Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Potsdamer Konferenz und Trumans Residenz in Neubabelsberg einerseits und der Entscheidung des US-Präsidenten Harry S. Truman zum Abwurf der Atombombe? Sämtliche Fakten sprechen für eine positive Antwort auf die Frage. Wobei die Vorbereitungen für den Abwurf bereits einige Zeit vor dem Aufenthalt Trumans in Neubabelsberg begannen.
Die Kommunikation zwischen den Lagenzentren der US-Regierung in Washington (Map Room) und dem zeitweiligen Lagezentrum der US-Delegation zur Potsdamer Konferenz (Advanced Map Room) widerspiegelt diesen Prozess nicht. Es ist daher davon auszugehen, dass die betreffenden Dokumente aus Gründen der Geheimhaltung nicht per Funk gesendet, sondern durch Spezialkuriere transportiert wurden.
Funksprüche bzw. Fernschreiben zum Thema „Manhattan-Projekt“ oder Atombombe lassen sich erst ab dem 3. August (MR-IN-196) bzw. ab dem 6. August 1945 belegen (MR-OUT-334, MR-OUT-335 und MR-OUT-342 v. 6. August 1945; MR-OUT-347 v. 7. August 1947)
Der Weg zur Entscheidung
Am Vormittag des 16. Juli, also am Tag nach meiner Ankunft in Potsdam, übermittelte mir Kriegsminister Stimson die weltgeschichtliche Nachricht, dass die erste Atombombenexplosion stattgefunden habe. …
Als ich nach Europa aufbrach, waren die letzten eiligen Vorbereitungen für die erste Probeexplosion in Alamogordo, Neu Mexiko, im Gang, und während der ganzen Überfahrt hatte ich mit Spannung auf das Resultat gewartet. 1Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 421.
Am 17. Juli 1945 flog Stimson nach Potsdam und berichtete dem Präsidenten in Anwesenheit von Außenminister Byrnes und den Admiralen Leahy und King sowie der Generale Marshall und Arnold persönlich über die Einzelheiten des Experiments.
Am 24. Juli sagte ich ganz beiläufig zu Stalin, daß wir jetzt über ein neues Kampfmittel von außergewöhnlicher Zerstörungskraft verfügten. Er zeigte kein besonderes Interesse, sonden bemerkte lediglich, er hoffe, wir würden es mit gutem Nutzen gegen Japan einsetzen. …
Etwa einen Monat vor diesem ersten Atombombenexperiment hatten mir die Wehrminister und die Vereinigten Stanschefs die ausgearbeiteten Pläne zur Niederringung Japans zur Genehmigung vorgelegt. … Danach war eine Invasion Japans in zwei Phasen vorgesehen. … Das Ende des japanischen Widerstandes glaubte man auf den Spätherbst 1946 ansetzen zu müssen. 2Ebenda, S. 426.
Vorausgehen sollte die Veröffentlichung einer Proklamation, in der Japan aufgefordert wurde, sich zu ergeben. Die Arbeiten daran hatten im Mai 1945 begonnen. Am 28. Juni lag ein von den Vereinigten Stabschefs gebilligter Entwurf vor.
Daraufhin beschloß ich, die Proklamation während der Potsdamer Konferenz zu erlassen, um den Japanern und der ganzen Welt zu demonstrieren, daß die Alliierten in ihrer Zielsetzung einig seien. Auch hoffte ich, bis dahin zwei für die künftige Kriegführung wichtige Punkte geklärt zu haben: die Teilnahme der Sowjetunion und die Atombombe. 3Ebenda, S. 427.
Ein von Truman eingesetzter Sonderausschuss führender Politiker der USA und Wissenschaftler hatte Schlussfolgerungen für den Umgang mit der Bombe ausgearbeitet, die Kriegsminister Stimson dem Präsidenten am 1. Juni 1945 vorgelegt hatte.
Sie empfahlen, die Bombe so bald als technisch möglich gegen den Feind einzusetzen. Weiter empfahlen sie, keine Sonderwarnung vorhergehen zu lassen und ein Abwurfsziel zu wählen, an dem die vernichtende Kraft eindeutig demonstriert werden könne. Mir war natürlich klar, daß eine Atombombenexplosion eine jede Vorstellung übertreffende Zerstörung und gewaltige Verluste an Menschenleben zur Folge haben mußte. Andererseits führten die wissenschaftlichen Berater des Ausschusses aus: „Wir sind nicht in der Lage, eine Demonstration vorzuschlagen, die den Krieg beenden würde, und sehen daher keine andere Möglichkeit als den direkten militärischen Einsatz.“
Die letzte Entscheidung, wo und wann die Atombombe einzusetzen war, lag bei mir, und ich möchte jedem Irrtum über diesen Punkt vorbeugen. Ich hielt die Atombombe für ein Kampfmittel und zweifelte nie daran, daß es eingesetzt werden müsse. 4Ebenda, S. 429 f.
Der Einsatz der Bombe sollte unter Beachtung der Landkriegsordnung erfolgen, weshalb Truman Kriegsminister Stimson beauftragte, „sie mit größtmöglicher Präzision auf ein Rüstungszentrum von besonderer Wichtigkeit abzuwerfen“. Hiroshima, Kokura, Nagasaki und Niigara wurden als Abwurfsziel ausgesucht.
Ich ging vor der endgültigen Beschlussfassung die Liste mit Stimson, Marshall und Arnold persönlich durch und besprach mit ihnen die Zeit und den Ort des ersten Abwurfs.5Ebenda, S. 431.
Dies geschah in Trumans zeitweiliger Residenz in Neubabelsberg. Am 24. Juli 1945 erhielt General Carl Spaatz, Oberkommandierender der amrikanischen stratgischen Luftwaffe, vom Kriegsministerium den Abwurfbefehl. Unterschrieben wurde er von General Thomas Troy Handy, amtierender Generalstabschef der US Army.
- Die Sondergruppe 509 der 20. Luftflotte wird ihre erste Spezialbombe, sowie das Wetter nach dem 3. August 1945 Bombardierung bei guter Sicht gestattet, auf eines der nachstehenden Ziele abwerfen: Hiroshima, Kokura, Nagasaki oder Niigata. Zusätzliche Maschinen zur Begleitung des Bombenflugzeugs sind zu stellen, um Offizieren und Wissenschaftlern des Kriegsministerums die Beobachtung der Bombenexplosion und ihrer Wirkung zu ermöglichen. Die Beobachtermaschinen werden sich einige Meilen vom Explosionsherd entfernt halten.
- Sowie weitere Bomben zur Verfügung stehen, sind sie auf die obengenannten Ziele abzuwerfen. Für weitere Bombardierungen sind Instruktionen abzuwarten.
- Alle Verlautbarungen über den Einsatz dieses Kampfmittels in Japan sind dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Kriegsministerium vorbehalten. Ohne vorherige Genehmigung dürfen die Frontbefehlshaber kein Kommunique herausgeben. Alle Presseberichte sind dem Kriegsministerium zur Vorzensur einzureichen.
- Der obige Befehl ergeht an Sie auf Anweisung und mit Zustimmung des Kriegsministers und des Generalstabschefs der amerikanischen Streitkräfte. Sie werden ersucht, ein Exemplar dieses Befehls persönlich MacArthur und Admiral Nimitz zur Kennisnahme auszuhändigen.6Ebenda, S. 431 f.
Dieser Befehl setzte die Räder zum Abwurf des ersten Atomkampfmittels in Bewegung. Mein Entscheid war gefallen. Ich erklärte Stimson, er sei unumstößlich; es sei denn, die Japaner beantworteten unser Ultimatum in zufriedenstellender Weise.
Am 28. Juli 1945 verkündete der Sender NHK (Nippon Hōsō Kyōkai) die Ablehnung des Ultimatums und die Fortsetzung des Kampfes.
