Präsident Harry S. Truman trat sein Amt im Frühjahr 1945 unter schwierigen und belastenden Umständen an. In einer historisch entscheidenden Phase in die Rolle des Entscheidungsträgers gedrängt, hatte er mit zwei Problemen zu kämpfen: mangelnder Erfahrung und fehlendem Hintergrundwissen. … All diese Probleme machten es erforderlich, dass Truman das Vertrauen des amerikanischen Volkes und der über das Weiße Haus berichtenden Journalisten gewann und bewahrte. Ein positives Image war von entscheidender Bedeutung. … Leider verfügte Truman – wie sich zeigen sollte – weder über das diplomatische Geschick seines Vorgängers noch über die nötige Geduld im Umgang mit den Reportern des Weißen Hauses.1Liebovich, Louis William: Failed White House Press Relations in the Early Months of the Truman Administration. In: Presidential Studies Quarterly, Vol. 19, No. 3, I: The Congress, the Court, and the Presidency at 200 Years and II: Presidential Greatness: Considerations on the FDR and Truman Presidencies (SUMMER 1989), S. 583.
Trumans Verhältnis zur Presse
Der Präsident ernannte Charles G. Ross zum Pressesprecher und Eben A. Ayers zu dessen Assistenten. Ayers war unter Roosevelt als Verbindungsglied für die Presse- und Rundfunkabteilung des „Office of Inter-American Affairs“ tätig gewesen, nachdem er zuvor dreißig Jahre lang als Redakteur und Reporter – vorwiegend bei der „Associated Press“ – gearbeitet hatte. Beide Männer hatten das Potenzial, einen guten Draht zum Pressekorps des Weißen Hauses aufzubauen.
Truman neigte zu offener, direkter Sprache, hatte eine volksnahe Art und sein Umgangston bewegte sich zwischen verbindlich und schroff. Seine Personalentscheidungen und die Auswahl von Freunden waren jedoch nicht immer die glücklichsten.
Ross, der ehemalige Leiter des Washingtoner Büros und Leitartikler der „St. Louis Post-Dispatch“, war in Independence, Missouri, gemeinsam mit Truman und dessen Frau Bess zur Schule gegangen. Ihre beruflichen Wege hatten sich zwar unterschiedlich entwickelt, doch schließlich waren sowohl Truman als auch Ross in Washington gelandet; Ross, der bei anderen Reportern beliebt war, schien für die Anforderungen der Position bestens geeignet zu sein. Ayers hingegen war bereits unter der Regierung Roosevelt als Pressebeauftragter tätig gewesen und hatte mit Roosevelts Pressesprecher Stephen Early zusammengearbeitet. Nach Roosevelts Tod war Early zum Berater des Präsidenten aufgestiegen. Ayers’ Verbleib im Pressebüro stellte ein Bindeglied zwischen den beiden Regierungen dar.2Ebenda, S. 584.
Ross und Ayers mussten vier Ziele erreichen:
– Kommunikationswege zu den Reportern des Weißen Hauses schaffen und ein gutes Verhältnis zu ihnen aufbauen,
– ein positives Image des Präsidenten und seiner Politik gestalten,
– Truman bei Entscheidungen zur Pressearbeit und zu Pressekonferenzen beraten,
– die technischen Einzelheiten der Berichterstattung über den Präsidenten sorgfältig organisieren.
Zu Letzterem gehörten die Vorbereitung von Reden, die Vergabe von Presseakkreditierungen oder die Bearbeitung von Anfragen von Reportern, die den Präsidenten auf Reisen begleiten wollten.3Vgl. ebenda.
Truman orientierte sich in der Pressearbeit, insbesondere die Gestaltung von Pressekonferenzen, an der seines Vorgängers, Franklin D. Roosevelt. Auf seiner ersten Pressekonferenz stellte er seine Regeln für den Umgang mit Journalisten und Informationen vor.
Manche Informationen waren nur für den Hintergrund bestimmt, andere konnten ohne Nennung der Quelle veröffentlicht werden, während rein informative Zitate direkt dem Präsidenten zugeschrieben werden durften.4Ebenda.
Die Reporter erhielten Stoff für ihre Beiträge, und der Präsident konnte Hintergrundinformationen liefern, ohne befürchten zu müssen, allzu offen und leichtfertig zu sein.
Truman genoss den Umgang mit den Reportern aufrichtig und fühlte sich ihnen weitaus stärker verbunden als deren Verlegern aus der Oberschicht. Um das gute Verhältnis zu ihnen zu festigen, lud der Präsident einige von ihnen ein, ihn an einem Wochenende auf der Präsidentenyacht zu begleiten – zum Angeln und Pokerspielen. Er taufte die Gruppe „Hardrock Club“ und legte fest, dass alle Gespräche streng vertraulich („off the record“) zu behandeln seien.5Ebenda, S. 584 f.
Zum „Hardrock Club“ gehörten seine engen Berater aus dem Weißen Haus sowie Journalisten und Reporter, die ihn auf seiner Wahlkampftour und zur Potsdamer Konferenz begleitet hatten. Das „Time Magazine“ schrieb über den im Dezember 1945 offiziell gegründeten Club:
Franklin Roosevelt hatte seinen „Manschettenknöpfe-Club“, bestehend aus Sekretärinnen und Journalisten, die ihn auf seinem erfolglosen Vizepräsidentschaftswahlkampf 1920 begleitet hatten. Letzte Woche gründete Harry Truman offiziell seinen „Hardrock Club“. Dessen Mitglieder: Mitarbeiter des Weißen Hauses und Journalisten, die ihn auf seiner erfolgreichen Vizepräsidentschaftswahlkampftour im vergangenen Jahr und auf der Reise nach Potsdam begleitet hatten. Der Name bezieht sich auf den gemeinsamen Besuch von Harry Truman und den Journalisten in einer Kupfermine in Montana im vergangenen Jahr. Das Clubabzeichen: eine goldene Bergmannshacke. Nach dem Army-Navy-Spiel, bei dem der ehemalige Artilleriehauptmann Truman offiziell neutral war, aber persönlich der Armee die Daumen drückte, unternahm der Präsident mit den Clubmitgliedern die Jungfernfahrt seiner neuen Yacht „Williamsburg“. Sie verbrachten die Nacht auf See, aßen Wildreis und Curry und kehrten am nächsten Tag bei strahlendem Sonnenschein zurück.6Time, 10.12. 1945.
