Die Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 wird immer wieder in Verbindung mit den anderen Treffen zwischen den Staatsoberhäuptern der Antihitlerkoalition genannt: Teheran und Yalta. Für die Vorgeschichte der Potsdamer Konferenz ist das richtig, aber nicht vollständig für die behandelten Inhalte. Hier ist es wichtig, den Bezug zu den Friedensverhandlungen in Versailles im Jahr 1919 nicht außer Acht zu lassen. Deren Entscheidungen waren mitverantwortlich für die Entwicklungen in Europa, die 1939 im Zweiten Weltkrieg kulminierten und solche beispiellosen Verbrechen hervorbrachten wie die massenhafte Vernichtung jüdischer Menschen im Holocaust und der slawischen Bevölkerung Europas. Beachtet werden sollte auch die Pariser Friedenskonferenz 1946/47.
Über die Frage, ob ein „harter“ oder ein „weicher Frieden mit Deutschland geschlossen werden sollte, war bei uns schon viel diskutiert worden. Allgemeine Übereinstimmung herrschte, daß das Kriegspotential dieser Nation gebrochen werden müsse, und in dieser Hinsicht wünschte man einen „harten Frieden“. Andererseits erinnerte man sich an die nach dem Ersten Weltkrieg eingetretene Situation, als Deutschland die ihm auferlegten Reparationen nur mit amerikanischer Finanzhilfe bezahlen konnte.
Deshalb bildeten die Reparationen einen der heikelsten sich in diesem Zusammenhang ergebenden Punkte. 1Truman, Harry S., Memoiren, Bd. I: Das Jahr der Entscheidungen, 1945, Stuttgart 1955, S. 291f.
Weicher Frieden für Auserwählte
Die faschistische Koalition, die von der Anti-Hitler-Koalition besiegt worden war, bestand aus Deutschland, Italien und Japan sowie den Satellitenstaaten Slowakei, Kroatien, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Finnland. Hinzu kamen Spanien und Vichy-Frankreich. Unterstützt worden war die von Deutschland angeführt Koalition auch durch Kollaborateure in den besetzten Ländern, die sich aktiv an der Verwirklichung der faschistischen Ziele beteiligten und auch vor Verbrechen nicht zurückschreckten. Österreich war als annektierter Teil Deutschlands im Krieg sowohl Opfer als auch Täter. Diese Doppelrolle traf in gewisser Hinsicht auch für die baltischen Länder, Estland, Lettland und Litauen, zu.
Bei ihrem Vormarsch hatten die Truppen der Roten Armee die Slowakei, Kroatien, Ungarn, Rumänien und Bulgarien erobert und sie dadurch dem Zugriff der USA und Großbritanniens entzogen. Das traf auch für Polen, die Tschechei und Albanien zu. In Jugoslawien war sie mit der Befreiungsbewegung verbündet.
Die Sowjetunion beabsichtigte, mit diesen Ländern einen Sicherheitskorridor um ihr Territorium zu bilden. Hinsichtlich der Verantwortung für die während des Krieges begangenen Verbrechen und verursachten Schäden, strebte die Sowjetunion die Entscheidungshoheit an. Weshalb sie auf der Potsdamer Konferenz alle dagegen gerichteten Ambitionen Großbritanniens und der USA abwehrte.
Einig war sie sich mit ihren Koalitionspartnern in der grundsätzlichen Behandlung Deutschlands. Unterschiedliche Auffassungen gab es zur Verantwortung und Behandlung Italiens und Spaniens. Mit Japan befand sich die Anti-Hitler-Koalition zur Zeit der Potsdamer Konferenz noch im Krieg. Nach dessen Niederlage bestimmten die USA weitgehend allein über dessen Schicksal.
Truman vor der Potsdamer Konferenz:
Eine meiner größten Sorgen war, daß wiederum ein Friedensvertrag mit unrealisierbaren Bestimmungen geschlossen werden könnte, der einem zweiten Hitler in den Sattel verhelfen würde.2Ebenda, S. 292.