Eine offizielle Antwort auf das gemeinsame Ultimatum der Vereinigten Staates, des Vereinigten Königreichs und Chinas wurde nicht erteilt. So gab es kein Zurück mehr. Da keine Aussicht bestand, daß Japan vor dem 3. August die Waffen streckte, mußte der Abwurf erfolgen.
Am vierten Tag meiner Heimreise, am 6. August, traf die Nachricht ein, die die Welt erschütterte. 7Ebenda, S. 432.
Albert Meeriman Smith, offizieller Berichterstatter aus dem Weißen Haus für United Press, war mit den zur engen Delegation des US-Präsidenten zur Potsdamer Konferenz gehörenden Vertretern der Medien bei der Rückfahrt von Plymouth nach Newport News in den USA auf dem Kreuzer USS „Augusta“. Den 2. August 1945 beschreibt er wie folgt:
Wir sahen den Präsidenten erst wieder an Bord der „Augusta“ am 2. August in Plymouth in England. Die Konferenz der Großen Drei war um Mitternacht beendet worden. Wir hatten Berlin in solcher Eile verlassen müssen, daß die Journalisten im Gefolge des Präsidenten nicht einmal das Abschlußkommuniqué abwarten konnten, das erste einige Stunden nach unserem Abflug herausgegeben wurde.
Mr. Truman hatte eben seine Zusammenkunft mit König George IV. von England beendet. Majestät fuhr in der königlichen Barkasse davon und wir traten die Heimfahrt an. Der Präsident empfing uns in der Kommandokabine. Er war gut gelaunt, sah aber recht müde aus. Er war glücklich, daß es nach Hause ging. Er hatte das Bewußtsein, ziemliche Erfolge erzielt zu haben. Als wir fragten, wann Rußland in den Krieg eintreten werde, zwinkerte er mit den Augen. Das war ein gutes Zeichen.
Als wir seine Kabine verließen, machte der Präsident ganz beiläufig die Bemerkung, wir sollten am nächsten Morgen zeitig zu ihm kommen. Wir würden zwar keinen Stoff für eine Meldung erhalten, aber etwas erfahren, das an und für sich interessant wäre. 8Meeriman, Smith, Danke sehr, Herr Präsident! Notizbuch aus dem Weißen Haus, Wien 1948, S. 215.
Das Hintergrundgespräch, zu dem Truman die Journalisten eingeladen hatte, betraf die Atombombe.
Am 3. August um halb neun Uhr früh lud uns der Präsident ein, an dem grünen filzbedeckten Tisch der Kabine Platz zu nehmen. Er blätterte ein Notizbuch auf und begann uns die erregende Geschichte der Atombombe zu erzählen.
Die letzten Versuche in Neu-Mexiko waren beendet und Kriegsminister Henry L. Stimson war selbst im Flugzeug nach Potsdam gekommen und hatte über die Ergebnisse berichtet. Und im Laufe der nächsten vierundzwanzig oder achtundvierzig Stunden sollte über Hiroshima die Bombe zum erstenmal abgeworfen werden.
Der Präsident teilte uns mit, daß er am nächsten Morgen die Meldung über den Abwurf der Bombe erhalten solle. Als wir ihn aber am nächsten Tag fragten, zuckte er mit den Achseln. Bis jetzt sei noch nichts eingelangt.9Ebenda, S. 215 f.
Meeriman Smith und seine Kollegen waren somit die ersten Journalisten, die Kenntnis von dem Einsatz der Atombombe erhielten. Sie konnten das Wissen aber nicht nutzen. Eine Kontaktaufnahme mit ihren Redaktionen war nur mittels der Funkverbindung zwischen dem Map Room der „Augusta“ und dem Map Room im Weißen Haus in Washington möglich. Und dies wurde ihnen verwehrt.
Der 5. August war für uns ein Tag voller Spannung. Der Präsident war beunruhigt, weil noch immer kein Bericht über den Abwurf der ersten Atombombe eingelangt war. Das Geheimnis war so groß und schrecklich, daß wir darüber nicht einmal miteinander reden wollten. Ich versperrte mein Notizbuch mit den ersten Aufzeichnungen über die Atombombe in einem Safe.10Ebenda, S. 216.
Als Truman am 6. August 1945 schließlich die lang erwartete Nachricht vom Kriegsminister erhielt und kurz darauf eine zweite, saß er mit einigen Schiffsoffizieren des schweren Kreuzers USS „Augusta“ beim Lunch. Captain Graham überbrachte die Nachricht aus dem Funkraum der „Augusta“.
An den Präsidenten vom Kriegsminister
5. August 1945
Um 19.15 Uhr Washingtoner Zeit schwere Bombe auf Hiroshima abgeworfen. Erste Meldungen sprechen von einem vollständigen Erfolg, der den des Experiments übertroffen hat.
Die zweite Mitteilung lautete:
Soeben ist nachstehende Meldung betreffs Manhattan eingegangen:
„Hiroshima wurde bei guter Sicht bombardiert mit nur schwacher Bewölkung. Weder Jägerabwehr noch Flak traten in Aktion. Fünfzehn Minuten nach dem Abwurf meldet Parsons wie folgt:Érgebnis in jeder Hinsicht ausgesprochen gut. Sichtbare Wirkung größer als bei allen Experimenten. Im Flugzeug nach dem Abwurf normale Verhältnisse.`“11Ebenda, S. 433. Die Übersetzung des Fernschreibens in Trumans Memoiren weicht etwas vom Original ab (siehe Beitragsbild).
Konteradmiral William Sterling Parsons hatte die Bombe erst während des Fluges nach Hiroshima scharfgemacht, um eine vorzeitige und unbeabsichtige Auslösung derselben zu verhindern.
Meeriman Smith erlebte diesen Tag als Beobachter in der Nähe des Präsidenten.
Der Präsident nahm die Nachricht mit freudiger Erregung auf. Er schüttelte Captain Graham die Hand und rief: „Das ist das größte Ereignis der Weltgeschichte.“
Zehn Minuten später traf aus dem Kriegsministerium ein noch günstigerer Bericht ein. Als der Präsident dieses Telegramm erhielt, sprang er auf, ließ den Außenminister holen und las ihm den Inhalt vor.
Er sagte dem Außenminister: ´Wir kommen gerade im richtigen Moment nach Hause.` Dann ging der Präsident in den Mannschaftsspeisesaal und rief der Besatzung zu, sie sollten einen Moment mruhig sein. Als sich der Lärm gelegt hatte und die Matrosen erwartungsvoll lauschten, teilte ihnen der Präsident mit, daß er eben in zwei Meldungen von dem großen Erfolg des ersten Angriffs auf Japan mit einer schrecklichen neuen Waffe informiert worden sei, deren Wirkung zwanzigtausendmal so stark wie die einer Tonne höchstexplosiven Sprengstoffs sei.
Als der Präsident die beiden Telegramme in der Hand schwenkend, den Speisesaal verließ, jubelte ihm die Mannschaft zu. Er begab sich in die Offiziersmesse und teilte auch dort seine Neuigkeit mit, die hier ebenfalls mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Allgemein war die Hoffnung stark gestiegen, daß der Krieg im Pazifik nun bald zu Ende sein werde.
Geradezu im Laufschritt eilte Mr. Truman durch das Schiff, um überall die Nachricht bekanntzugeben. Ein breites, stolzes Lächeln lag um seinen Mund. In der kurzen Ansprache, die er an die Matrosen gehalten hatte, ließ er das bevorstehende Kriegsende ahnen. Für ihn ergab sich aus der Nachricht mehr als nur Hoffnung. …
Als der Präsident in den Speiseraum zurückkam und uns guten Appetit wünschte, fiel uns ein Stein vom Herzen. Drei Tage lang waren wir in eines der größten Geheimnisse der Welt eingeweiht gewesen. Es war herrlich, jetzt darüber reden zu dürfen.12Meeriman, Smith, a.a.O., S. 217 f.
Der stellvertretende Pressesprecher der US-Regierung, Eben A. Ayers beschreibt in seinem Tagebuch, was in Washington am gleichen Tag geschah.