Robert T. Elson, der Leiter des Washingtoner Büros des „Time“ Magazins, war der erste, den Truman näher an sich binden wollte. Mitte Juni 1945 verbrachte er mit dem Präsidenten mehrere Stunden allein an Deck der Yacht, angelten Aale und unterhielten sich.
In einem vertraulichen Vermerk an seine Redaktion schrieb Elson später, die Offenheit und der derbe Sprachstil des Präsidenten hätten ihn überrascht, doch habe er dabei viel über ihn erfahren. Truman sprach über seine Angst vor der Sowjetunion und äußerte sich zu einigen Staats- und Regierungschefs. Er bezeichnete den arroganten französischen Präsidenten Charles de Gaulle als „Bastard“ und „eingebildetes Arschloch“. Churchill und Großbritannien würden in der Nachkriegswelt kaum noch Einfluss haben. Truman erzählte Elson zudem, Stalin werde von seinem Umfeld untergraben und werde eines Tages wahrscheinlich einem Attentat zum Opfer fallen.7Liebovich, Louis William, a.a.O., S. 585.
Mit an Bord waren zur gleichen Zeit Ernest Vaccaro (Associated Press), Ray Lahr (United Press), Joseph Short (Baltimore Sun) und Sam Bell (New York Herald Tribune). Bis zum Ende des Sommers kamen weitere Stammreporter des Weißen Hauses hinzu. In Verbindung mit der Reise des Präsidenten zur Potsdamer Konferenz zeigten sich die Probleme des elitären Zirkels. Die zu ihm gehörenden Personen genossen die Nähe des Präsidenten, konnten sich mit Truman unterhalten, ohne dass die Gefahr bestand, ihn falsch zu zitieren und kooperierten miteinander. Die nicht dazu gehörenden Reporter fühlten sich jedoch brüskiert und „bei ihren Redaktionen in Ungnade gefallen„. Als sich Truman entschloss, drei reporter in seine offizielle Delegation aufzunehmen, brach der Konflikt offen aus.
Ross versuchte, die Probleme durch ein Treffen mit den Korrespondenten des Weißen Hauses zu entschärfen. Es wurde vereinbart, dass ein Rundfunkreporter, drei Vertreter von Nachrichtenagenturen und ein Filmteam den Präsidenten an Bord der *U.S.S. Augusta* bei der Überquerung des Atlantiks begleiten sollten. Die übrigen Journalisten konnten entweder ein anderes Schiff nehmen oder eine Flugreise organisieren.
Ross erhielt von den Reportern die Zusage, nicht über die Abreise des Präsidenten zu berichten, bis dieser sicher in Europa angekommen war. Der Krieg gegen Japan dauerte noch an, und der Stab des Weißen Hauses fürchtete um Trumans Sicherheit. Die Reporter willigten ein, doch der Kolumnist Drew Pearson hatte nicht an der Besprechung teilgenommen und berichtete über die Abreise des Präsidenten nur wenige Stunden nach dessen Aufbruch, was sowohl den Stab des Präsidenten als auch die anderen Reporter verärgerte.8Ebenda, S. 585 f.
Auf der USS „Augusta“ befanden sich folgende Vertreter der Medien:
Beatty, Morgan, Vertreter der gemeinsamen Hörfunkverbünde.
Nixon, Robert, Vertreter des International News Service (I.N.S., Nachrichtendienste).
Smith, Merriman, Vertreter von United Press.
Vacarro, Ernest, Vertreter von Associated Press.
Johnson, Carl Hugo, Vertreter der Wochenschau-Unternehmen
Oeth, Albert, Vertreter der Wochenschau-Unternehmen.
Thompson, Francis I., Vertreter der Fotodienste.
Sie gehörten zum Presse-, Rundfunk- und Fotografenpool für die Berichterstattung über die „Berliner Konferenz“. Die Bezeichnung „Potsdamer Konferenz“ setzte sich erst später durch. Offizieller Fotograf der Delegation des Präsidenten war William Belknap, Jr., CPhoM (Chief Photographer’s Mate – Cheffotografengehilfe, U.S.N., Navy Photographer (Navy Fotograf).
Während der Reise erfuhren die Medienvertreter, dass sie nicht bei der Delegation in deren abgeschlossener Zone in Neubabelsberg bleiben durften, sondern in Berlin untergebracht werden. Sie erhielten Unterkünfte in Zehlendorf, im Umfeld des Mexikoplatzes. Während alle anderen Reporter, die sich bereits als Kriegsberichterstatter in Deutschland bzw. Berlin befanden, in einem Pressecamp in Zehlendorf zusammengefasst wurden. Die Medienvertreter aus der Delegation des Präsidenten verfügten über Telefon und über eine direkte Verbindung zur US-Delegation in Neubabelsberg. Aber weder sie noch die Bewohner des Pressecamps durften die abgeschlossene Zone für die Delegationen in Neubabelsberg betreten und auch nicht das Gebiet zwischen Neubabelsberg und dem Konferenzort Schloss Cecilienhof.
Pressezensur und Informationssperre
Aus Beiträgen von Tania Long für die „New York Times“ geht hervor, dass sie Schloss Cecilienhof und das US-Delegationsareal am 15. Juli und beides noch einmal am 2. August 1945 besichtigen und darüber schreiben durfte. Offensichtlich handelte es sich hier um eine Ausnahme, wie nach einem Beitrag ihres Ehemannes, Raymond Daniell, Leiter des Berliner Büros der „New York Times“ vom 13. Juli 1945 gemutmaßt werden muss.
Geheimhaltung der Konferenz verärgert Berliner Journalisten
Vergleich zwischen der Geheimhaltung um Potsdam und den täglichen Berichten vom Kreuzer Trumans
Von Raymond Daniell
Per Funk an die New York Times.
Berlin, 13. Juli – Die meisten der derzeit in Berlin anwesenden amerikanischen und britischen Zeitungskorrespondenten sind vor allem deshalb hierhergekommen, um über die Konferenz der „Großen Drei“ zu berichten. Doch genau darüber dürfen sie nicht schreiben – nicht einmal in Form von Spekulationen über Zeit und Ort des Treffens von Präsident Truman, Premier Stalin und Premierminister Churchill.
Das mystische Wort „Sicherheit“ wird als Grund für die derzeitige Geheimhaltungspolitik angeführt; dennoch liefern Radiosendungen täglich Einzelheiten über die Überfahrt des Präsidenten, und der russische Rundfunk meldete zunächst, die Konferenz würde heute beginnen, nannte dann aber in einer späteren Sendung den Dienstag als Termin.