Nach dem Ersten Weltkrieg musste Deutschland die Alleinschuld am Krieg übernehmen, blieb als Staat jedoch völkerrechtlich souverän. Zugleich bekam es derartig hohe Reparationsforderungen auferlegt, die dazu führten, dass Teile des Landes zum Zweck ihrer Begleichung zeitweilig besetzt (Ruhrgebiet) oder abgespaltet wurden (Saarland). Österreich-Ungarn und Russland wurden als Großmächte in Europa aus dem Spiel genommen. Ungarn wurde selbständig und suchte zur Verwirklichung seines Traums von einem Groß-Ungarn Anschluss an den Faschismus. Österreich fiel nach einer demokratischen Zwischenzeit an die Kräfte, die die Wiederherstellung der einstigen Größe der Monarchie im Bündnis mit Hitlers Deutschland anstrebten. In Russland setzten die Bolschewiki alles daran, das Territorium des einstigen Zarenreiches zu bewahren und wandelten es in eine „Union von Sowjetrepubliken“ um. Zum Ärger der USA, Frankreichs, Großbritannien und anderer, die auch das Zarenreich wie die k.u.k.-Monarchie hätten gern zerfallen gesehen. Italien, das auch zu den Verlierern des Krieges gehörte, schritt allen voran bei der Wiedererlangung historischer Größe und brachte mit Mussolini den Vorläufer Hitlers an die Macht.
Der Versailler Vertrag hatte Europa nicht befriedet, sondern das Chaos vergrößert. Polen konnte als eines der wenigen Länder mit der Bildung eines Nationalstaates aus den Vereinbarungen zu Kriegsende Nutzen ziehen. Aber Deutschland, die Sowjetunion und Österreich betrachteten es als einen Fremdkörper und als Dependance von Großbritannien und Frankreich an ihren Grenzen. Deshalb nutzten sie 1939 die Chance, es (wieder einmal) von der Landkarte zu löschen.
Am 20. Juli 1945 befasste sich die Potsdamer Konferenz in ihrer Sitzung mit den Staaten der faschistischen Koalition und dem Umgang mit ihnen. In erster Instanz ging es um Italien. Die USA wollten ihm eine besondere Behandlung angedeihen lassen, weil es „als erstes (Land) kapituliert habe und ihm härtere Waffenstillstandsbedingungen auferlegt worden seien als den übrigen Satelliten„. Großbritannien sprach sich zunächst dagegen aus, stimmte dann aber zu. Stalin vertrat die Position, dass dafür gesorgt werden müsse Italien und die einstigen Satellitenstaaten „von Deutschland zu lösen„.
Das könne auf zweierlei Art getan werden. Die eine sei die Anwendung von Gewalt, die aber seines Erachtens nicht genüge. Wenn wir uns auf die Gewalt beschränkten, würden wir eine Atmosphäre schaffen, die die Anlehnung dieser Länder an Deutschland begünstige. Es sei deshalb ratsam, die Gewalt mit einer Politik zur Entfremdung der Satellitenstaaten von Deutschland zu verbinden. Vor diesen Überlegungen der hohen Politik müßten alle Gefühle der Rache und alle Klagen über erlittene Leiden zurücktreten. … Italien sei ein großer Sünder gewesen. Es habe sich auch an den Russen vergangen. Italiener hätten in der Ukraine und am Don gekämpft; es wäre aber falsch, sich von dem Gefühl der Kränkung und Heimzahlung leiten zu lassen. In der Politik seien solche Gefühle schlechte Berater. Ausschlaggebend in der Politik seien einzig die Machtverhältnisse. Es gehe ganz einfach um die Frage, ob wir wünschten, Italien auf die Seite der Vereinten Nationen zu ziehen. Von der Beantwortung dieser Frage hänge seiner Meinung nach alles ab, und das gleiche Prinzip gelte auch für die übrigen Satelliten.3Ebenda, S. 360f.
