Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Potsdamer Konferenz und Trumans Residenz in Neubabelsberg einerseits und der Entscheidung des US-Präsidenten Harry S. Truman zum Abwurf der Atombombe? Sämtliche Fakten sprechen für eine positive Antwort auf die Frage. Wobei die Vorbereitungen für den Abwurf bereits einige Zeit vor dem Aufenthalt Trumans in Neubabelsberg begannen.
Die Kommunikation zwischen den Lagenzentren der US-Regierung in Washington (Map Room) und dem zeitweiligen Lagezentrum der US-Delegation zur Potsdamer Konferenz (Advanced Map Room) widerspiegelt diesen Prozess nicht. Es ist daher davon auszugehen, dass die betreffenden Dokumente aus Gründen der Geheimhaltung nicht per Funk gesendet, sondern durch Spezialkuriere transportiert wurden.
Funksprüche bzw. Fernschreiben zum Thema „Manhattan-Projekt“ oder Atombombe lassen sich erst ab dem 3. August (MR-IN-196) bzw. ab dem 6. August 1945 belegen (MR-OUT-334, MR-OUT-335 und MR-OUT-342 v. 6. August 1945; MR-OUT-347 v. 7. August 1947)
Am Vormittag des 16. Juli, also am Tag nach meiner Ankunft in Potsdam, übermittelte mir Kriegsminister Stimson die weltgeschichtliche Nachricht, dass die erste Atombombenexplosion stattgefunden habe. …
Als ich nach Europa aufbrach, waren die letzten eiligen Vorbereitungen für die erste Probeexplosion in Alamogordo, Neu Mexiko, im Gang, und während der ganzen Überfahrt hatte ich mit Spannung auf das Resultat gewartet. 1Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 421.
Am 17. Juli 1945 flog Stimson nach Potsdam und berichtete dem Präsidenten in Anwesenheit von Außenminister Byrnes und den Admiralen Leahy und King sowie der Generale Marshall und Arnold persönlich über die Einzelheiten des Experiments.
Am 24. Juli sagte ich ganz beiläufig zu Stalin, daß wir jetzt über ein neues Kampfmittel von außergewöhnlicher Zerstörungskraft verfügten. Er zeigte kein besonderes Interesse, sonden bemerkte lediglich, er hoffe, wir würden es mit gutem Nutzen gegen Japan einsetzen. …
Etwa einen Monat vor diesem ersten Atombombenexperiment hatten mir die Wehrminister und die Vereinigten Stanschefs die ausgearbeiteten Pläne zur Niederringung Japans zur Genehmigung vorgelegt. … Danach war eine Invasion Japans in zwei Phasen vorgesehen. … Das Ende des japanischen Widerstandes glaubte man auf den Spätherbst 1946 ansetzen zu müssen. 2Ebenda, S. 426.
Vorausgehen sollte die Veröffentlichung einer Proklamation, in der Japan aufgefordert wurde, sich zu ergeben. Die Arbeiten daran hatten im Mai 1945 begonnen. Am 28. Juni lag ein von den Vereinigten Stabschefs gebilligter Entwurf vor.
Daraufhin beschloß ich,die Proklamation während der Potsdamer Konferenz zu erlassen, um den Japanern und der ganzen Welt zu demonstrieren, daß die Alliierten in ihrer Zielsetzung einig seien. Auch hoffte ich, bis dahin zwei für die künftige Kriegführung wichtige Punkte geklärt zu haben: die Teilnahme der Sowjetunion und die Atombombe. 3Ebenda, S. 427.
Ein von Truman eingesetzter Sonderausschuss führender Politiker der USA und Wissenschaftler hatte Schlussfolgerungen für den Umgang mit der Bombe ausgearbeitet, die Kriegsminister Stimson dem Präsidenten am 1. Juni 1945 vorgelegt hatte.