Es gibt kaum einen Deutschen in Berlin, der nicht den genauen Ort des historischen Treffens kennt – tatsächlich hat mir ein Berliner den Ort sogar beschrieben. Zwei Korrespondenten, ein Brite und ein Amerikaner, wurden bereits dafür bestraft, dass sie sich in die Sperrzone außerhalb Berlins gewagt hatten. Sie wurden für 72 Stunden suspendiert, wobei ihnen in dieser Zeit die Übermittlung von Berichten untersagt war.
Die Ankunft der Delegationen auf dem Flugplatz Gatow durften die Reporter nur als Zaungäste erleben, d.h. von außerhalb des Flugplatzgeländes.
Journalisten der Zutritt zum Flughafen verwehrt
Der Flughafen wurde für alle Korrespondenten zur Sperrzone erklärt. Fotografen durften dennoch an einer geführten Besichtigung des Geländes und des Gebäudes teilnehmen, in dem die Konferenz stattfinden soll, während Reportern und Rundfunkkommentatoren der Zutritt verwehrt blieb.
Eine heute Morgen in den USA veröffentlichte Meldung von der „Augusta“, wonach Präsident Truman geheime Abmachungen ablehne, stieß bei den Korrespondenten vor Ort auf großes Interesse. Eine weitere Meldung – wonach die derzeit in Berlin anwesenden Korrespondenten (darunter viele, die seit Kriegsbeginn von der Front berichtet haben) nicht über das Dreiertreffen berichten dürften und dieses Privileg auf die Begleiter des Präsidenten beschränkt bliebe – weckte zwar kaum glaubwürdiges, aber dennoch anders geartetes Interesse.
Ohne eine Prognose zum Eröffnungszeitpunkt der Konferenz wagen zu wollen, gibt es einige interessante Entwicklungen, über die es sich objektiv zu berichten lohnt. Die Bewachung der Sperrzone, die im russischen Besatzungsgebiet liegt, wurde verstärkt. Zudem hat der Flugverkehr zum Flughafen in den vergangenen 24 Stunden zugenommen. Zudem beschwerten sich heute einige amerikanische Offiziere darüber, dass sie – ausgerechnet in dem Moment, als sie alle Hände voll damit zu tun hatten, Lastwagen für den Transport von Lebensmitteln im amerikanischen Sektor der Hauptstadt zu beschaffen – dazu herangezogen wurden, Fahrzeuge für den Transport von Möbeln, Teppichen sowie Wein und Spirituosen für hochrangige Besucher bereitzustellen. …
Der Präsident, der Premierminister sowie ihre Außenminister und militärischen Berater für Heer, Marine und Luftwaffe trafen in einer gewaltigen Flotte aus großen „York“- und C-47-Maschinen ein, die zwischen 14:30 und 18:15 Uhr auf einem Berliner Flughafen landeten. Churchill und Truman begaben sich zu den Villen, die sie während der Konferenz – deren Dauer auf zehn Tage bis drei Wochen veranschlagt wird – beziehen werden. Die von ihnen befahrene Strecke war beidseitig bis in eine Tiefe von rund 640 Metern (700 Yards) durch Panzer, Panzerwagen und Maschinengewehrposten stark gesichert.9Ebenda.
Der letzte Absatz enthielt Informationen allgemeinen Charakters der Ankunft selbst durften Daniell und seine Kollegen nicht bewohnen.
Als die britischen und amerikanischen Delegationen am Sonntag auf dem Flugfeld landeten, waren keine Korrespondenten anwesend. Man hatte sie gewarnt, dass sie – sollten sie dort auch nur erscheinen – ihre Akkreditierung als Kriegskorrespondenten verlieren und nach Hause geschickt würden. 10Newq York Times v. 18.07.1945.
In seinem ersten Bericht über die Potsdamer Konferenz fasst Daniell verschiedene Aktivitäten zusammen und geht nur etwas kritisch mit der Organisation der Pressearbeit für die Konferenz um. In seinem Bericht vom 17. Juli 1945 änderte sich der Ton. Grund war ein Kommuniqué der Konferenzteilnehmer zur Eröffnung ihrer Beratungen und vor allem der Umgang damit.
Vor der Veröffentlichung des Kommuniqués drang – abgesehen von einer Fülle gesellschaftlicher Meldungen und Nebensächlichkeiten über die Vorkehrungen zur Bewirtung der hochrangigen Gäste – nichts aus dem Bereich hinter der Gartenmauer und dem Sperrgürtel aus russischen Bajonetten und Maschinengewehren nach außen, der die Konferenzteilnehmer von der übrigen Welt, einschließlich der britischen und amerikanischen Korrespondenten, abschirmte.
Die Nachricht von der ersten offiziellen Sitzung der Konferenz wurde den hier anwesenden Korrespondenten um 23 Uhr übermittelt; die Zensurbehörden hatten die Anweisung erhalten, das Kommuniqué erst um Mitternacht zur Übermittlung nach London und New York freizugeben. Moskau meldete das Treffen jedoch bereits vor 22 Uhr Ortszeit. Die British Broadcasting Corporation (BBC) wiederholte die Moskauer Meldung kurz darauf.
Es war bereits zuvor beschlossen worden, die Öffentlichkeit bis zum Abschluss der Konferenz nicht über die Beratungen der „Großen Drei“ zu unterrichten; erst danach sollten die Völker der Welt erfahren, welche Entscheidungen die drei Staatschefs getroffen hatten. Wie den Korrespondenten heute mitgeteilt wurde, stimmten alle Teilnehmer dieser Regelung zu, um das Risiko von Informationslecks auszuschließen. Wann diese Vereinbarung getroffen wurde und auf wessen Initiative hin dies geschah, wurde nicht bekannt gegeben. …
Manche haben versucht, den Eindruck zu erwecken, sie hätten die Lage voll im Griff, indem sie ihre Berichte mit dem Ortsnamen „Potsdam“ versahen; doch das ist völlig bedeutungslos – sie könnten die Meldungen ebenso gut aus München datieren, denn sie wissen über die Vorgänge in Potsdam nicht mehr als jemand in Moskau; vielleicht wären sie dort sogar besser dran. Tatsächlich gibt es keine Möglichkeit, Nachrichten aus Potsdam – oder von sonst wo – zu übermitteln, außer über zwei mobile Funkgeräte der Armee in Berlin.