In seinen weiteren Ausführungen ging der Führer der Sowjetunion auf die von den Satelliten der Sowjetunion zugefügten Schwierigkeiten und Wunden ein.
Rumänien habe zweiundzwanzig Divisionen ins Feld gestellt, Ungarn habe bei Kriegsende über sechsundzwanzig Divisionen verfügt, und noch größere Schäden hätte Rußland durch Finnland erlitten. Ohne Finnlands Hilfe hätte Deutschland die Belagerung Leningrads nicht aufrechterhalten können. Insgesamt seien vierundzwanzig finnische Divisionen gegen Rußland aufgeboten worden. Bulgarien müsse für die Schäden, die es Jugoslawien und Griechenland zugefügt habe, bestraft werden. Nach den Waffenstillstandsbedingungen ständen diesen beiden Ländern Reparationen zu, und wir sollten uns nicht sorgen, denn die Russen würden diese Zahlungen erzwingen.4Ebenda, S. 361.
Nach einer kontroversen und ergebnislosen Diskussion am 24. Juli 1945 wurde das Thema „Offizielle diplomatische Anerkennung Italiens und die Satellitenstaaten“ in der Sitzung vom 28. Juli noch einmal aufgegriffen. Aber wieder ohne Ergebnis. Statt dessen wandten sich die Staatschefs den Reparationen zu, die Italien auferlegt werden sollten. Truman dazu in seinen Memoiren:
Hierzu führte ich aus, daß sich die Regierungen der Vereinigten Staaten und Großbritanniens vor der Notwendigkeit sähen, für die Ernährung und Wiederaufrichtung Italiens fünfhundert Millionen Dollar zu opfern, was aber bei weitem nicht genüge, um die Italiener vor dem Hungertode zu retten. Die Vereinigten Staaten seien daher nicht in der Lage, auch noch Mittel für italienische Reparationsleistungen zur Verfügung zu stellen. Wir seien zwar prinzipiell einverstanden, die Russen ausgesprochene Rüstungsfabriken demontieren zu lassen; aber nur unter der Bedingung, daß die Rückerstattung der uns aus unserer Hilfe erwachsenden Auslagen die Priorität vor allen Reparationsleistungen und Demontagen habe. 5Ebenda, S. 403.
Stalin verzichtete auf Reparationsleistungen durch Österreich, aber hinsichtlich Italiens sei ihm das nicht möglich. Seine Argumentation ist gerade mit Blick auf die Rolle Österreichs im Zweiten Weltkrieg sehr interessant.
Österreich habe keine eigenen Streitkräfte besessen, aber Italien habe seine Armeen bis zur Wolga gesandt und russische Erde verwüstet.
Ich antwortete, ich sei durchaus bereit, Italien Reparationen aufzuerlegen, sofern solche erhältlich seien; nur könnten die Vereinigten Staaten kein Geld ausgeben, um Italien in die Lage zu versetzen, Reparationen an dritte Länder zu zahlen.6Ebenda.
Somit machte Truman klar, dass die Sowjetunion keine Reparationen von Italien erwarten dürften. Was Stalin bewog, dass auf die ehemaligen Satelliten in Bezug auf die USA und Großbritannien auszulegen.
Stalin antwortete, das verstehe er gut, doch müsse er auf das moralische Recht der Sowjetunion hinweisen, deren Gebiet dreieinhalb Jahre vom Feinde besetzt und verwüstet worden sei. In Rumänien, Ungarn und Finnland hätten die Russen für Reparationsleistungen geeignete Objekte im Werte von 300 Millionen Dollar vorgefunden.7Ebenda.
Nachdem der britische Außenminister Bevin und sein Premierminister Attlee sich Trumans Standpunkt zu eigen gemacht hatten, musste Stalin in Bezug auf Italien zurückstecken.
Stalin erklärte, er wünsche Angreifern keine Belohnung zu geben; sie müßten angehalten werden, wenigstens einen kleinen Teil des von ihnen angerichteten Schadens gutzumachen.8Ebenda, S. 405.
