Es gibt ein Foto, aufgenommen am 1. August 1945 an der Treppe der Neubabelsberger Residenz des US-Präsidenten. Harry S. Truman und seine engsten Mitarbeiter mit der philippinischen Servicemannschaft. Es war einer der seltenen Momente, in dem das von den Philippinen stammende Personal des Präsidenten und seiner engsten Delegation öffentliche Aufmerksamkeit erhielt. Ansonsten blieben sie im Verborgenen: während der Potsdamer Konferenz im Keller der Kaiserstr. 2.

Die Truman Library teilt in der Beschreibung des Bildes mit:

Präsident Harry S. Truman (dritte Reihe, zweiter von rechts) und Mitglieder seiner Delegation mit ihren philippinischen Begleitern am Nordeingang des „Kleinen Weißen Hauses“, der Residenz Präsident Trumans während der Potsdamer Konferenz. Ebenfalls zu sehen sind Generalmajor Harry Vaughan (zweite Reihe, links), Admiral William D. Leahy (dritte Reihe, links), Außenminister James Byrnes (dritte Reihe, zweiter von links) und Pressesprecher Charles Ross (vierte Reihe, rechts). Alle anderen Personen sind unbekannt.1https://www.trumanlibrary.gov/photograph-records/63-1453-27

Das Foto entstand gegen 20.30 Uhr, in der Pause zwischen der ersten und der zweiten Sitzung am 1. August 1945. Die erste Sitzung war um 14.30 Uhr beendet worden. Die zweite begann um 22.40 Uhr. In seinen Memoiren geht Truman nicht darauf ein, wie er die Pause nutzte. An keiner Stelle erwähnt er auch das philippinische Personal. Das gleiche trifft für das von seinem persönlichen Adjudanten; William M. Rigdon, verfasste Logbuch der Reise des Präsidenten zu.

Das philippinische Servicepersonal

Aus den offiziellen Unterlagen der US-Delegation konnten die Namen der auf dem Foto zu sehenden Servicekräfte ermittelt werden. Es handelt sich um Sotero Abiba, Cayetano Bautista, Federico Calinao, Amando Custodio, Pio Estrada, Mariano Floresca, Benjamin Licodo, Celedonio Ordona, Alfredo Orig, und Jose Palomario. Nicht auf dem Foto ist der Chief Steward Candido Olivares. Er war im Verlauf des 1. August nach Plymouth abgeflogen, um an Bord der dort ankernden „Augusta“ alles für die Rückkehr des Präsidenten vorzubereiten.

In seinen Memoiren erinnert Rigdon wenigstens an Benjamin Licodo.

Licodo hatte zur Besatzung jenes PT-Schnellboots gehört, das General MacArthur und seine Familie von Corregidor nach Mindanao gebracht hatte, von wo aus sie in ein Flugzeug nach Australien stiegen. Er war gemeinsam mit fünf anderen Marineangehörigen auf den Philippinen zurückgeblieben; sie zogen sich in die Berge zurück und führten dort zwei Jahre lang einen Guerillakrieg gegen die Japaner.2Rigdon, William M., Sailor in the White House. My 11 years of service to three presidents, Phocion Publishing 2019, S. 111.

Steward First Class Benjamin Licodo Sr. wurde im November 1911 auf den Philippinen geboren. Am 14. März 1965 verstarb er auf See an Bord eines Handelsschiffes, das sich auf dem Weg nach Ägypten befand.. Er war verheiratet mit Beatrice Cecelia Clare. Sie hatten einen Sohn und eine Tochter. Benjamins Ehefrau starb im November 1968.
Zu Beginn des Pazifikkriegs diente er in der berühmten Motor Torpedo Boat Squadron 3 (MTB-3). Er war an Bord jener PT-Boote, die General Douglas MacArthur und dessen Familie im März 1942 evakuierten. Licodo blieb danach auf den Philippinen zurück, kämpfte zwei Jahre lang im Untergrund als Guerillakämpfer gegen die japanische Besatzung und wurde dafür mit dem Silver Star, einer der höchsten Tapferkeitsauszeichnungen der USA, geehrt. Als Steward First Class war er für die Bewirtung, Logistik und den Service für hochrangige Offiziere und Regierungsmitglieder zuständig. Mit dem Dienstgrad Chief Steward verließ Licodo die Armee. Für das Weiße Haus war er sieben Jahre tätig.

Der Chief Steward Candido Olivares war, wie auch die anderen Servicekräfte, Angehöriger der US-Marine (United States Navy, U. S. N.). Die von ihm geleitete „President’s Mess“ (Präsidenten-Messe/Küche) war für die Verpflegung von US-Präsident Harry S. Truman und seiner engsten Mtarbeiter zuständig. Darüber hinaus leisteten sie Dienste, wie Zimmerreinigung. Angaben zur Person von Olivares ließen sich nicht finden.