Sowohl Truman als auch Churchill haben Pressesprecher mitgebracht; diesen ist es jedoch untersagt, das abgesperrte Gelände zu verlassen, und Korrespondenten dürfen es nicht betreten. Das Verfahren sieht so aus, dass die Pressesprecher jene Informationsfetzen, die sie veröffentlichen wollen, telefonisch an das Pressezentrum durchgeben, woraufhin ein Presseoffizier diese in festgelegten Abständen an die Korrespondenten weiterleitet. …
All dies wird nicht als Entschuldigung für den Mangel an Informationen über die Geschehnisse angeführt, sondern als Orientierungshilfe für den aufmerksamen Leser: Er soll einschätzen können, wie viel Glauben er reißerischen Berichten schenken darf, die aus Potsdam, Berlin oder gar „direkt vom Konferenztisch“ stammen.
Die Armee, die hier für die Übermittlung, den Transport, die Unterbringung und die Verpflegung der Korrespondenten sorgt, vertritt den Standpunkt, dass – abgesehen von Sicherheitsbelangen – keinerlei Zensur ausgeübt wird, ganz gleich, wie fehlerhaft die Fakten auch sein mögen.11Ebenda.
Dem langen Beitrag ist der sich steigernde Frust des Autors anzumerken, der nicht nur für sich selbst eintritt, sondern für alle zur Berichterstattung erschienenen Medienvertreter. Wobei er diese bei seiner Kritik nicht ausspart.
Bis heute sprangen Presseoffiziere, die über Zutrittsberechtigungen für den Flughafen und das abgesperrte Gelände verfügten, für die Reporter ein und gaben ihnen die verfügbaren Informationen über die Ankunft der Delegierten weiter. Damit war es jedoch vorbei, nachdem einige britische Korrespondenten hämische Artikel über die angeblich aggressiven Methoden der Pressebetreuer verfasst hatten; darin wurde suggeriert, sie würden in ihren Quartieren praktisch wie Gefangene festgehalten – eine derart ungerechte und verzerrte Darstellung, dass die helfenden Offiziere ihre Hände von der ganzen Angelegenheit abzogen.
Es ist interessant, dass die Informationen – so dürftig sie auch sein mögen – größtenteils von der amerikanischen Delegation zu stammen scheinen, ergänzt durch wenige, widerwillig preisgegebene Häppchen von den Briten und absolut gar nichts von den Russen.
12Ebenda.
Die Zeitung St. Paul Pioneer Press brachte am 18. Juli einen Beitrag des United Press Korrespondenten Jack Martin Fleischer.
KEIN INTERESSE AN „POLITIK“ –
US-Armee stoppt Nachrichten zum Treffen der „Großen Drei“
Von JACK FLEISCHER
BERLIN — (UP) — Die extreme Geheimhaltung, die das Treffen der „Großen Drei“ umgab, wurde am Dienstag noch verschärft, als die US-Armee die Informationsweitergabe zur Konferenz einstellte; zur Begründung hieß es, die Armee wolle sich nicht in „Politik“ hineinziehen lassen. Künftig, so wurde bekannt gegeben, würden die Presseoffiziere der Armee lediglich als Vermittler von Informationen fungieren, die von den Konferenzverantwortlichen bereitgestellt werden. Im Konferenzhauptquartier wurden lediglich nackte Fakten über die Kontakte zwischen den Staatschefs der „Großen Drei“ sowie Meldungen über deren Besichtigungen und diverse Randnotizen ausgegeben – Informationen, die insgesamt dürftig und weitgehend belanglos waren. Es wurden keinerlei politische Nachrichten veröffentlicht.
Zu den eher nebensächlichen Informationen, die bekannt gegeben wurden, gehörten Details wie:
Das Trinkwasser für die Delegationsleiter wird täglich aus dem Ausland eingeflogen; die Delegierten zahlen für ihre Mahlzeiten zwei Mark fürs Frühstück sowie jeweils vier Mark für Mittag- und Abendessen; und die Wachmannschaft der Armee hält am „Little White House“ von Präsident Truman täglich Appelle zum Wecken und zum Tagesabschluss ab.
Das Menü des Dienstags-Mittagessens, bei dem der Präsident Marschall Josef Stalin bewirtete, wurde zwar veröffentlicht, die Liste der servierten Getränke jedoch unter Verschluss gehalten – vermutlich aus Sicherheitsgründen.
Oberstleutnant John Redding, Presseoffizier für Berlin, und sein Stellvertreter, Oberstleutnant C. W. Gilchrist, gaben bekannt, dass die Armee keine weiteren Informationen über die „Großen Drei“ herausgeben werde. Ein Grund für diese Ankündigung war die scharfe Kritik an der militärischen Zensur, die einige Korrespondenten in ihren Berichten geäußert hatten. Protesten gegen die Geheimhaltung wurde mit dem Hinweis begegnet, es sei bereits vor dem Treffen der „Großen Drei“ angekündigt worden, dass es Mitgliedern des Berliner Pressekorps nicht gestattet sei, über die Konferenz zu berichten. Den Mitgliedern des Korps ist der Zutritt zum Konferenzgelände untersagt. Zudem wurde mitgeteilt, dass Charles G. Ross, der Pressesprecher des Präsidenten, und der Pressesprecher von Premierminister Winston Churchill das Konferenzgelände nicht verlassen könnten, um Informationen zu erteilen, da Korrespondenten der Zutritt zu diesem „abgeschirmten Bereich“ verwehrt sei. Mitglieder des Korrespondentenausschusses bemühten sich am Dienstag um ein Treffen mit den Pressesprechern. Auf Bitten von Raymond Daniell, dem Korrespondenten der *New York Times* und Vorsitzenden des Ausschusses, versprach Oberst Redding, ein Treffen mit den Pressesprechern in die Wege zu leiten – in der Hoffnung, dass eine tägliche Pressemitteilung herausgegeben werden könnten.13St. Paul Pioneer Press, Mittwoch, 18. Juli 1945
In ihrer Ausgabe vom 19. Juli 1945 veröffentlichte die „New York Times“ einen Tag zuvor verfaßte Berichte, also vom 18. Juli. Darunter auch einen langen Text von Raymond Daniell.
Die Politik, die Konferenz der „Großen Drei“ in Geheimhaltung zu hüllen, drohte heute den unglücklichen Eindruck zu erwecken, die Teilnehmer seien zusammengekommen, um den Sieg bei gesellschaftlichen Anlässen zu feiern, anstatt den Frieden zu planen.