In der zwölften Sitzung der Konferenz, die am 1. August 1945 um 16 Uhr begann, wurde das strittige Thema der Reparationen von den ehemaligen Staaten der faschistischen Koalition erneut behandelt.
Stalin führte aus, er schlage eine Verständigung auf der Grundlage vor, daß die Russen auf das von den Westalliierten in Deutschland gefundene Gold verzichteten und hinsichtlich der deutschen Vermögenswerte im Ausland und der Aktienpakete eine Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und den westlichen Besatzungszonen gezogen werde: alles westlich dieser Linie gehöre den Westalliierten und alles östlich dieser Linie den Swjets.
Ich fragte, ob er darunter eine Linie von der Ostsee bis zur Adria verstehe. Stalin bejahte und nannte als Beispiel die deutschen Vermögenswerte in Rumänien und Ungarn, die an Rußland zu fallen hätten. … Schließlich einigten wir uns, die von der Sowjetdelegation vorgeschlagene Demarkationslinie zur Entnahme von Reparationen aus deutschen Vermögenswerten anzunehmen.9Ebenda, S. 415.
Italien war zunächst der Verpflichtung entkommen, für die auf dem Territorium der Sowjetunion durch seine Truppen angerichteten Verbrechen und Schäden an das Land Reparationen zahlen zu müssen. Auf der Pariser Friedenskonferenz 1946 verhandelten die Alliierten über die Friedensverträge mit den ehemaligen Verbündeten Deutschlands. Im finalen Friedensvertrag mit Italien vom Februar 1947 wurden dem Land Gesamtreparationen in Höhe von 360 Millionen US-Dollar auferlegt. Der Betrag wurde auf Basis des Dollar-Wertes von 1938 berechnet und wie folgt aufgeteilt:
Sowjetunion (UdSSR): 100 Millionen US-Dollar
Jugoslawien: 125 Millionen US-Dollar
Griechenland: 105 Millionen US-Dollar
Äthiopien: 25 Millionen US-Dollar
Albanien: 5 Millionen US-Dollar10Vgl. https://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Italien/fasch.html
Da Italien nach dem Krieg wirtschaftlich stark geschwächt war, wurde vereinbart, dass die Summe nicht komplett in Devisen, sondern über einen Zeitraum von sieben Jahren vorrangig durch Sachleistungen abgezahlt werden durfte. Dazu gehörten:
Die Demontage und Übergabe von Rüstungsfabriken und industriellen Anlagen.
Die Lieferung von italienischen Industrieerzeugnissen und Rohstoffen.
Die Übergabe von Teilen der italienischen Kriegs- und Handelsmarine (darunter das italienische Schlachtschiff Giulio Cesare, das an die UdSSR übergeben und in Noworossijsk umbenannt wurde.
Ein wesentlicher Teil der 100 Millionen Dollar sollte dadurch beglichen werden, dass die UdSSR das Eigentum an italienischen Vermögenswerten, Fabriken und Beteiligungen in Rumänien, Bulgarien und Ungarn übernahm. Da diese Länder nach dem Krieg ohnehin unter sowjetischer Kontrolle standen, zog Moskau diese Besitztümer ein.
Der Vertrag von Paris sah vor, dass Italien nach einer zweijährigen Schonfrist (ab 1949) auch Waren aus der laufenden Industrieproduktion an die UdSSR liefern musste. Mittlerweile hatte jedoch der Kalte Krieg begonnen. Italien trat der NATO bei und erhielt finanzielle Unterstützung durch den amerikanischen Marshallplan. Die USA sahen es ungern, dass von ihnen finanzierte italienische Fabriken Waren als Reparationen nach Moskau schickten. Die Sowjetunion warf Italien im Jahr 1950 in diplomatischen Noten offiziell vor, die Lieferungen bewusst zu sabotieren und zu verzögern. Italien konterte, dass die UdSSR den vereinbarten Rohstoffaustausch (Moskau sollte vereinbarungsgemäß Rohstoffe liefern, die Italien dann zu Industriegütern verarbeitet) nicht ordnungsgemäß einhielt.