6. August, Montag
Dies war ein historischer Tag, vielleicht einer der historischsten und bedeutendsten der Neuzeit; meiner Meinung nach sicherlich der wichtigste des Krieges, was seinen Einfluss auf den Kriegsausgang und die Zukunft der Welt betrifft. Er wurde historisch durch eine Ankündigung, die ich mit Ehre verkünden durfte – die Ankündigung durch eine Erklärung des Präsidenten über die Entwicklung und den ersten Einsatz einer Atombombe, den ersten erfolgreichen Versuch, Atomenergie zu nutzen. Vor einigen Tagen wurde ich in Bill Hassetts Büro gerufen, wo ich General Surles, den Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Kriegsministeriums, antraf. Er erzählte uns von einer wichtigen, einer gewaltigen Geschichte, die er, wie er sagte, innerhalb weniger Tage veröffentlichen würde. Er sagte, unsere Aufgabe sei es, eine Erklärung des Präsidenten zu veröffentlichen, die vom Kriegsministerium vorbereitet worden war und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ins Weiße Haus gebracht werden sollte. Er sagte uns nichts Genaueres, und wir stellten nur wenige Fragen, aber es war klar, dass es sich um eine großartige neue Bombe oder Waffe handelte. Er sagte, er würde mich anrufen, wenn es soweit sei, konnte aber weder den Tag noch die Stunde vorhersagen.Heute Morgen, kurz nach meiner Ankunft im Büro, erhielt ich einen Anruf des Generals. Er sagte, er würde in Kürze mit der Geschichte vorbeikommen, von der er letzte Woche gesprochen hatte; er müsse nur noch auf eine Nachricht warten. Wenig später rief er erneut an und sagte, es würde noch einen Moment dauern. Es war kurz vor elf Uhr, als er eintraf, begleitet von einem jüngeren Offizier. …
Dann, gegen 11 Uhr, ließ ich die Reporter zu mir kommen. Keiner von ihnen ahnte auch nur im Geringsten, was auf sie zukam.
Ich habe eine – wie ich finde – verdammt gute Geschichte , sagte ich ihnen.
Es ist eine Erklärung des Präsidenten, die folgendermaßen beginnt:
„Vor sechzehn Stunden warf ein amerikanisches Flugzeug eine einzelne Bombe auf Hiroshima ab, einen wichtigen japanischen Militärstützpunkt. Diese Bombe besaß eine Sprengkraft von mehr als 20.000 Tonnen TNT. Sie hatte mehr als die zweitausendfache Sprengkraft der britischen ‚Grand Slam‘, der bis dahin größten in der Geschichte der Kriegsführung eingesetzten Bombe.“
Die Erklärung erklärt alles. Es ist eine Atombombe, die Atomenergie freisetzt. Das ist das erste Mal überhaupt. Diese Erklärung ist etwas über drei Seiten lang, die erste Seite ist lose. Ich werde sie Ihnen hier zukommen lassen. Warten Sie, bis Sie sie haben, bevor Sie losgehen, damit Sie sie nicht zerknüllen. Ich werde Ihnen nichts darüber erzählen, weil ich sie selbst noch nicht ganz gelesen habe; sie erzählt die ganze Geschichte besser, als ich es könnte. Es ist eine große Geschichte. Gut, Sie können sie sich ansehen.Als ich fertig war, sagte ein Reporter [Joe Fox, Washington Star]: „Das ist eine verdammt große Sache.“ Meine Ankündigung war eine grobe Untertreibung, und später fragte ich mich, ob ich zu sachlich gewesen war. Aber ein guter Reporter muss nicht nüchtern sein, wenn er eine gute Geschichte hat, und ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als wolle ich eine Geschichte verkaufen.13Truman in the White House. The diary of Eben A. Ayers. Edited with commentary by Robert H. Ferrell, Columbia and London 1991, S. 57 f.
Als die Notizen von Albert Meeriman Smith 1948 veröffentlicht wurden, hatten sowohl die Amerikaner als auch die Menschen in der ganzen Welt erfahren, welche verheerende Auswirkungen der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und wenige Tage später auf Nagasaki hatte. Es ist davon auszugehen, dass die nachfolgenden Bemerkungen unter dem Eindruck und mit der Kenntnis dieser Informationen niedergeschrieben wurden und nicht schon 1945.
Mr. Truman befaßte sich eingehend mit der ungeheuren Vielfalt der brennenden internationalen Probleme, die in der Konferenz behandelt wurden, und gab sich alle Mühe, ihnen gewachsen zu sein. Die rein militärischen Fragen, die den Krieg betrafen, erschienen ihm am einfachsten. Gegen Ende der Konferenz wußte er, daß er einen gefährlichen, aber unwiderstehlichen Trumpf in der Hand hatte. Er erwähnte Stalin oder Attlee gegenüber nichts davon, aber in einer sorgfältig behüteten Dokumentenmappe hatte er die eben eingelangten Berichte über die Atombombe verschlossen.14Meeriman Smith, a.a.O., S. 214.
An diesem Text bestätigen sich die vorstehenden Bemerkungen. So hatte Truman sowohl Churchill als auch Stalin von dem ersten erfolgreichen Atombombentest erzählt. Und das nicht erst kurz vor dem Ende der Potsdamer Konferenz.
Anscheinend stand Mr. Truman der Atombombe mit gemischten Gefühlen gegenüber. Er war glücklich und dankbar, daß wir eine Waffe in der Hand hatten, die den Krieg rasch zum Ende führen würde. Aber die Entdeckung einer Waffe mit einer solchen vernichtenden Wirkung erschreckte ihn auch. Er war überzeugt, daß ihre verderbliche Kraft dem Frieden und dem Forschritt der Menschheit dienstbar gemacht werden könne, und daß dies auch der Fall wäre, wenn über das Schicksal der Bombe das amerikanische Volk zu entscheiden hätte.
Die wesentliche Frage, die dem Präsidenten Sorge bereitete, lautete, was andere Staaten mit einer solchen Bombe tun würden, falls sie hinter das Geheimnis ihrer Herstellung kämen. Er wußte, daß gegenwärtig nur die Vereinigten Staaten in der Lage waren, eine Atombombe herzustellen, aber er wußte nicht, wie lange das so bleiben würde.15Ebenda, S. 215 f.
Obwohl Stalin ein Jahr später, im Herbst 1946, einräumte, dass die Sowjetunion noch immer nicht über das „Geheimnis“ der Atombombe verfügte, verliefen die sowjetischen Fortschritte in der Kernforschung bemerkenswert. Am 6. November 1947 erklärte Molotow, die UdSSR kenne das Geheimnis der Atombombe. Am 29. August 1949 zündete die Sowjetunion auf dem Testgelände Semipalatinsk in Kasachstan ihre erste Atombombe mit der Bezeichnung „RDS-1„. Das Monopol der USA auf den Besitz der Atombombe war gebrochen.
Meeriman Smith hätte unter diesem Eindruck seine Erinnerungen überarbeiten müssen. Aber so ist der vorstehende Text ein einmaliges Beispiel für das damalige Denken führender US-amerikanischer Journalisten. Als Smith sein Buch schrieb, war Harry S. Truman Präsident der USA. Im November 1948 begann seine zweite Amtszeit, die 1953 endete. Das musste der Verfasser beachten, wollte er keinen öffentlichen Konflikt provozieren. Der Text zeugt zugleich von einer gewissen Naivität, was die Bewertung eines Politikers, wie Truman, betrifft und der Wertvorstellungen des „amerikanischen Volks“.
Heute wissen wir: Truman war ein Machtpolitiker. Wie die Präsidenten vor ihm und die nach ihm. Und als solcher gedachte er die Atombombe zu nutzen, zunächst gegen Japan. Aber auch, falls erforderlich, gegen die Sowjetunion. Bereits auf der Potsdamer Konferenz gab es erste Anzeichen dafür, wie der US-Präsident die USA in eine Machtposition gegenüber der Sowjetunion brachte. Als sie noch für den Krieg gegen Japan gebraucht wurde, hielt man sich politisch und militärisch zurück.