Denn ungeachtet etwaiger Übereinstimmungen oder Differenzen zwischen den Hauptakteuren in den wesentlichen Fragen herrscht offensichtlich Uneinigkeit darüber, welche Rolle die Presse in einem freien Land spielen sollte. Dies führte dazu, dass sich die Russen jeglichem Kontakt zur Presse entzogen, während sie gleichzeitig über den Moskauer Rundfunk als Erste die Nachricht von der ersten Arbeitssitzung in die Welt hinausposaunten – wohingegen Briten und Amerikaner den vereinbarten Veröffentlichungszeitpunkt abwarteten. Gleichzeitig versuchten Amerikaner und Briten, es allen recht zu machen: Sie unterdrückten wichtige Informationen und überhäuften ihre Presse stattdessen mit Belanglosigkeiten – etwa den Namen der Künstler, die die Delegierten in ihren arbeitsfreien Stunden unterhielten –, ohne dabei zu erwähnen, dass es überhaupt Arbeitsstunden gab.
Die wohl interessanteste Nachricht des Tages – telefonisch aus dem Konferenzbereich übermittelt und an die Korrespondenten weitergegeben, die zu gelegentlichen Besprechungen in den Berliner Presseraum gerufen wurden – war die Meldung, dass Präsident Truman zwei Mittagessen eingenommen hatte: eines mit Premierminister Churchill und einige Stunden später ein weiteres mit Premier Stalin. Beim Mittagessen mit Premier Stalin aß der Präsident Kaviar. Mehr wurde den Korrespondenten nicht mitgeteilt. Doch gemäß den Konferenzregeln durfte der Sprecher im amerikanischen Lager – offenbar der Sekretär des Präsidenten, Charles Ross, selbst ein ehemaliger Zeitungsmann – aus ethischen Gründen nicht hinzufügen, dass auch ernsthafte Themen erörtert worden waren. So verging der Großteil des Tages, ohne dass auch nur der geringste Hinweis darauf vorlag, die Delegierten würden sich mit mehr als nur dem Genuss der guten Speisen und Getränke befassen, die die Armee für die „Großen Drei“ zusammengetragen hatte…14New York Times v. 19.07.1945.
Daniel de Luce, der für die Agentur „Associated Press“ aus Berlin berichtete, versucht das Problem der „Pressezensur“ irgendwie einzuordnen. Beim Verfassen des Textes spielte vermutlich auch eine Rolle, dass er seine Akkreditierung für die Berichterstattung aus Deutschland auch noch nach der Konferenz nutzen wollte..
PRESSEBESTIMMUNGEN DER „GROSSEN DREI“
Von Daniel de Luce
Korrespondent der Associated Press
Berlin, 18. Juli – Die Pressebestimmungen für die Konferenz der „Großen Drei“ wurden von den „Großen Drei“ selbst festgelegt. Sie wurden von der Konferenz in Teheran übernommen; doch da der Krieg in Europa beendet ist und Herr Truman den Platz des verstorbenen Präsidenten Roosevelt eingenommen hat, ermöglichen sie eine umfassendere tägliche Berichterstattung als je zuvor. Die über das Treffen berichtenden Korrespondenten sind im Presse-Camp im Stadtteil Zehlendorf untergebracht, etwa vier Meilen (auf der Straße) von Potsdam und noch näher am „Little White House“ entfernt. Amerikanische und britische Presseoffiziere haben Zugang zu den Sicherheitsbereichen der Alliierten im Raum Potsdam; mindestens einer von ihnen war Zeuge, als Ministerpräsident Stalin gestern an der Residenz von Herrn Truman eintraf.
Auch russische Offiziere bewegen sich in Potsdam. Zu ihnen gehören offizielle Korrespondenten der russischen Presse. Aufgrund der russischen Sicherheitsauffassungen ist kaum oder gar nicht damit zu rechnen, dass zivile Journalisten der Alliierten – selbst wenn sie zuvor als Kriegskorrespondenten akkreditiert waren – die Konferenzteilnehmer bei der Arbeit sehen dürfen. Britische und amerikanische Zeitungsleute dürfen Potsdam jedoch besuchen, mit Ausnahme der abgesperrten Sicherheitsbereiche. Mehrere von ihnen sahen von außerhalb des Zauns die Flugzeuge, die am Sonntag die Herren Truman und Churchill sowie deren Delegationen hergebracht hatten.
Gestern begannen der Pressesprecher von Herrn Truman und seine britischen Kollegen mit der Veröffentlichung offizieller Berichte. Über das Treffen in Potsdam wurden in dieser Woche jedoch mehr sachliche Informationen bekannt gegeben, als dies in einem vergleichbaren Zeitraum bei der Konferenz in Teheran der Fall war. Aus Jalta drang bis zur Veröffentlichung des Abschlusskommuniqués nichts nach außen. Was die Öffentlichkeit in den kommenden Tagen durch Presse und Rundfunk über die Potsdamer Konferenz erfahren wird, ist das Ergebnis eines einvernehmlichen Kompromisses zwischen den Führern der drei Mächte.15Ebenda.
Ergänzt wurde sein Beitrag mit einer Meldung aus Großbritannien.
BRITEN SCHLIESSEN SICH KRITIK AM POTSDAMER SCHWEIGEN AN
LONDON, 18. Juli (U.P.) – Die britische Presse kritisierte heute die Geheimhaltung rund um das Treffen der „Großen Drei“ sowie die luxuriöse Verpflegung der Delegierten.
Die Zeitung *The Star* erklärte, „vertrauenswürdige Korrespondenten sollten die Freiheit haben, unparteiisch über die Vorgänge im Reich zu berichten. Vor allem sollten die ‚Großen Drei‘ in Potsdam die öffentliche Meinung weltweit beruhigen, indem sie die Völker in ihr Vertrauen ziehen. Sie sind dort in einer dringenden öffentlichen Angelegenheit tätig. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, was vor sich geht.“
Der *Mirror* bezeichnete Geheimdiplomatie als Bedrohung für den künftigen Frieden. „Die Delegierten mögen ruhig Stillschweigen darüber bewahren, wie ihre Gaumen verwöhnt werden“, hieß es dort. „Was die Menschen brauchen und worauf sie brennend warten, ist volle Kenntnis darüber, wie die gewaltigen Fragen von Weltfrieden und Wohlstand angegangen werden.“
Die *Mail* bezeichnete die Konferenz als erste Friedenskonferenz, bei der das Schicksal von Millionen Menschen im Geheimen entschieden werde. Der *News Chronicle* kritisierte Premierminister Churchill und Präsident Truman dafür, dass sie einer Geheimkonferenz zugestimmt hätten, während sie gleichzeitig ein Ende der russischen Geheimhaltung auf dem Balkan und in Osteuropa forderten. Der *News Chronicle* veröffentlichte zudem einen Artikel unter der Überschrift: „Londoner Hausfrauen verärgert über Speisepläne für Potsdam“.