1961 zahlte Deutschland 40 Millionen D-Mark an Italien. Aus deutscher Sicht waren damit alle Reparationsansprüche Italiens und individuellen Entschädigungen final abgegolten. Zwischen 2004 und 2008 ließen italienische Gerichte Individualklagen von NS-Opfern gegen Deutschland zu (z. B. Fall Luigi Ferrini) und verurteilten Deutschland zu Schadenersatz. Da Deutschland nicht zahlt, drohten italienische Behörden mit der Pfändung deutscher Immobilien in Italien. Deutschland klagt daraufhin 2021 gegen Italien vor dem Internationalen Gerichtshof IGH). Dieser gab Deutschland recht. 2014 erklärte das italienische Verfassungsgericht das IGH-Urteil für im Inland teilweise unanwendbar. Es argumentierte, dass Staatenimmunität bei schweren Kriegsverbrechen und Verletzungen der Menschenrechte nicht gelten darf. Die Individualklagen in Italien flammten wieder auf. 2022 reichte Deutschland erneut Klage beim IGH ein. Es folgte die Einigung über den italienischen Entschädigungsfonds.
Der Entschädigungsfonds für NS-Verbrechen gilt nach einer Entscheidung des italienischen Kassationsgerichts im April 2026 nur für Opfer auf italienischem Boden oder italienische Staatsbürger.
Ich mußte an unsere Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg denken. Damals suchte Präsident Wilson einen Weg zur Verhinderung neuer Kriege.11Truman, Harry S., Memoiren, Bd. I: Das Jahr der Entscheidungen, a.a.O., S. 311.
Die auf der Potsdamer Konferenz geführten Gespräche und getroffenen Vereinbarungen boten die Grundlage für eine Befriedung Europas. Die danach geschaffenen Bündnissysteme richteten sich einerseits gegen die Sowjetunion (NATO, EWG) und andererseits gegen die USA und ihre Hauptverbündeten in Europa – Großbritannien und Frankreich (Warschauer Vertrag). Deutschland war für alle Beteiligten für Jahrzehnte als Konkurrenz ausgeschaltet worden. Zur Vorbereitung und Durchführung eines neuen Krieges war es nicht mehr in der Lage.
Eine wesentlicher Fehler von Versailles war damit nicht mehr begangen worden.
In der Abschlusserklärung der Konferenz wurden Italien und die Satellitenstaaten unter „II. Die Einrichtung eines Rates der Außenminister“ aufgeführt.
3. (I.) Als eine vordringliche und wichtige Aufgabe des Rates wird ihm aufgetragen, Friedensverträge für Italien, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Finnland aufzusetzen, um sie den Vereinten Nationen vorzulegen und Vorschläge zur Regelung der ungelösten territorialen Fragen, die in Verbindung mit der Beendigung des Krieges in Europa entstehen, auszuarbeiten. Der Rat wird zur Vorbereitung einer friedlichen Regelung für Deutschland benutzt werden, damit das entsprechende Dokument durch die für diesen Zweck geeignete Regierung Deutschlands angenommen werden kann, nachdem eine solche Regierung gebildet sein wird.
(II) Zwecks Lösung jeder dieser Aufgaben wird der Rat aus Mitgliedern bestehen, welche diejenigen Regierungen vertreten, die die Bedingungen in der Kapitulation unterschrieben haben, diktiert an den Feindstaat, den die gegebene Aufgabe betrifft. Bei der Betrachtung der Fragen der Friedensregelung mit Italien wird Frankreich als Unterschriftsleistende der Kapitulationsbedingungen Italiens betrachtet werden. Andere Mitglieder werden zur Teilnahme am Rat eingeladen werden, wenn Fragen erörtert werden, die sie direkt betreffen.