Sotero Alferos Abiba wurde am 22. April 1908 auf den Philippinen geboren, gestorben ist er am 22. Juli 2003 in Virginia Beach, USA.

Cayetano C. Bautista wurde am 7. August 1911 auf den Philippinen geboren, gestorben ist er am 17. Januat 1980 in AuroraPrestonWest VirginiaUSA.

Zu Chief Steward Federico Calinao gibt es keine persönlichen Angaben.

Das trifft auch für Chief Steward Amando Custodio zu.

Chief Steward Pio Estrada wurde am 5. Mai 1902 geboren. Er verstarb am 16. November 1989. Am 22. Mai 1933 heiratete er Mary E. Grim. Im Alter von 30 Jahren wurde sie am 9. August 1945 Opfer eines Verbrechens.

Chief Steward Mariano C. Floresca war ein langjähriger, hochdekorierter philippinisch-amerikanischer Koch und Steward der United States Navy (U.S.N.). Er war über mehrere Jahrzehnte im engsten persönlichen Umfeld der US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Harry S. Truman tätig und betreute die kulinarische Versorgung im White House sowie auf präsidialen Reisen. Er wurde am 8. Dezember 1908 auf den Philippinen geboren und starb am 29. März 1988. 

Chefkoch war ebenfalls Celedonio Q Ordona. Er wurde am 29. September 1905 geboren. Gestorben am 15. Dezember 1988.

Chefkoch Alfredo Orig hatte in der Gruppe die Funktion des Head Boys inne. Als „Head Boy“ (wörtlich Oberjunge, im Sinne von leitendem Steward oder Chefkellner) war er der Hauptverantwortliche und Koordinator für die anderen Stewards und Bediensteten des Präsidenten. Angaben zu seiner Person ließen sich bislang nicht finden.

Chefkoch Jose Palomaria wurde am 5. August 1908 auf den Philippinen geboren. Gestorben ist er am 2. Juni 1999 in Portsmouth, USA.

Auf dem Weg nach Neubabelsberg

Die vorstehend beschriebenen Personen begleitete Präsident Truman und seine Begleitung auf dem schweren Kreuzer USS „Augusta“ nach Europa. nach der Landung in Antwerpen wurden die 11 Servicekräfte nach Gatow geflogen und von dort nach Neubabelsberg gebracht. Weitere philippinische Servicekräfte blieben auf der „Augusta“, darunter Irineo Esperancilla.

Irineo Esperancilla wurde am 15. Oktober 1906 in Oton auf den Philippinen geboren. 1925 trat er in die US-Navy ein. Von 1929 bis 1955 arbeitete er als Steward im Weißen Haus und auf Präsidentenyachten und diente vier US-Präsidenten: John Edgar Hoover, Franklin D. Roosevelt, Harry S. Truman und Dwight D. Eisenhower. Esperancilla verstarb am 24. Juli 1976.
2022 veröffentlichte seine Enkelin Melina M. Dart unter dem Titel „A Glimpse of Greatness. The Memoir of Irineo Esperancilla“ die Erinnerungen ihres Großvaters.

Über die erste Etappe der Fahrt auf der „Augusta“ berichtete Esperancilla:

Nach fünfzehn historischen und aufregenden Jahren im Dienste zweier US-Präsidenten trat ich meinen Dienst an Bord der USS Augusta an. Wieder einmal war ich Chefsteward auf einem stattlichen Kriegsschiff von „Uncle Sam“. Am 7. Juli 1945 kamen Präsident Harry S. Truman und seine Delegation an Bord. Ich erfuhr, dass die Augusta bald nach Europa auslaufen würde, wo der Präsident mit Premierminister Winston Churchill und Marschall Josef Stalin zusammentreffen sollte. Später erfuhr ich, dass Antwerpen in Belgien unser Ziel war. Von dort aus wollte der Präsident nach Potsdam bei Berlin fliegen, um sich mit den beiden anderen Staatsführern zu treffen. Damals glaubte ich noch, diese Reise sei lediglich eine unerwartete Ergänzung meiner bis dahin außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Ich nahm an, dass ich nach dieser Reise den Rest meines Lebens damit verbringen würde, mich an die beiden vorangegangenen Präsidenten zu erinnern. Natürlich irrte ich mich – doch das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.3Dart, Melinda, A Glimpse of Greatness: The Memoir of Irineo Esperancilla (English Edition) (S.52 f.). Kindle-Version.