Mit der Einstellung der Lieferung von Hilfsgütern im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes (Lend-Lease-Programm) unternahm Truman den ersten Schritt, das Verhältnis zu ändern. Bereits beladene Schiffe wurden wieder entladen und Frachter, die sich auf dem Weg in die Sowjetunion schon auf hoher See befanden, zurückbeordert. Das betraf alle Alliierten und führte zu einer großen Verstimmung und in der Sowjetunion zu der Ansicht, dass die Vereinigten Staaten die Zusammenarbeit einstellen wollten. Mit der Offerte, die Sowjetunion in das Wiederaufbauprogramm der USA für Europa berücksichtigen zu wollen, wurde der Konflikt zunächst zurückgestellt. Bis er am 2. Juli m1946 offen ausbrach. Da brauchten die USA und Großbritannien die militärische Hilfe der Sowjetunion nicht mehr. Und bereiteten sich im Bündnis mit Frankreich, unter dem scheinbaren Schutzschirm des Besitzes der Atombombe auf die kommenden Machtproben in Deutschland vor.
Die Sowjetunion und aktuell Rußland werden als das Land bezeichnet, das die militärische Aufrüstung in der Welt forciert. Das ist eine Umkehrung der historischen Tatsachen. Damals wie heute waren es die Vereinigten Staaten von Amerika, die die Rüstungsspirale in Gang setzten und sie bis heute immer wieder vorantreiben. Die Sowjetunion und Rußland zogen stets nur nach, sehr oft gezwungenermaßen. Die technologische und militärische Übermacht der USA konnten (bzw. mußten) sie immer wieder kompensieren.
Charles E. Bohlen, Rußland-Spezialist und Außenpolitischer Berater sowie Dolmetscher der US-Delegation in Moskau, beschreibt in seinen Erinnerungen ein Gespräch, das er Anfang August 1945 zu den künftigen Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion führte.
Auf dem Rückflug von Potsdam führte ich ein langes Gespräch mit Llewellyn E. Thompson, einem engen persönlichen Freund, der damals an der amerikanischen Botschaft in London tätig war und später Botschafter in Moskau sowie einer unserer herausragendsten Diplomaten wurde. Wir erörterten das Thema der Atombombe und überlegten, wie wir die Sicherheit und Macht, die sie uns verlieh, nutzen könnten, um ein solides Verhältnis zur Sowjetunion aufzubauen. Wir waren uns der möglichen Konflikte zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion bewusst und blickten mit großer Sorge darauf. Für uns lag auf der Hand, dass überall dort, wo sowjetische Armeen standen, auch das Sowjetsystem mit seiner streng strukturierten, autoritären Kontrolle eingeführt werden würde. Wir erkannten, dass die Sowjetunion auf nichts anderes reagieren würde als auf Maßnahmen, die das Land und das Sowjetsystem selbst gefährdeten. Wir spielten verschiedene Vorgehensweisen durch – von einem schlichten Ultimatum an die Sowjets, sich auf ihre eigenen Grenzen zurückzuziehen, bis hin zu unterschiedlich starkem Druck. Jede Idee stieß auf unüberwindliche Hindernisse, etwa die öffentliche Meinung in Amerika oder die Frage, wie wir reagieren sollten, wenn Moskau mit einem glatten „Nein“ antwortete. Wir hielten ein solches „Nein“ für die wahrscheinlichste Reaktion der Sowjetunion. Hätten wir dann einen Krieg gegen die Sowjetunion riskiert oder das Vorhaben aufgegeben? Man braucht keine jahrelange diplomatische Erfahrung, um zu erkennen, dass ein Bluff von diesem Ausmaß für jedes Land – auch für die Vereinigten Staaten – viel zu riskant und wenig erfolgversprechend gewesen wäre.16Bohlen, Charles E., Witness to History. 1929-1969, Toronto 1973, S. 237 f.
USA, Sowjetunion, China 1945: Kampf um Asien
Der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima war eine Machtdemonstration der USA. Ihrer technologischen und militärischen Macht. Der Abwurf der Atombombe auf Nagasaki war ein Kriegsverbrechen. Beide Abwürfe widersprachen der Haager Landkriegsordnung. Bereits nach dem ersten Abwurf war Japan als Kriegsgegner der USA ins Hintertreffen geraten. Die Amerikaner sahen sich ihrem Ziel näher, auf der Insel Japan eine weitere Dependance zu schaffen, von der aus sie die Eroberung Asiens weiter vorantreiben wollten. Spanien hatten sie als Kolonialmacht mit dem 1898 siegreich beendeten Spanisch-Amerikanischen Krieg aus dem Pazifik verdrängt. Portugal konnte mit seinen wenigen verbliebenen Kolonien im Pazifik und Asien – Portugieisch-Timor und Macau – vernächlässigt werden. Großbritannien, seit 1940 im Krieg gegen die faschistische Staatenkoalition unter Führung Deutschlands immer stärker in die Abhängigkeit der USA geraten und als Kolonialmacht stark geschwächt, war für die US-amerikanischen Expansionsbestrebungen kein Hindernis mehr.

Einzige Hindernisse auf dem Weg, die Kontrolle über Asien auszubauen, waren die Sowjetunion und die Kommunisten in China.
Die USA und die Sowjetunion sahen als offizielle Vertreter Chinas die 1912 gegründete Ku0mintang (Nationale Volkspartei Chinas). Mit dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg erhielt sie – als Partner im Kampf gegen Japan – die Anerkennung durch die USA und Großbritannien sowie die Unterstützung in Form von Geld und Waffen. Die Sowjetunion hatte Berater und Beobachter bei der Kommunistischen Partei Chinas und ihren Truppen. Durch den am 13. April 1941 mit dem Kaiserreich Japan unterzeichneten Neutralitätspakt waren die Hilfsmöglichkeiten und die Positionierung zugunsten Chinas eingeschränkt. Trotz allen Drängens ihrer jeweiligen Verbündeten hatten sowohl Japan als auch die Sowjetunion bis 1945 an dem Vertrag festgehalten. Die Gültigkeit des Vertrages sollte am 13. April 1946 enden. Aufgrund des Drängens von US-Präsident Truman und Premierminister Churchill trat die Sowjetunion, unter Bruch des Neutrlitätsvertrages, am 9. August 1945 in den Krieg gegen Japan ein.
Die Entscheidung der Sowjetunion basierte auf den Vereinbarungen der Konferenz von Jalta, erfolgte am selben Tag wie der Atombombenabwurf auf Nagasaki, und zu einem Zeitpunkt, als die japanische Regierung Waffenstillstandsgespräche vorbereitete. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen auf das Gebiet von Mandschukuo begann ein rasanter Vormarsch, der zur Vernichtung der japanischen Kwantung-Armee führte, zur Kapitulation Japans und zur vollständischen Besetzung von Mandschukuo. Im Verhalten zu den Führungsgruppierungen Chinas veränderte sich seitens der Sowjetunion zunächst nichts. Die sowjetisch besetzte Mandschurei wurde nach und nach das Hauptquartier von Mao Zedongs Einheiten der Kommunistischen Partei Chinas. Mit Waffen aus den japanischen Waffendepots, die von den sowjetischen Einheiten erobert worden waren, verstärkten Maos Truppen ihre militärische Macht und die Möglichkeiten zur Vergrößerung der personellen Stärke. Von Mandschukuo aus eroberten sie von der Kuomintang gehaltene Gebiete. Bis sie 1949 in der Niederlage der Kuomintang und der Flucht von Chiang Kai-shek auf die Insel Taiwan kulminierten. Mit der Gründung der Volksrepublik China am 1. August 1949 war der Machtkampf in China zugunsten der KP Chinas sowie zwischen den USA und der Sowjetunion zugunsten letzterer entschieden worden. Dass sich die Chinesen später auch gegen die Sowjetunion wenden und einen eigenen Weg zwischen den Großmächten und zum eigenen Wiederaufstieg als Großmacht begehen würden, ahnte man zu diesem Zeitpunkt weder in den USA noch in der Sowjetunion. Die Entwicklung folgte jedoch der Logik chinesischen Denkens und chinesischer Politik.