Spanien erhält Sonderbehandlung
Bei der Aufstellung der Tagesordnung für die Potsdamer Konferenz forderte Stalin in der ersten Sitzung am 17. Juli 1945 die Aufnahme eines Tagesordnungspunkts „das Regime Francos in Spanien„. Churchill wehrte sich zunächst dagegen, stimmte aber einer Aufnahme des Punktes zu. Zur Begründung seines Antrags hatte Stalin erklärt,
daß das heutige Regime in Spanien nicht im Landes selbst entstanden, sondern dem spanischen Volk von Deutschland und Italien aufgezwungen worden sei. Es bilde eine Gefahr für die Vereinten Nationen; und er glaube, daß wir gut daran täten, Voraussetzungen zu schaffen, die das spanische Volk in die Lage versetzen würden, eine ihm genehme Regierung zu bestellen.12Truman, Harry S., Memoiren, Bd. I: Das Jahr der Entscheidungen, a.a.O., S. 340.
Am 19. Juli 1945 wurde das Thema dann in der Beratung der Staatsoberhäupter aufgerufen. Den Anfang machte der britische Premierminister.
Churchill erklärte, seine Regierung lehne General Franco und sein Regime schärfstens ab. … Dieser habe ihm, Churchill, brieflich vorgeschlagen, die Staaten des Westens gemeinsam mit Spanien gegen das „furchtbare Rußland“ zusammenzuschließen. Er habe Franco mit Genehmigung des britischen Kabinetts eine frostige Antwort zugehen lassen und deren Text Molotow zur Kenntnis gebracht. …
Churchill fuhr fort, der russische Vorschlag, insbesondere aber der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Franco-Spanien, berge Schwierigkeiten in sich. Er lehne die Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes ab, das den Alliierten nichts zuleide getan habe; auch halte er es für einen gefährlichen Präzedenzfall, diplomatische Beziehungen wegen des innenpolitischen Kurses einer Regierung abzubrechen. Er wolle alles vermeiden, was den Ausbruch eines neuen Bürgerkrieges in Spanien begünstigen könnte.13Ebenda, S. 353.
Truman pflichtete ihm bei, wodurch sich Stalin zu einer scharfen Erwiderung veranlasst sah.
Stalin erwiderte, es sei das keine innere Angelegenheit Spaniens, denn Hitler und Mussolini hätten ihm das Franco-Regime aufgezwungen. Er bezweifle nicht, daß seine Kollegen keine Sympathie für Franco empfinden; auch schlage er nicht die Erneuerung des Bürgerkriegs in Spanien vor. Falls der Abbruch der diplomatischen Beziehungen ein zu schwerwiegender Schritt sei, gebe es vielleicht geschmeidigere Mittel, dem spanischen Volk zur Kenntnis zu bringen, daß wir mit ihm und nicht mit Franco sympathisieren. Er nehme ohne weiteres an, daß die Großen Drei berechtigt seien, solche Dinge unter sich auszuhandeln; im übrigen dürfe diese Pestbeule in Europa nicht übersehen werden. Falls wir schwiegen, könnte es dahin ausgelegt werden, daß wir Franco sanktionierten.14Ebenda, S. 354.
Churchill zeigte in seiner Entgegnung auf Stalin einige Gründe für die Haltung Großbritanniens auf, als er sich erneut gegen den Abbruch der diplomatischen Beziehungen aussprach.
Er wies auf den regen Warenaustausch zwischen Großbritannien und Spanien hin, und falls er nicht die Gewißheit habe, daß der Abbruch der diplomatischen Beziehungen den gewünschten Erfolg zeitige, wolle er den traditionellen Handel mit Spanien nicht unterbrechen. Marschall Stalins Empfindungen verstehe er durchaus, habe doch Franco die Frechheit gehabt, die spanische Blaue Division nach Rußland zu schicken. Dadurch befinde sich Rußland Franco gegenüber in einer anderen Lage als die übrigen Alliierten. Doch habe sich dieser zu einer Zeit, als ein spanisches Eingreifen katastrophal gewesen wäre, jeder Aktion gegen England enthalten. Als die Alliierten in Nordafrika landeten, hätte eine Beschießung der alliierten Flotte in der Straße von Gibraltar großen Schaden angerichtet. Natürlich wäre Spanien trotzdem verloren gewesen, wenn es sich zu einem solchen Vorgehen entschlossen hätte.15Ebenda.