Die Zeitung der US-Armee, *The Stars and Stripes*, überschrieb ihren Bericht aus Potsdam mit den Worten: „Noch nie gab es so wenige Nachrichten über so viel Geschehen.“16Ebenda.
Am 19. Juli nahm die Schärfe der verbalen Auseinandersetzung zu, wie die „New York Times“ in der Ausgabe vom 20. Juli 1945 berichtete. Raymond Daniell hält zunächst sachlich fest:
Als Grund für die Entscheidung, strengste Geheimhaltung zu wahren, wird angeführt, dass die erörterten Fragen derart heikle Aspekte der internationalen Beziehungen berühren, dass eine vorzeitige Offenlegung ihres Wesens und der geplanten Lösungsansätze die Eintracht der Alliierten stören und die endgültige Einigung gefährden könnte.
Diese Geheimhaltungsregel gilt jedoch weder für die gesellschaftlichen Aktivitäten der Delegierten noch für Angelegenheiten, die rein amerikanische Interessen betreffen.17New York Times v. 20.07.1945.
Aber unter seinen Kollegen in Berlin rumort es bereits heftig.
JOURNALISTEN PROTESTIEREN GEGEN SONDERBEHANDLUNG IN POTSDAM:
Per Funk an die New York Times
Berlin, 19. Juli – In Berlin akkreditierte Korrespondenten protestierten heute gegen die Bevorzugung der drei amerikanischen Nachrichtenagenturen – International News Service, Associated Press und United Press –, deren Vertreter den Präsidenten hierher begleitet hatten. Sowohl hier als auch in Washington war angekündigt worden, dass diese Agenturen keine Sonderrechte genießen würden. Nachdem sie jedoch bei zwei Gelegenheiten Meldungen vor der allgemeinen Freigabe übermittelt und einmal exklusiv erfahren hatten, dass Präsident Truman Konteradmiral Emory Land zu sich gerufen hatte, kam heraus, dass ihnen – und nur ihnen unter allen Korrespondenten – Armee-Telefonanschlüsse für den privaten Gebrauch in ihren Unterkünften eingerichtet worden waren und dass sie auch anderweitig bevorzugt behandelt wurden. Über ihre Ausschüsse, die Zeitungen aus aller Welt vertraten, argumentierten die Korrespondenten, die Auswahl der drei amerikanischen Nachrichtenagenturen für eine Sonderbehandlung sei ein Schritt hin zur Einrichtung eines offiziellen Nachrichtendienstes. Dies gehe zu Lasten der britischen, französischen und sonstigen alliierten Pressedienste, die für einen Großteil ihrer Informationen über die Aktivitäten der amerikanischen Delegation auf die amerikanischen Agenturen angewiesen seien. Vonseiten der Behörden wurde ihnen zugesichert, dass künftig alle Korrespondenten gleich behandelt würden; da ihnen der Zutritt zum Sicherheitsbereich sowie Gespräche mit Delegationsmitgliedern untersagt seien, würden sämtliche offiziellen Informationen über Oberst John Redding, den Presseoffizier des Berliner Bezirkskommandos, bekannt gegeben.18Ebenda.
Der Protest richtete sich vor allem gegen die Vertreter der Medien, die mit der Delegation von Präsident Truman gekommen waren und in vorher beschlagnahmten Häusern in Zehlendorf sowie mit weiteren Privilegien versehen, wie Telefon mit direktem Draht zur US-Delegation in Neubabelsberg, untergebracht wurden. Pressesprecher Charles G. Ross berichtete darüber seinem in Washington gebliebenen Stellvertreter Eben A. Ayers:
Um jeden Verdacht auszuräumen, dass unsere Mitarbeiter der White House News Agency bevorzugt behandelt werden, habe ich sogar ein Telefon entfernen lassen, das in ihren Büros installiert worden war. Sie können mich nun nur noch über Colonel Redding, den Pressesprecher dieses Bezirks, erreichen. Redding hatte es übrigens genauso schwer wie Sie und ich, und er hat hervorragende Arbeit geleistet. Im Grunde läuft alles darauf hinaus: Erstens erhalten die Mitarbeiter der Agentur genau das Gleiche wie alle anderen, und nicht mehr. Sie dienen der gesamten Presse. Mir geht es darum, die gesamte Presse zu schützen und nicht darum, das Ansehen einzelner Personen oder Gruppen zu fördern. Zweitens: Informieren Sie die Reporter vertraulich über die Fakten, und wenn sie oder einer von ihnen die Reise wie ursprünglich geplant wünschen, terminieren Sie sie und lassen Sie sie kommen und ihr Glück versuchen. Ich hatte vorhin gesagt, die Reise solle für nächsten Dienstag oder Mittwoch organisiert werden. Ich möchte das korrigieren: Organisieren Sie es bitte so schnell wie möglich. Falls nur ein oder zwei Personen die Reise antreten möchten, wäre es vielleicht besser, keinen Sonderflug zu organisieren, sondern ihnen nur die wichtigsten Dinge zukommen zu lassen.19MR-IN 83.
In den USA hatte die „Informationssperre“ über die Potsdamer Konferenz auch den Senat erreicht.
KRITIK AN DER ZENSUR VON POTSDAM
Senator Wiley bezeichnet Nachrichtensperre als diktatorisch
Washington, 19. Juli (AP) – Es ist höchste Zeit, dass die Delegierten der Potsdamer Konferenz nicht länger wie „geschwätzige junge Damen“ behandelt werden, erklärte heute Senator Alexander Wiley, Republikaner aus Wisconsin.
In einer Rede vor dem Senat protestierte Wiley gegen die Nachrichtensperre bei der Konferenz der „Großen Drei“ und bezeichnete die Zensur als „erschreckendes Beispiel für diktatorisches Verhalten“. „Den Korrespondenten wird lediglich ein Brei aus Banalitäten vorgesetzt“, erklärte er. „Pressemitteilungen über Dinge wie die Mengen an Wein, Weckern und Kühlschränken, die für die Konferenzteilnehmer eingeflogen wurden.“ „Dies hat zur Folge“, fügte er hinzu, „dass sie gezwungen sind, viele ihrer Berichte über den Verlauf der Konferenz auf der Grundlage reiner Vermutungen und Gerüchte zu verfassen.“20Ebenda.