Chinesisches Denken und Großmachtambition
1945 standen weder US-Amerika noch der Sowjetunion Künstliche Intelligenz (KI) zur Verfügung, um sich in das Denken der Chinesen hineinzufinden. Zugleich blockierte ihnen ihre Einordnung der Chinesen als ehemaligem Kolonialvolk (USA) bzw. nicht auf der gleichen sozialen und politischen Entwicklungsstufe stehend (Sowjetunion) den Zugang zu einem besseren Verständnis. Mit Hilfe der KI wurde nachfolgend dieser Mangel behoben.
China strebt unter dem Begriff des „Chinesischen Traums“ (Zhongguo Meng) bis zur Jahrhundertmitte den Wiederaufstieg zur globalen Führungsmacht an. Aus Pekings Sicht handelt es sich dabei nicht um eine aggressive Expansion, sondern um die Wiederherstellung des natürlichen historischen Zustands nach dem „Jahrhundert der Demütigung“ (1839–1949).
Das moderne politische Handeln Chinas ist dabei tief in traditionellen Denkschulen verwurzelt.Hier sind die drei wichtigsten Säulen des traditionellen chinesischen Denkens, die den heutigen Aufstieg prägen:
1. Das Konzept von Tianxia („Alles unter dem Himmel“)
Die Idee: In der kaiserlichen Philosophie war China das zivilisatorische Zentrum der Welt (das „Reich der Mitte“). Beziehungen zu anderen Staaten waren nicht auf Augenhöhe (westlicher Westfälischer Friede), sondern hierarchisch und harmonisch organisiert. Wer Chinas Vormachtstellung anerkannte, profitierte von Handel und Schutz.
Heutige Anwendung: Dieses Denken spiegelt sich in der Belt and Road Initiative (Neue Seidenstraße) und dem Konzept einer „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ wider. China baut ein globales Netzwerk auf, in dem Peking das wirtschaftliche und technologische Zentrum bildet.2. Konfuzianismus: Ordnung, Hierarchie und die Pflicht der Führung
Die Idee: Der Konfuzianismus betont soziale Harmonie, Respekt vor der Hierarchie, Loyalität gegenüber dem Herrscher und das Mandat des Himmels. Ein Herrscher legitimiert sich durch das Wohlwollen, das er seinem Volk entgegenbringt.
Heutige Anwendung: Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) nutzt dieses Denken, um ihren autoritären Einparteienstaat zu rechtfertigen. Solange die Partei für wirtschaftliches Wachstum, Stabilität und nationale Würde sorgt, erfüllt sie aus dieser Sicht das moderne „Mandat“. Westliche Werte wie individueller Pluralismus werden oft als Bedrohung für diese Harmonie gesehen.3. Legalismus und Strategie (Sunzi)
Die Idee: Der Legalismus fordert eine absolut starke Staatsmacht und strikte Gesetze. Ergänzt wird dies durch die klassische Strategielehre (wie Sunzis Die Kunst des Krieges), die besagt, dass der beste Sieg derjenige ist, der ohne direkten militärischen Konflikt durch strategische Überlegenheit, Geduld und Täuschung errungen wird.
Heutige Anwendung: Chinas Vorgehen im Südchinesischen Meer („Salami-Taktik“ – das schrittweise Schaffen vollendeter Tatsachen) und der Fokus auf geoökonomische Dominanz (Aufkauf kritischer Infrastruktur im Ausland, Monopole bei Seltenen Erden) folgen dieser langfristigen, konfliktvermeidenden, aber konsequenten Strategie.
Pjotr Parfjonowitsch Wladimirow war von Mai 1938 bis Mitte 1940 als TASS-Korrespondent in China tätig. Im Mai 1942 wurde er Verbindungsmann der Kommunistischen Internationale bei der Führung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas und arbeitete zugleich für TASS. Bis November 1945 dauerte sein Aufenthalt an der Seite Mao Zedongs. Seine Erlebniss hielt er in einem Tagebuch fest, das 1973 in Moskau veröffentlicht wurde. In der DDR drei Jahre später.
Über Maos Denken schrieb er unter dem Datum 12. August 1945:
Der „Marxismus der Realität“ ist also nicht das Ergebnis des Wirkens eines erfolgreichen Politikers, sondern ein philosophisches System, das sich auf eine beachtliche ideologische und ökonomische Basis stützt. … Der „Marxismus der Realität“, dieser „Zhengfeng-Marxismus“ ist somit nicht eine Laune der Geschichte, sondern die Widerspiegelung objektiver Prozesse. Diese Prozesse wirken heute wie früher und werden weiter wirken. Sie entspringen der gesamten Lebensweise des Landes, aus seiner Wirtschaft, aus dem Kräfteverhältnis der Klassen, den Traditionen usw. Aus dem Milieu, das diese Faktoren geformt haben, schöpfte und schöpft die KP Chinas ihren Nachwuchs.17Wladimirow, P. P., Das Sondergebiet Chinas 1942-1945, Berlin 1976, S. 744.
Was 1945 vermutlich weder die USA noch die Sowjetunion voraussahen, war, dass sich China zu einer ihnen ebenbürtigen Weltmacht entwickeln würde. Dafür nutzten die kommunistischen Chinesen zunächst die Unterstützung durch die Sowjetunion, später dann – als vermeintlicher Partner in der Auseinandersetzung mit der UdSSR – die der USA. Heute, im Jahr 2026, hat China eine Stärke und einen Einfluss erreicht, dass sich Russen, wie Amerikaner und Europäer vor ihm fürchten. Lediglich den asiatischen Groß- und Atommächten Indien und Pakistan sowie weiteren asiatischen und afrikanischen Ländern ist das zu alter Größe zurückgekehrte Großreich als Partner willkommen.
Der Sieg der Kommunisten unter Mao Zedong 1949 war die erste große Niederlage der Amerikaner in Asien. Die Teilung Koreas und Vietnams nach zwei heftigen Kriegen sowie der vollständige Verlust Vietnams weitere.
China und Japan auf der Potsdamer Konferenz
Im Vorfeld der Potsdamer Konferenz und während ihres Verlaufs waren die USA bemüht, die Sowjetunion in einen von ihnen gemeinsam mit Großbritannien geplanten Angriff auf Japan und seine Kolonien einzubeziehen. Gebunden durch das 1941 mit Japan abegeschlossene und für eine Dauer von fünf Jahren terminierte Neutralitätsabkommen konnte die Sowjetunion lange keine eindeutige Zusage geben. Obwohl auf der Konferenz von Jalta schon über den Eintritt der Sowjetunion in einen möglichen Krieg gegen Japan verhandelt worden war.
Stalin befand sich nach dem Sieg über die von Deutschland angeführte faschistische Koalition in einer Position gewachsener Macht, aber auch in einem Zwiespalt.
Es war erkennbar, dass das Zweckbündnis zwischen den USA und der Sowjetunion nach dem Erreichen seines Hauptziels – der Befreiung der Sowjetunion sowie Europas vom Faschismus und der Niederlage Deutschlands – nicht lange halten würde. Zudem befand sich die Sowjetunion in der Koalition mit den USA und Großbritanniens besonders gegenüber den Amerikanern nicht in der Rolle eines gleichwertigen Partners.
Die Sowjetunion war, wie auch andere Staaten, auf die Lieferungen der USA aus dem Leih- und Pachtgesetz (Land-Lease Act) angewiesen. Großbritannien, die UdSSR, China und viele andere Staaten erhielten aufgrund des Leih- und Pachtgesetzes Güter in einem Gesamtwert von knapp 50 Milliarden US-Dollar (ohne Transportkosten). Stalin hoffte, dass das Programm auch dem Krieg fortgesetzt würde. Was er mit einer Mischung der Demonstration von Stärke und Bereitschaft zur Erreichung von Übereinkünften mit den USA zu erreichen versuchte.