Stalin schlug vor, die Außenminister mit der Suche nach einer Antwort gegenüber Spanien zu beauftragen, was Truman befürwortete. Churchill jedoch ablehnte. Aus dem Grund wollte man das Thema in einer späteren Sitzung erneut besprechen. Wozu es aber nicht kam.
In der Debatte über Spanien hatte Stalin Großbritannien, und die USA kalt erwischt, die einerseits die Verhältnisse in den unter sowjetischer Besatzung befindlichen Ländern Osteuropas kritisierten, andererseits aber einem offen faschistischen Staat, wie Franco-Spanien, nicht zu nahe treten wollten oder die Weiterexistenz faschistischer Kräfte übersahen, wie in Italien. In der Sitzung der Konferenz am 24. Juli 1945 sagte er dies sehr deutlich.
Stalin verlangte die Anerkennung der Marionettenregierungen, die die Russen in den von ihnen überrannten Ländern eingesetzt hatten. Zur Begründung seines Standpunkts führte er aus, es werde zwischen Italien und den übrigen Satelliten in seltsamer Weise unterschieden, als seien Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Finnland mit einer Art Aussatz behaftet. Eine solche Unterscheidung laufe auf eine gefährliche Diskriminierung der Sowjetunion hinaus. Sei denn die italienische Regierung demokratischer als die Regierungen der anderen Länder? Noch seien keine demokratischen Wahlen in Italien abgehalten worden, und es gebe kein Parlament, dem die Regierung verantwortlich sei. 16Ebenda, S. 385 f.
In der Abschlusserklärung der Konferenz wurde Spanien mit keinem Wort erwähnt. Zu keinem Zeitpunkt leistete das Land Reparationszahlungen an die Sowjetunion. Obwohl Franco eine Freiwilligen-Division (Blaue Division/División Azul) an die Ostfront schickte, um an der Seite der deutschen Wehrmacht gegen die Rote Armee zu kämpfen, blieb Spanien offiziell „nichtkriegführend“. Es gab nach dem Krieg keinen Friedensvertrag und keine rechtliche Grundlage, die Spanien zur Zahlung von Reparationen an die Sowjetunion verpflichtete. Deutschland zahlte (und zahlt teils bis heute) demgegenüber Renten an verletzte spanische Ostfront-Freiwillige, während Spanien im Gegenzug Pensionen für die Witwen der deutschen Legion Condor übernahm, die Franco im Bürgerkrieg unterstützt hatte.
Angehörige der Blauen Division begingen während ihres Einsatzes an der Ostfront Kriegsverbrechen. Das schwerwiegendste Verbrechen, an dem die Blaue Division aktiv mitwirkte, war die Leningrader Blockade. Die spanischen Truppen hielten Abschnitte der Front, mit der die Stadt hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt wurde. Damit war sie mitverantwortlich für den Tod von über einer Million Zivilisten. Auch wenn die Spanier von Teilen der Bevölkerung oft als nahbarer und weniger rassistisch indoktriniert als die deutschen Truppen wahrgenommen wurden, kam es systematisch zu Übergriffen. Um im harten russischen Winter zu überleben, requirierten spanische Soldaten rücksichtslos Lebensmittel, Kleidung und Brennmaterial von der hungernden Bevölkerung. Es sind zahlreiche Fälle von sexueller Gewalt, Vergewaltigungen und vereinzelten willkürlichen Tötungen von Zivilisten dokumentiert. Die Division operierte im Rahmen der deutschen Heeresgruppe Nord und war somit in die rücksichtslose Partisanenbekämpfung eingebunden. Dabei kam es zur Zerstörung von Dörfern und der völkerrechtswidrigen Exekution von Gefangenen oder Verdächtigen.