Trotz des offensichtlichen Unmuts änderte sich nichts. Churchill und Stalin waren nicht bereit, der Öffentlichkeit zu viel über ihre Verhandlungen preiszugeben und Truman fügte sich dem, nicht gerade unwillig.
Die gebrochenen Absprachen und die chaotische Organisation der Pressearbeit ließen viele Reporter des Weißen Hauses verärgert und misstrauisch gegenüber Ayers und Ross zurück. Eddie Lockett, der Korrespondent des Magazins *Time* für das Weiße Haus, suchte zwei Tage nach Ende der Konferenz das Büro von Ayers auf und sprach mehrere Stunden lang mit dem stellvertretenden Pressesprecher. Lockett teilte Ayers mit, dass unter den Washingtoner Reportern eine allgemeine Enttäuschung über Ayers und Ross herrsche. Er riet Ayers, bei der Informationsweitergabe an die Presse offensiver vorzugehen. Auch Reynolds traf sich mit Ayers und äußerte seine Enttäuschung über den Umgang mit der Presse.21Liebovich, Louis William, a.a.O., S. 586.
Gebrochenes Versprechen
Was die in Berlin und Deutschland tätigen Korrespondenten nicht wussten, war die von Truman und seinem Pressestab gegebene Zusage, für die nicht zur Delegation des Präsidenten gehörenden Pressevertreter, dass sie nachreisen könnten.
Bereits am 11. Juli 1945 hatte Eben A. Ayers, der das Büro in Washington beaufsichtigte, seinem an Bord der USS „Augusta“ befindlichen Chef, Charles G. Ross, geschrieben:
Frau Shipley vom Passbüro des Außenministeriums teilt mit, dass die Joint Chiefs of Staff der Mitnahme von Korrespondenten ausländischer Nachrichtenagenturen auf der Pressereise nicht zustimmen. Sollten diese dennoch teilnehmen, müssen sie sich eigenständig um Transport, Unterkunft sowie Aus- und Einreisegenehmigungen (als Ausländer) usw. kümmern. Lediglich Reuters und die französische Nachrichtenagentur planen eine Teilnahme an der Reise.22MR-OUT 96
Am 13. Juli 1945 musste Ayers auf das vor der Abreise gegebene Versprechen verweisen:
Angesichts der täglich eintreffenden Nachrichten von Korrespondenten an Bord des Schiffes drängen einige der Journalisten, die später zur Gruppe stoßen wollten, nun auf eine Genehmigung zur früheren Abreise. Andrews, Lockeit und andere argumentieren, dass sie, wenn sie weiterhin täglich berichten wollen, ebenfalls vor Ort sein müssten, und fragen, ob die Abreise nicht auf nächste Woche oder so bald wie möglich vorgezogen werden könne. Die Verantwortlichen der Fluggesellschaft bitten um möglichst frühzeitige Informationen zum genauen Abreisedatum der Journalistengruppe, um die Flugzeugkapazitäten sicherzustellen, da es sonst möglicherweise nicht möglich sei, alle Teilnehmer im selben Flugzeug unterzubringen. Die Liste umfasst nun 18 Personen, ohne die Vertreter von Reuters und der französischen Nachrichtenagentur.23MR-OUT 110
Erst am 19. Juli erhielt Ayers eine Antwort von Ross:
Zu Ihrem ersten Punkt in Ihrem Schreiben vom 13. Juli:
Ich möchte nichts weiter unternehmen, um die Vertreter von Reuters und der französischen Nachrichtenagentur hierher zu holen. Die Entscheidung des Außenministeriums ist mir recht. Zu Ihrem zweiten Punkt im selben Schreiben: Bert Andrews, Lockett und die anderen Beschwerdeführer haben die Situation an Bord völlig missverstanden. Eine Erklärung hierzu wäre zu lang. Es genügt zu sagen, dass die Tatsache, dass die Männer an Bord täglich Nachrichtenberichte verfassten, nicht bedeutete, dass sie nach der Landung weiterhin Zugang zum Präsidenten haben würden. Nach ihrer Ankunft in Berlin begeben sich unsere Korrespondenten in das sogenannte Pressezentrum, wo sie den bereits anwesenden Korrespondenten gleichgestellt sind. (Ich würde Ihnen gern meine Meinung zu den Handlungen einiger dieser Korrespondenten mitteilen, aber sie müsste auf Asbest geschrieben werden.) …24MR-IN 83.
Ross war besonders irritiert, dass unter den Beschwerdeführern auch Personen waren, die zu Trumans engerem Zirkel gehörten. Und er musste feststellen, wie sich aus seiner Sicht gut gedachte Aktivitäten gegen ihn wendeten.
Ich kann nicht genau sagen, was der Präsident tun wird. Bei jedem Schritt habe ich jedoch versucht, den Journalisten zu ihrer Orientierung meine Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten mitzuteilen. Es wäre einfacher gewesen, eine vollständige Nachrichtensperre zu verhängen, aber wir – Sie und ich – haben versucht, hilfreich zu sein. Es scheint, je mehr wir es versuchen, desto mehr Ärger bekommen wir. Um es zu wiederholen: Ich denke, die geplante Reise sollte nicht unternommen werden. Sie wurde, wie Sie wissen, in der damals gültigen Erwartung arrangiert, dass der Präsident einige interessante Abstecher unternehmen würde, darunter einen nach London. Es ist nun höchst unwahrscheinlich, dass eine dieser Reisen stattfinden wird. Der Präsident neigt derzeit dazu, nach der Konferenz direkt nach Hause zu fahren. Angesichts dessen halte ich es für ratsam, dass die Korrespondenten zu Hause bleiben. Wir sind jedoch an die Reise gebunden und müssen sie für diejenigen durchführen, die sie wünschen, sofern diese weiterhin daran interessiert sind. Es ist auch zu bedenken – und ich hoffe, Sie werden dies den Korrespondenten ebenfalls vortragen –, dass der Präsident möglicherweise seine Meinung ändert und einen oder mehrere Abstecher unternimmt. Es lässt sich auch nicht sagen, wann die Konferenz enden wird. Weder der Präsident noch sonst jemand weiß das. Es spielen dabei die unterschiedlichsten Faktoren eine Rolle.