Trumans (scheinbar nebensächlich erfolgte) Mitteilung auf der Potsdamer Konferenz an Stalin über den erfolgreichen Atombombentest, war ein Zeichen für die Sowjetunion, dass die Amerikaner ihre militärische Überlegenheit ausbauen wollten und diese gegenüber Japan und für die Vergrößerung ihrer Machtpositionen in Asien und im Pazifik zu nutzen gedachten.
Die der Sowjetunion letztlich abgerungene Bereitschaft zum Eintritt in den Krieg gegen Japan sah Stalin unter zwei Aspekten:
1. Verhinderung von Konflikten mit den USA, die diese zum Einsatz der Atombombe gegen die Sowjetunion bewegen könnten und Gewinnen von Zeit für die Entwicklung einer eigenen Atombombe.
2. Begrenzung des Einflusses der USA und Großbritanniens auf China und Asien durch militärische Erfolge und die Eroberung an die Sowjetunion grenzender Territorien.
Die Sowjetunion blickte primär durch das Prisma von Geopolitik und Weltrevolution auf China, wobei Stalins Pragmatismus stets über ideologische Loyalität triumphierte. (Quelle)
Soongs Mission in Moskau
Am 30. Juni 1945 kam der chinesische Ministerpräsident und Außenminister T. V. Soong (Song Ziwen) in Moskau an, um mit dem sowjetischen Staatschef Josef Stalin Verhandlungen über die Nachkriegsordnung in Asien zu führen. Diese diplomatische Mission der nationalchinesischen Kuomintang-Regierung (unter Chiang Kai-shek) stand unter massivem Druck der Alliierten und prägte die Geschichte Ostasiens nachhaltig.
Auf der Konferenz von Jalta (Februar 1945) hatten die USA und Großbritannien der Sowjetunion insgeheim weitreichende Zugeständnisse in China versprochen, um Stalins Eintritt in den Krieg gegen Japan zu sichern. Da China an diesen Gesprächen nicht beteiligt war, reiste Soong Ende Juni 1945 nach Moskau, um den Schaden zu begrenzen.
Stalin eröffnete die Gespräche mit der Forderung, dass China die Unabhängigkeit der Äußeren Mongolei anerkennen solle. Soong lehnte das ab. Konsultierte sich sehr eng mit dem US-Botschafter in Moskau, William Averell Harriman. Dieser wiederum setzte umgehend den Präsidenten der USA, Harry S. Truman, und US-Außenminister James F. Byrnes in Kenntnis.
Harriman und Soong erörterten vom 9. bis 13. Juli täglich gemeinsam den Fortgang der chinesisch-russischen Verhandlungen, und Harrimans Bericht wurden mir während meiner Überfahrt nach Europa auf die „Augusta“ gefunkt.18Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 305.
Die Verhandlungen blieben ohne Ergebnis, so dass Soong am 13. Juli Moskau verließ. Am 23. Juli telegraphierte Truman aus Potsdam Chiang Kai-shek:
Ich habe Sie ersucht, im Sinne der Jalta-Vereinbarungen zu handeln, ich habe Sie aber nicht ersucht, über diese Vereinbarungen hinauszugehen. Sollten Sie und Generalissimus Stalin über die Interpretation der Jalta-Vereinbarungen differieren, dann hoffe ich, daß Sie Soong nach Moskau zurückkehren lassen und Ihre Bemühungen fortsetzen, ein völliges Einvernehmen zu erzielen.19Ebenda, S. 307.
Der US-Präsident bezeichnete Stalins Verhandlungstaktik als „russische Verschleppungsmethode„. Die auch in anderen Fragen der künftigen internationalen Politik angewandt wurde. Auch wenn er dies kritisch sah, verfolgte Truman konsequnet sein Ziel, „die Russen zum möglichst raschen Eintritt in den Krieg gegen Japan zu bewegen„.20Ebenda, S. 311.
Im Vorfeld der Potsdamer Konferenz hatte Truman den Entwurf einer Proklamation an das japanische Volk ausarbeiten lassen. Am 24. Juli 1945, nach dem Abschluss der Besprechungen der Joint Chiefs of Staff, übergab er ihn Churchill.
Churchill, dem Rußlands Kriegseintritt zur Beschleunigung der Niederringung Japans ebenso erwünscht war wie uns, stimmte der von den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China gemeinsam zu erlassenden Proklamation im Prinzip sofort zu und nahm den Text zu weiterem Studium mit.
Stalin gab ich in einem persönlichen Gespräch von dem geplanten Schritt Kenntnis, obwohl Rußland, das sich noch nicht im Kriegszustand mit Japan befand, sich natürlich nicht offiziell beteiligen konnte.
Churchill und ich vereinbarten die chinesiche Regierung einzuladen, sich dieser Proklamation als mitunterzeichnende Macht anzuschließen, und demgemäß sandte ich den Entwurf an unseren Botschafter in Tschungking mit der Weisung, unverzüglich die Zustimmung des Generalissimus einzuholen.21Ebenda, S. 389 f.
Chiang Kai-shek bekam den Entwurf erst verspätet zur Kenntnis. Da Churchill wegen der Wahlen in Großbritannien am 25. Juli aus Potsdam nach London abreiste, überließ er es dem Amerikaner zu entscheiden, wann er die Proklamation veröffentlicht.
Bei der Abreise Churchills stand die Antwort Tschiang Kai-Scheks immer noch aus. Wie sich herausstellen sollte, war ihm meine Botschaft erst nach der Überwindung ungewöhnlicher Schwierigkeiten ausgehändigt worden. Erst war eine Verzögerung in der Nachrichtenzentrale Honolulu eingetreten, dann verzögerte der starke Verkehr zwischen Honolulu und Guamdie Weiterleitung neuerdings.
Nachdem Hurley um 20.35 Uhr Tschungkinger Zeit die Botschaft endlich erhalten hatte, gab er sie sofort an Ministerpräsident Soong weiter, der sie übersetzen ließ. Unglücklicherweise befand sich der Generalissimus nicht in Tschungking, sondern in den Bergen jenseits des Jangtsekiang.22Ebenda, S. 393.
Chiang Kai-shek gab seine Zustimmung zu der Proklamation wollte aber nach dem Präsidenten der USA und vor dem Premierminister Großbritanniens mit seiner Unterschrift stehen. Die Bitte wurde erfüllt und am Abend des 26. Juli 1945, 21.20 Uhr, die Proklamation von Potsdam aus erlassen.
Am 28. Juli hatten die Japaner noch nicht geantwortet. Stattdessen ergriff Stalin vor Beginn der Sitzung der Großen Drei um 22.15 Uhr das Wort.
Der russischen Delegation sei von Japan ein Ersuchen um russische Vermittlung im fernöstlichen Kriege zugegange, und er wolle die Verbündeten von dem japanischen Schritt unterrichten, obwohl er von dem an Japan gerichteten Ultimatum keine offizielle Kenntnis erhalten habe. … Nach der Verlesung des Dokuments erklärte Stalin, es enthalte nichts Neues; da es jedoch in bestimmteren Wendungen abgefaßt sei als die erste Mitteilung, werde auch eine klarere, wenn auch negativ gehaltene Antwort erteilt werden. 23Ebenda, S. 401 f.
Truman verwies auf das Ausstehen einer offiziellen Antwort Japans auf die Proklamation. Aufgefangene japanische Rundfunksendungen zeigten jedoch, dass Japan zur Fortsetzung des Kampfes entschlossen sei und die Aufforderung zur Kapitulation als „absurd, anmaßend und der Beachtung unwürdig“ bezeichnete.
Der sowjetische Außenminister Molotow ersuchte Truman um ein Gespräch über verschiedene außenpolitische und miltärische Themen. Dieses fand am 29. Juli 1945 in der Neubabelsberger Residenz des US-Präsidenten statt. Molotow brachte seinen Dolmetscher Kalunskij mit. Truman Außenminister Byrnes, sowie Admiral Leahy und Bohlen.
