Regierung eingenommen habe“. Der US-Präsident antwortete darauf:
Die amerikanische Auffassung ist die, vorerst einmal so viele Juden in Palästina aufzunehmen, als nur ins Land gelassen werden können. Nachher muß die Sache mit den Engländern und Arabern auf diplomatischem Wege geregelt werden, damit eine eventuelle Staatsgründung auf friedlicher Basis vor sich gehen kann. Ich hege keineswegs den Wunsch, fünfhunderttausend amerikanische Soldaten zur Befriedung Palästinas aufzubieten. 8Ebenda.
US-Außenminister Byrnes hatte am 18. August 1945 dem amerikanischen Generalkonsul in Jerusalem, Lowell Call Pinkerton, ausführlicher über die Antwort Trumans auf der Pressekonferenz berichtet.
Äußerungen des Präsidenten zu Palästina auf der Pressekonferenz vom 16. August:
Auf die Frage, ob in Potsdam über einen jüdischen Nationalstaat gesprochen worden sei, erklärte der Präsident, dieses Thema sei mit Churchill und Attlee erörtert worden und werde weiterhin diskutiert. Auf die Frage, ob er das Thema auch mit Stalin besprochen habe, antwortete der Präsident verneinend und fügte hinzu, Stalin könne in dieser Angelegenheit ohnehin nichts ausrichten. Als Reaktion auf eine weitere Frage nach dem amerikanischen Standpunkt zu Palästina, wie er in Potsdam dargelegt worden war, sagte der Präsident, man wolle so viele Juden wie möglich nach Palästina einreisen lassen; er fügte hinzu, die Angelegenheit müsse auf diplomatischem Wege mit den Briten und den Arabern geklärt werden, und zwar auf friedlicher Basis, da er kein Interesse daran habe, eine halbe Million amerikanischer Soldaten zur Wahrung des Friedens nach Palästina zu entsenden.9The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O, Dok. Nr. 1347, S. 1407.
Es war doch etwas übertrieben von Truman, dass er in Potsdam mit Churchill und Attlee die Gründung eines jüdischen Nationalstaates erörtert habe. Richtig war dagegen seine Verneinung eines Gesprächs mit Stalin zu dem Thema. Wobei er falsch lag mit der Aussage: „Stalin könne in dieser Angelegenheit ohnehin nichts ausrichten„. Die weitere Entwicklung zeigte, wie wichtig die frühzeitige Einbindung der Sowjetunion in das Palästina-Thema gewesen wäre. Aber das widersprach den Interessen, die Großbritannien und die USA im Nahen Osten verfolgten.
Am 22. Juni 1945 hatte Truman den Dekan der Juristischen Fakultät der Universität Pennsylvania, Earl G. Harrison, beauftragt, das europäische Flüchtlingsproblem vor Ost zu untersuchen. Besondere Aufmerksamkeit sollte „der entwurzelten, nicht heimschaffungsfähigen Personen“ gewidmet werden. Am 3. August 1945 schickte Harrison den Bericht an Präsident Truman, kurz als „Harrison-Report“ bezeichnet. Im Laufe des Juli 1945 hatte Harrison insgesamt 30 DP-Lager (DP = Displaced Persons). Ihn begleiteten ein Beauftragter des Joint Distribution Committee; zeitweilig unterstützten ihn auch zwei US-Beamte. Bei den Besuchen entstanden umfangreiche Tagebuchnotizen. Am 30. September 1945, veröffentlichte die „New York Times“ den Bericht in voller Länge; das Joint Distribution Committee verbreitete ihn unter dem Titel The plight of the displaced Jews in Europe. A report to President Truman, released by The White House als Sonderdruck.
Der Harrison-Bericht war ein ergreifendes Dokument. Da ein solches Elend nicht länger geduldet werden konnte, ersuchte ich General Eisenhower, alles aufzubieten, um die Zustände in den Lagern zu verbessern.10Truman, Harry S., Memoiren, Bd. II, a. a. O., S. 149.
Hinsichtlich der Zahl der allein ums Leben gekommenen jüdischen Polen war Truman bereits informiert gewesen. So hatte die polnische Delegation auf der Potsdamer Konferenz in der Beratung am 29. Juli 1945 die Zahl der polnischen Todesopfer während der deutschen Besetzung auf 5 500 ooo eingeschätzt, wovon über die Hälfte Juden gewesen seien. 11Vgl. The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O., S. 479.
In einem Bericht des US-Vertreters in Ungarn, Schoenfeld, an Außenminister Byrnes vom 17. Juli 1945 war ein anderer Aspekt behandelt worden:
Moskau ist offenbar besorgt über den wachsenden Antisemitismus und die Tatsache, dass die Kommunistische Partei Ungarns allzu stark mit Juden in Verbindung gebracht wird – bedingt dadurch, dass vier ihrer führenden Köpfe sowie die große Mehrheit der von den Kommunisten kontrollierten politischen Polizei jüdischer Abstammung sind. Berichten zufolge gibt es nun eine Parteianweisung, wonach Kommunisten jüdischer Herkunft nicht dazu ermutigt werden sollen, Regierungsämter zu übernehmen oder an der Spitze der Parteiarbeit aufzutreten.12The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O., Dok. Nr. 799, S. 693.
- 1Truman, Harry S., Memoiren, Bd. II: Jahre der Bewährung und des Hoffens, 1946-1953, Stuttgart 1956, S. 147. ↩︎
- 2Truman, Harry S., Memoiren, Bd. I: Das Jahr der Entscheidungen, 1945, Stuttgart 1955, S. 98. ↩︎
- 3The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945. (In Two Volumes), Volume II, Washington 1960, S. 254. ↩︎
- 4Ebenda, S. 265. ↩︎
- 5Truman, Harry S., Memoiren, BD. II, a. a. O., S. 147; Original: The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O., Dok. Nr. 1344, S. 1402 ↩︎
- 6Vgl. ebenda, Dok. Nr. 1346, S. 1406. ↩︎
- 7Truman, Harry S., Memoiren, Bd. II, a. a. O., S. 148. ↩︎
- 8Ebenda. ↩︎
- 9The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O, Dok. Nr. 1347, S. 1407. ↩︎
- 10Truman, Harry S., Memoiren, Bd. II, a. a. O., S. 149. ↩︎
- 11Vgl. The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O., S. 479. ↩︎
- 12The Conference of Berlin (The Potsdam Conference) 1945, Bd. II, a.a.O., Dok. Nr. 799, S. 693. ↩︎
© GeschichtsManufaktur Potsdam, 14. September 2026