Die Hoffnung war, dass die Konferenz nicht länger als bis Ende nächster Woche dauern würde. Der Präsident ist bereit, bis zu drei Wochen zu bleiben; ich bezweifle, ob er einen längeren Aufenthalt in Betracht ziehen würde. Daher ist die ganze Angelegenheit noch ungewiss, und ich hoffe, Sie werden die Korrespondenten darüber informieren, damit sie ihre Entscheidung im Lichte all unserer Informationen treffen können. Da sie, oder einige von ihnen, auf eine frühe Abreise drängen, schlage ich vor, dass Sie die Reise für nächsten Dienstag oder Mittwoch ansetzen. Ich bezweifle, ob Sie es früher schaffen könnten. Lassen Sie Beckley außerdem außen vor. Dies aus zwei Gründen: seiner eigenen Abneigung gegen das Fliegen und der Tatsache – wie ich jetzt sehe –, dass seine Dienste nicht wirklich benötigt werden. Alle anderen sollen kommen, wenn sie wollen, aber teilen Sie ihnen klar und vertraulich mit, dass sie, falls sie kommen, zwangsläufig die gleichen Voraussetzungen wie alle anderen Männer hier haben werden, einschließlich der Gruppe vom White House. Das bedeutet, dass sie lediglich solche Informationen erhalten, wie wir sie weitergeben können – Informationen, die die Tagesordnung der Konferenz nicht berühren und in einen gemeinsamen Pool einfließen. Die einzigen Neuigkeiten über die Arbeit der Konferenz werden weiterhin in Form offizieller Kommuniqués veröffentlicht, und es ist sehr wahrscheinlich, dass es bis zum Ende der Konferenz keine weiteren Kommuniqués geben wird und dass dieses letzte Kommuniqué, wie in Jalta, zur gleichzeitigen Veröffentlichung in den drei Hauptstädten freigegeben wird. All dies muss völlig unverständlich sein. Schicken Sie mir bitte ein Telegramm, falls etwas unklar erscheint.25MR-IN 83.
Eben Ayers hingegen war beruhigt über die Antwort, die er von seinem Chef aus Neubabelsberg erhalten hatte.
Vielen Dank für Ihre Nachricht; sie hat viele der Fragen beantwortet, die ich Ihnen zuvor übermittelt hatte – unter anderem im Zusammenhang mit der Gruppe, deren Unterlagen heute (19. Juli) mit der Post auf den Weg gebracht wurden. Besonders erfreulich ist für mich zudem, dass Ihre Ausführungen meine bisherigen Antworten an die hartnäckigen Korrespondenten bestätigen.
Ich werde mich umgehend darum kümmern, die Abreise ohne Verzögerung in die Wege zu leiten; allerdings rechne ich damit, dass es dabei zu einer Klärung kommen wird, durch die eine beträchtliche Anzahl von Personen von der Liste gestrichen wird. Sobald die endgültige Zusammensetzung feststeht, werde ich Ihnen die Namen derjenigen mitteilen, die tatsächlich mitreisen. Die Lufttransportabteilung plant, die Gruppe mit einer regulären Flugverbindung ab Washington reisen zu lassen; ein Sonderflug wird voraussichtlich nicht erforderlich sein. Zudem bestehen Vorkehrungen für die Nutzung von Flugzeugen innerhalb Europas, falls Abstecher geplant sind – voraussichtlich zu regulären Passagiertarifen statt zu Charterpreisen, sodass die Reise nicht so kostspielig wird wie befürchtet. Die aktuellen Ereignisse im Ausland haben die Begeisterung einiger Interessenten offenbar etwas gedämpft. Ich habe mich bemüht, eher abschreckend zu wirken, ohne jedoch den Eindruck zu erwecken, wir wollten sie nicht dabeihaben.
Entgegen Ihrer Befürchtung hat Ihre Nachricht für große Klarheit gesorgt und war äußerst hilfreich. Ich kann Ihre Situation gut nachvollziehen. Die einzige offene Frage betrifft meines Erachtens die Korrespondenten, die sich bereits in Europa aufhalten und sich der Gruppe anschließen möchten.26MR-OUT 191.
Ob die Reise unter den geänderten Bedingungen zustande kam, lässt sich nicht nachvollziehen. Zwischen Ayers und Ross herrschte bis zum 23. Juli Funkstille, d.h. es gab keinen direkten Nachrichtenverkehr zwischen ihnen. Am 23. Juli teil Ayers mit:
Nachrichtenmeldungen heute zitieren den NBC-Korrespondenten Roy Porter, der aus Berlin berichtet, das ein Teil der amerikanischen Delegation zur Konferenz Deutschland verlassen habe und ein anderer Teil sich auf die Abreise zu einem neuen und überraschenden Ziel vorbereite. Außerdem, Smiths UP-Story berichtet heute, dass man glaube, Roseman werde aus Washington einberufen, um bei der Ausarbeitung von Mr. Trumans Bericht an den Senat zu helfen. Das Vorstehende nur zu Ihrer Information. Ansonsten sind einige seltsame Geschichten eingegangen, die unter Potsdamer Datum stehen.27MR-OUT 216.
Anmerkungen
- 1Liebovich, Louis William: Failed White House Press Relations in the Early Months of the Truman Administration. In: Presidential Studies Quarterly, Vol. 19, No. 3, I: The Congress, the Court, and the Presidency at 200 Years and II: Presidential Greatness: Considerations on the FDR and Truman Presidencies (SUMMER 1989), S. 583. ↩︎
- 2Ebenda, S. 584. ↩︎
- 3Vgl. ebenda. ↩︎
- 4Ebenda. ↩︎
- 5Ebenda, S. 584 f. ↩︎
- 6Time, 10.12. 1945. ↩︎
- 7Liebovich, Louis William, a.a.O., S. 585. ↩︎
- 8Ebenda, S. 585 f. ↩︎
- 9Ebenda. ↩︎
- 10Newq York Times v. 18.07.1945. ↩︎
- 11Ebenda. ↩︎
- 12Ebenda. ↩︎
- 13St. Paul Pioneer Press, Mittwoch, 18. Juli 1945 ↩︎
- 14New York Times v. 19.07.1945. ↩︎
- 15Ebenda. ↩︎
- 16Ebenda. ↩︎
- 17New York Times v. 20.07.1945. ↩︎
- 18Ebenda. ↩︎
- 19MR-IN 83. ↩︎
- 20Ebenda. ↩︎
- 21Liebovich, Louis William, a.a.O., S. 586. ↩︎
- 22MR-OUT 96 ↩︎
- 23MR-OUT 110 ↩︎
- 24MR-IN 83. ↩︎
- 25MR-IN 83. ↩︎
- 26MR-OUT 191. ↩︎
- 27MR-OUT 216. ↩︎
© GeschichtsManufaktur Potsdam, 24. September 2026