Als letzten Punkt erwähnte Molotow – als Sprecher von Stalin – die Begründung der russischen Kriegserklärung an Japan. Die Sowjetregierung halte es für das beste, wenn die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die die übrigen Verbündeten ein offizielles Ersuchen an die Sowjetunion richteten, sich am Kriege gegen Japan zu beteiligen. Dieses Ersuchen ließe sich mit der Ablehnung des kürzlich an Japan gerichteten Ultimatums sowie mit der Aussicht auf Abkürzung des Krieges und auf Erhaltung von Menschenleben begründen. Doch setze Rußland natürlich den vorherigen Abschluß des russisch-chinesischen Vertrags voraus.24Ebenda, S. 408.
Truman war so überrascht, dass er den Vorschlag erst einmal gründlich prüfen wollte. Er sprach „in langen Konferenzen„darüber sowohl mit Premierminister Attlee als auch mit seinen Beratern. Am 31. Juli übermittelte er Stalin seine Antwort:
In Beantwortung Ihrer Anregung, einen die Lage im Fernen Osten betreffenden Brief an Sie zu richten, füge ich den Entwurf eines Briefes bei, den ich Ihnen ganz nach Ihrem Belieben übermitteln werde, sowie Sie mich von dem Abschluß Ihres Vertrages mit China benachrichtigt haben. Falls Sie mit diesem Entwurf einverstanden sind, können Sie mich nach dem Abschluß des Vertrages mit China unverzüglich verständigen, woraufhin ich Ihnen den Brief kabeln und die schriftliche Ausfertigung durch den schnellsten Kurier folgen lassen werde. Sie können ihn benützen, wie es Ihnen angezeigt erscheint. Wenn Sie sich jedoch aus irgend einem Grunde entschließen, den Brief nicht zu benutzen, und es vorziehen, die Kriegserklärung anders zu begründen, bin ich auch einverstanden. Ich überlasse das ganz Ihrem Ermessen.
Harry S. Truman25Ebenda, S. 410 f.
Beigefügt war der Wortlaut des Briefes, der in Trumans Memoiren auf S. 411 f. abgedruckt wurde.
Bis zum Abschluss der Potsdamer Konferenz lag Truman keine Antwort Stalins auf seinen Vorschlag vor. In der Betrachtung der Ergebnisse der Konferenz schrieb der US-Präsident:
Der einzige Punkt, über den sich das Kommuniqué ausschwieg, weil es sich um eine militärische Sache handelte, die ihrem Wesen nach geheim bleiben mußte, betraf Stalins persönliche Bestätigung, daß sich die Sowjetunion am Krieg gegen Japan beteiligen werde, ein Schritt, an dem unseren Spitzenmilitärs unendlich viel lag. Wie der Leser weiß, hatte mir Stalin diese Zusage schon in den allerersten Konferenztagen gegeben, womit der vornehmlichste Zweck meiner Reise nach Potsdam erfüllt war.
Das Zusammentreffen mit Stalin und seinen Mitarbeitern hatte für mich aber noch eine viel tiefere Bedeutung, konnte ich mir doch jetzt aus persönlicher Anschauung ein Bild machen, womit wir und der gesamte Westen in Zukunft zu rechnen haben würden.26Ebenda, S. 421.
Er unterstellte der Sowjetunion, dass sie nach dem Sieg über Deutschland auf eine Schwächung der westlichen Industrienationen setzen und gemäß der Doktrin von der „Weltrevolution“ diese von innen heraus erobern wollten. So habe er feststellen müssen, „daß die Russen rücksichtlose, einzig und allein auf ihren Vorteil erpichte Verhandlungspartner waren„.
Die Entdeckung, daß es die Russen mit dem Frieden nicht allzu ernst meinten, überraschte mich trotzdem nur halb. Die russische Außenpolitik beruhte ganz offensichtlich auf der Annahme, daß wir einer großen Wirtschaftskrise entgegengingen, und sie planten jetzt schon, aus diesem Rückschlag nutzen zu ziehen.27Ebenda.
Es ist nicht erkennbar, ob diese Aussagen Trumans Haltung nach dem Ende der Konferenz wiedergaben oder die der Zeit zwischen 1950 und 1955.
So sehr mir an Rußlands Beteiligung am fernöstlichen Kriege lag, war ich aber jetzt doch auf Grund meiner Potsdamer Erfahrungen entschlossen, die Russen unter keinen Umständen an der Besetzung Japans zu beteiligen. … Meine Überlegungen auf der Heimreise gipfelten in dem Entschluß, General MacArthur die uneingeschränkte Gewalt über das besiegte Japan zu übertragen. Im Stillen Ozean sollte uns die russische Taktik nicht stören. …
Macht ist das einzige, was die Russen verstehen. Und obschon ich die Hoffnung nicht aufgab, daß es eines Tages doch noch gelingen würde, Rußland für ein gemeinsames Wirken im Interesse des Friedens zu gewinnen, war es mir dennoch klar, daß es von jeder Machtausübung in Japan ausgeschlossen werden mußte. …
Und das russische Fernziel hieß Weltherrschaft.28Ebenda, S.421 f.
Auch nach dem Abwurf der Atombombe auf Hiroshima am 5. August 1945 lag keine Antwort Stalins auf Trumans Briefvorschlag vor. Voraussetzung dafür war die Wiederaufnahme der chinesisch-sowjetischen Verhandlungen. Das war unmittelbar nach Stalins Rückkehr nach Moskau der Fall. Truman verfolgte die Verhandlungen und übte Druck auf Chiang Kai-shek aus, die Moskauer Verhandlungen fortzusetzen.
Plötzlich aber rief Molotow, obwohl die russisch-chinesischen Verhandlungen bei weitem noch nicht abgeschlossen waren, am 8. August Botschafter Harriman zu sich und teilte ihm mit, daß sich die Sowjetunion mit Wirkung ab 9. August als mit Japan im Kriegszustand befindlich betrachte.
Dieser Schritt überraschte uns nicht. Der Abwurf der Atombombe mußte ja Rußland zwingen, seine Haltung im Fernen Osten zu revidieren.29Ebenda, S.438.
Botschafter Harriman unterrichtete Truman von einem Gespräch, das er am Abend des 9. August 1945 mit Stalin und Molotow hatte. Stalin habe über den Vormarsch der sowjetischen Truppen in der Mandschurei und über die weiteren Absichten der Sowjetunion berichtet sowie seine Meinung zur Situation Japans geäußert.
Zur Gesamtlage meinte er, er glaube, die Japaner suchten einen Vorwand, um eine neue Regierung zu bestellen, die die Kapitulation vollziehen würde, und er vermute, daß ihnen die Atombombe diesen Vorwand liefern werde. An dieser zeigte er großes Interesse; wenn das Geheimnis wohlgehütet bliebe, könne sie das Ende von Angriffshandlungen und Kriegen bedeuten. In Berlin hätten die Russen Versuchsanstalten zur Atomzertrümmerung vorgefunden, aber nach ihren Feststellungen seien die Deutschen damit nicht weit gekommen. Auch sowjetische Wissenschaftler hätten sich mit dem Problem befaßt, es aber nicht lösen können.30Ebenda, S.439.
Am 9. August 1945 luden die USA die zweite Atombombe über Nagasaki ab, weil ein Wolkenloch, „dem Bombenschützen einen Blick auf sein Ziel (gewährte), und der Abwurf gelang“.
Diese zweite Demonstration der Zerstörungskraft der Atombombe stürzte Tokio anscheinend in Panik, denn am nächsten Morgen gab das japanische Kaiserreich zum erstenmal den Wunsch zur Waffenstreckung zu erkennen.31Ebenda, S.440.