Weiter heißt es:

Als sich die *Augusta* dem Ärmelkanal näherte, bemerkte ich Spuren des großen Krieges. Überall waren die Zeichen der verheerenden Zerstörung zu sehen. Im Kanal trieben noch Minen, und Wracks gesunkener Schiffe lagen im Wasser. Bald erreichten wir den Hafen von Antwerpen in Belgien. Tausende von Menschen jubelten Präsident Truman vom Ufer aus zu. Ich sah auch die schweigende Menge deutscher Kriegsgefangener hinter Stacheldrahtzäunen … Zahlreiche hochrangige Offiziere der Alliierten und zivile Würdenträger kamen an Bord, um dem Präsidenten ihre Aufwartung zu machen. Nach diesen Besuchen gingen Präsident Truman und seine Begleitung von Bord und begaben sich zu einem Militärflugplatz, um mit der Präsidentenmaschine nach Potsdam zu fliegen. Meine Kollegen und ich blieben an Bord, und die *Augusta* nahm wieder Kurs auf Plymouth in England. Wir hatten den Befehl, dort auf die Delegation des Präsidenten zu warten. Etwa zwei Wochen später war Präsident Truman wieder an Bord der *Augusta*.4Ebenda, S. 55.

Erstaunlich ist, dass er mit keinem Wort auf den Teil der Servicemannschaft eingeht, die mit dem Präsidenten nach Deutschland flogen. Sie finden ansonsten auch keinerlei Erwähnung in den 96 gedruckte Seiten umfassenden Memoiren. Das betrifft zugleich alle Personen, die im Dienst von Truman standen, wie z. B. dessen Kammerdiener Arthur Prettyman.

In Neubabelsberg wurde ihnen der Keller der Kaiserstr. 2 – Residenz des US-Präsidenten – als Unterkunft und Arbeitsplatz zugewiesen. Zusammen mit dem Kammerdiener Trumans, Arthur Prettyman, und den Telefonistinnen der Telefonzentrale mussten sie sich die Fläche teilen.

Keller der Kaiserstr. 2, Nutzung vor 1945.
Nutzung des Kellers 1945, während der Konferenz. „Furnale“ bezeichnet den Platz für den Ofen. „Switchboard“ ist die Telefonzentrale.

Prettyman wohnte mit fünf Filipinos in einem Raum. Weitere sechs schleiefn in einem anderen. Als Schlafplatz dienten Doppelstockbetten. Schränke für Uniform und persönliche Gegenstände gab es. Wo die Kellerbewohner ihr Essen einnehmen konnten, geht es aus dem Plan nicht hervor. Für Pausen durften sie sich an der Rückfront des Hauses aufhalten. Ausgang wurde ihnen gewährt, so dass sie auch nach Berlin fahren konnten.

William M. Rigdon beschreibt in seinen Memoiren ein Erlebnis, das die Gruppe mit dem Schwarzmarkt machen konnte.

Zu den geschäftigsten Akteuren gehörten unsere sonst so zuverlässigen Filipinos.  Einer von ihnen – ein Zimmersteward im Haus des Präsidenten – heuerte einen unbedarften GI, der nicht am Handel beteiligt war, als Arbeitskraft an, damit er selbst mehr Zeit für den Verkauf von Waren an die Russen aufwenden konnte.
Schließlich unterbanden die Militärbehörden den Schwarzmarkt, doch erst nachdem Hunderte oder Tausende von Amerikanern leichtes Geld verdient und ebenso viele russische Soldaten Souvenirs für die Heimreise zusammengetragen hatten – alles bezahlt mit Militärwährung, deren Einlösung die Vereinigten Staaten zugesagt hatten.
Einige Finanzoffiziere der US-Armee hatten versucht, den Handel zu unterbinden. Ein oder zwei Tage vor unserer Abreise aus Babelsberg kam ein philippinischer Koch in großer Not zu mir. Ein Finanzoffizier der Armee hatte sich geweigert, ihm für seinen Korb voller Besatzungsgeld amerikanisches Geld auszuhändigen. Ich fragte ihn, woher er all das Zeug habe. Er behauptete, er habe es beim Kartenspielen gewonnen – was ich ihm natürlich nicht abnahm. Wie dem auch sei: Ich verwies ihn an den für Beschwerden unserer Gruppe gegen die Armee zuständigen Offizier – den militärischen Adjutanten des Präsidenten, General Harry Vaughan. Der General sprach die Angelegenheit meines Wissens beim Präsidenten an; der Finanzoffizier wurde angewiesen, den Umtausch vorzunehmen, und unser Filipino erhielt rund viertausend Dollar in echtem amerikanischem Geld – woraufhin er für den Rest der Heimreise als Arbeitskraft völlig ausfiel.5Ebenda, S. 116.