Truman versucht sich hier dafür zu rechtfertigen, dass die zweite Atombombe keinen Sinn machte und ihrem Abwurf nachträglich einen Sinn zu geben. Dabei bezieht er sich hinsichtlich der Auswirkungen nur auf Japan und verschweigt die damit verfolgten Absichten der USA gegenüber der Sowjetunion und ihrem Vormarsch in China.
Die sowjetischen Truppen setzten ihren Vormarsch in der Mandschurei fort. Ihre Regierung formulierte Vorstellungen hinsichtlich ihrer Beteiligung an den Kapitulationsverhandlungen. Am 11. August 1945 hatte Außenminister Molotow u.a. erklärt:
Die Sowjetregierung ist ferner der Auffassung, daß sich die alliierten Mächte im Falle einer bejahenden Antwort der japanischen Regierung über die Persönlichkeit oder die Persönlichkeiten verständigen müssen, die das Alliierte Oberkommando vertreten werden und denen sich der Kaiser und die Regierung Japans unterzuordnen haben.32Ebenda, S.446.
US-Botschafter Harriman ging diese Forderung zu weit. Wollten doch die Amerikaner die Sowjetunion bei diesen Verhandlungen nicht dabei haben. Er und Botschafter Pauley regten sogar an, schnell in Korea und der Mandschurei zu landen, um den sowjetischen Truppen keine weiteren Gebietsgewinne mehr zu ermöglichen.
Pauley: Aus meinen Diskussionen über die Reparationen und anderes (…) bin ich zu dem Schluß gekommen, daß unsere Streitkräfte mit der denkbar größten Schnelligkeit einen so großen Teil der Industriegebiete Koreas und der Mandschurei wie irgend möglich besetzen sollten…
Harriman: Angesichts des Verhaltens Stalins und seiner sich ständig steigernden Forderungen an China empfehle ich, solche Landungen vorzunehmen, damit sich die japanischen Streitkräfte wenigstens in Korea und auf der Halbinsel Kwantung den unseren ergeben können. Meiner Ansicht nach sind wir keine Verpflichtung eingegangen, eine sowjetische Operationszone zu respektieren.33Ebenda, S.446.
Ebenfalls Sorgen bereitete den Amerikanern der Vormarsch der Kommunisten in China. Am 14. August 1945 erklärte Japan seine Kapitulation. Ebenfalls am 14. August 1945 erfolgte in Moskau die Unterzeichnung des Chinesisch-Sowjetischen Freundschafts- und Bündnisvertrages mit den folgenden Kernpunkten:
- Anerkennung der Äußeren Mongolei: China musste zustimmen, nach einem Volksentscheid die Unabhängigkeit der (Sowjet-treuen) Äußeren Mongolei von China anzuerkennen.
- Konzessionen in der Mandschurei: Die Sowjetunion erhielt Sonderrechte an den wichtigen mandschurischen Eisenbahnlinien (Chinesische Osteisenbahn) sowie Nutzungsrechte für die strategisch wichtigen Häfen Port Arthur (als Militärbasis) und Dairen.
- Sowjetische Garantie gegen die Kommunisten: Im Gegenzug für diese schmerzhaften territorialen und wirtschaftlichen Zugeständnisse sicherte Stalin Soong zu, ausschließlich die nationalchinesische Regierung unter Chiang Kai-shek als legitime Führung Chinas anzuerkennen. Stalin versprach, den chinesischen Kommunisten unter Mao Zedong keinerlei moralische oder militärische Unterstützung zu gewähren.
Obwohl Soong versuchte, die nationale Souveränität Chinas bestmöglich zu verteidigen, empfanden viele Chinesen den Vertrag als einseitiges Diktat. Die USA wiederum sahen sich mit den Wünschen Stalins konfrontiert, der die von seinen Truppen erreichten Ergebnisse vertraglich fixiert sehen wollte. Am 16. August traf sein sich darauf beziehendes erstes Schreiben ein, das Truman am 18. August beantwortete, worauf Stalin am 22. August reagierte und Truman am 25. August erneut antwortete. Bis Ende August zog sich die Polemik zwischen den USA und der Sowjetunion hin.34Vgl. ebenda, S.459 bis 465. Die Amerikaner hatten jedoch auch Probleme mit den Kommunisten Chinas und der Kuomintang sowie mit der Aneignung Hongkongs durch britische Truppen. Deren Gewaltandrohungen und Forderungen auf die Aneignung weiterer Gebiet Chinas Chiang Kai-shek erbosten.
Wie der Generalissimus sagte, haben die Engländer ihre Einschüchterungsversuche mit Gewaltandrohungen nicht nur in bezug auf Hongkong und Kowloon, sondern auch in bezug auf andere Teile Chinas begleitet. Der Generalissimus erkärte die englische Haltung für imperialistisch, herrschsüchtig und unvereinbar mit der Mitgliedschaft der Vereinten Nationen …35Ebenda, S. 473.
Am 2. September 1945 erfolgte die offizielle Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch Japan. Die Auseinandersetzungen zwischen den USA und der Sowjetunion verlagerten sich auf Europa, vor allem auf Deutschland.
Stalin hielt sich nur bedingt an die Abmachungen des Abkommens mit China:
Beim Abzug der sowjetischen Truppen aus der Mandschurei Ende 1945/1946 überließen diese den chinesischen Kommunisten riesige Mengen erbeuteter japanischer Waffen. Dies beschleunigte den Sieg von Mao Zedong im anschließenden Chinesischen Bürgerkrieg. Nach Ausrufung der Volksrepublik China im Jahr 1949 verlor der von Soong ausgehandelte Vertrag seine Gültigkeit und wurde 1950 durch ein neues Abkommen zwischen Mao und Stalin ersetzt.
Anmerkungen
- 1Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 421. ↩︎
- 2Ebenda, S. 426. ↩︎
- 3Ebenda, S. 427. ↩︎
- 4Ebenda, S. 429 f. ↩︎
- 5Ebenda, S. 431. ↩︎
- 6Ebenda, S. 431 f. ↩︎
- 7Ebenda, S. 432. ↩︎
- 8Meeriman, Smith, Danke sehr, Herr Präsident! Notizbuch aus dem Weißen Haus, Wien 1948, S. 215. ↩︎
- 9Ebenda, S. 215 f. ↩︎
- 10Ebenda, S. 216. ↩︎
- 11Ebenda, S. 433. Die Übersetzung des Fernschreibens in Trumans Memoiren weicht etwas vom Original ab (siehe Beitragsbild). ↩︎
- 12Meeriman, Smith, a.a.O., S. 217 f. ↩︎
- 13Truman in the White House. The diary of Eben A. Ayers. Edited with commentary by Robert H. Ferrell, Columbia and London 1991, S. 57 f. ↩︎
- 14Meeriman Smith, a.a.O., S. 214. ↩︎
- 15Ebenda, S. 215 f. ↩︎
- 16Bohlen, Charles E., Witness to History. 1929-1969, Toronto 1973, S. 237 f. ↩︎
- 17Wladimirow, P. P., Das Sondergebiet Chinas 1942-1945, Berlin 1976, S. 744. ↩︎
- 18Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 305. ↩︎
- 19Ebenda, S. 307. ↩︎
- 20Ebenda, S. 311. ↩︎
- 21Ebenda, S. 389 f. ↩︎
- 22Ebenda, S. 393. ↩︎
- 23Ebenda, S. 401 f. ↩︎
- 24Ebenda, S. 408. ↩︎
- 25Ebenda, S. 410 f. ↩︎
- 26Ebenda, S. 421. ↩︎
- 27Ebenda. ↩︎
- 28Ebenda, S.421 f. ↩︎
- 29Ebenda, S.438. ↩︎
- 30Ebenda, S.439. ↩︎
- 31Ebenda, S.440. ↩︎
- 32Ebenda, S.446. ↩︎
- 33Ebenda, S.446. ↩︎
- 34Vgl. ebenda, S.459 bis 465. ↩︎
- 35Ebenda, S. 473. ↩︎
© GeschichtsManufaktur Potsdam, 30. August 2026