Die Filipinos in der US-Armee

Am 5. April 1901 erließ US-Präsident William McKinley eine Anordnung, die den Marineminister ermächtigte, 500 Filipinos für die segregierte Marine-Inselstreitkraft anzuwerben. Laut dieser Anordnung sollten die rekrutierten Filipinos als Bootsführer, Seeleute, Maschinisten, Heizer, Kohlenträger, Köche und Küchengehilfen dienen. Knapp drei Monate später, am 25. Juni, änderte McKinley seine Anordnung und ersetzte „Filipinos“ durch „Einheimische der Philippinen und der Insel Guam“. Indem er die Anwerbung von Filipinos und Chamorros für diesen marginalisierten Teil der Marine erlaubte, sahen sich die US-Beamten gezwungen, Einheimische aus beiden Regionen des Pazifiks zu rekrutieren – in unterschiedlichem Maße, abhängig von den sich verändernden politischen Beziehungen der Vereinigten Staaten zu beiden Regionen im Laufe des 20. Jahrhunderts.

Während US-Beamte ihre koloniale Infrastruktur auf den Philippinen aufbauten, befanden sich die Philippinen im Krieg mit den Vereinigten Staaten, um ihre nationale Unabhängigkeit zu bewahren – bekannt als Philippinisch-Amerikanischer Krieg (1899–1913). Trotz des angespannten Verhältnisses zwischen den Philippinen und den Vereinigten Staaten gab es einige Filipinos, die sich bei der US-Marine bewarben, ihr beitraten und dort Karriere machten. 

Vor 1946 wurden Filipinos im Allgemeinen als Stewards eingesetzt. Nach der Unabhängigkeit der Philippinen im Jahr 1946 versiegte diese Rekrutierungsquelle.
In den Jahren 1944 bis 1946 dienten 2.289 Filipinos in den US-Streikräften.
Nach dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 1940 konnten Ausländer, die mindestens drei Jahre ehrenhaft in den Streitkräften gedient hatten, ohne Erfüllung bestimmter Einbürgerungsvoraussetzungen, wie beispielsweise der rechtmäßigen Einreise in die Vereinigten Staaten zum Zweck des Daueraufenthalts, eingebürgert werden.6Vgl. https://www.history.navy.mil/research/library/online-reading-room/title-list-alphabetically/f/filipinos-in-the-united-states-navy.html

Jahrzehntelang wurden philippinische Rekruten fast ausschließlich als Stewards, Köche und Messdiener für Offiziere eingesetzt, ungeachtet ihrer oft hohen akademischen Ausbildung (viele waren Ingenieure oder Ärzte). Durch internen Protest, Zusammenhalt (oft als „Filipino Mafia“ bezeichnet) und den Druck der Matrosen änderte die US Navy in den 1970er-Jahren veraltete und diskriminierende Regelungen. Durch internen Protest, Zusammenhalt (oft als „Filipino Mafia“ bezeichnet) und den Druck der Matrosen änderte die US Navy in den 1970er-Jahren veraltete und diskriminierende Strukturen. Die Steward-Ränge wurden abgeschafft und alle Laufbahnen geöffnet.

Die komplizierten Beziehungen zwischen den Philippinen und den USA im 20. Jahrhundert beschreibt Jason Luna Gavilan in einem Beitrag 7https://sk.sagepub.com/ency/edvol/the-sage-encyclopedia-of-filipinx-american-studies/chpt/us-navy-filipino-americans der „SAGE-Enzyklopädie der plilippinisch-amerikanischen Studien„.

Anmerkungen

  • 1
    https://www.trumanlibrary.gov/photograph-records/63-1453-27 ↩︎
  • 2
    Rigdon, William M., Sailor in the White House. My 11 years of service to three presidents, Phocion Publishing 2019, S. 111. ↩︎
  • 3
    Dart, Melinda, A Glimpse of Greatness: The Memoir of Irineo Esperancilla (English Edition) (S.52 f.). Kindle-Version. ↩︎
  • 4
    Ebenda, S. 55. ↩︎
  • 5
    Ebenda, S. 116. ↩︎
  • 6
    Vgl. https://www.history.navy.mil/research/library/online-reading-room/title-list-alphabetically/f/filipinos-in-the-united-states-navy.html ↩︎
  • 7
    https://sk.sagepub.com/ency/edvol/the-sage-encyclopedia-of-filipinx-american-studies/chpt/us-navy-filipino-americans ↩︎

© GeschichtsManufaktur Potsdam, 03. August 2026