Sie empfahlen, die Bombe so bald als technisch möglich gegen den Feind einzusetzen. Weiter empfahlen sie, keine Sonderwarnung vorhergehen zu lassen und ein Abwurfsziel zu wählen, an dem die vernichtende Kraft eindeutig demonstriert werden könne. Mir war natürlich klar, daß eine Atombombenexplosion eine jede Vorstellung übertreffende Zerstörung und gewaltige Verluste an Menschenleben zur Folge haben mußte. Andererseits führten die wissenschaftlichen Berater des Ausschusses aus: „Wir sind nicht in der Lage, eine Demonstration vorzuschlagen, die den Krieg beenden würde, und sehen daher keine andere Möglichkeit als den direkten militärischen Einsatz.“
Die letzte Entscheidung, wo und wann die Atombombe einzusetzen war, lag bei mir, und ich möchte jedem Irrtum über diesen Punkt vorbeugen. Ich hielt die Atombombe für ein Kampfmittel und zweifelte nie daran, daß es eingesetzt werden müsse. 4Ebenda, S. 429 f.
Der Einsatz der Bombe sollte unter Beachtung der Landkriegsordnung erfolgen, weshalb Truman Kriegsminister Stimson beauftragte, „sie mit größtmöglicher Präzision auf ein Rüstungszentrum von besonderer Wichtigkeit abzuwerfen“. Hiroshima, Kokura, Nagasaki und Niigara wurden als Abwurfsziel ausgesucht.
Ich ging vor der endgültigen Beschlussfassung die Liste mit Stimson, Marshall und Arnold persönlich durch und besprach mit ihnen die Zeit und den Ort des ersten Abwurfs.5Ebenda, S. 431.
Dies geschah in Trumans zeitweiliger Residenz in Neubabelsberg. Am 24. Juli 1945 erhielt General Carl Spaatz, Oberkommandierender der amrikanischen stratgischen Luftwaffe, vom Kriegsministerium den Abwurfbefehl. Unterschrieben wurde er von General Thomas Troy Handy, amtierender Generalstabschef der US Army.
- Die Sondergruppe 509 der 20. Luftflotte wird ihre erste Spezialbombe, sowie das Wetter nach dem 3. August 1945 Bombardierung bei guter Sicht gestattet, auf eines der nachstehenden Ziele abwerfen: Hiroshima, Kokura, Nagasaki oder Niigata. Zusätzliche Maschinen zur Begleitung des Bombenflugzeugs sind zu stellen, um Offizieren und Wissenschaftlern des Kriegsministerums die Beobachtung der Bombenexplosion und ihrer Wirkung zu ermöglichen. Die Beobachtermaschinen werden sich einige Meilen vom Explosionsherd entfernt halten.
- Sowie weitere Bomben zur Verfügung stehen, sind sie auf die obengenannten Ziele abzuwerfen. Für weitere Bombardierungen sind Instruktionen abzuwarten.
- Alle Verlautbarungen über den Einsatz dieses Kampfmittels in Japan sind dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Kriegsministerium vorbehalten. Ohne vorherige Genehmigung dürfen die Frontbefehlshaber kein Kommunique herausgeben. Alle Presseberichte sind dem Kriegsministerium zur Vorzensur einzureichen.
- Der obige Befehl ergeht an Sie auf Anweisung und mit Zustimmung des Kriegsministers und des Generalstabschefs der amerikanischen Streitkräfte. Sie werden ersucht, ein Exemplar dieses Befehls persönlich MacArthur und Admiral Nimitz zur Kennisnahme auszuhändigen.6Ebenda, S. 431 f.
Dieser Befehl setzte die Räder zum Abwurf des ersten Atomkampfmittels in Bewegung. Mein Entscheid war gefallen. Ich erklärte Stimson, er sei unumstößlich; es sei denn, die Japaner beantworteten unser Ultimatum in zufriedenstellender Weise.
Am 28. Juli 1945 verkündete der Sender NHK (Nippon Hōsō Kyōkai) die Ablehnung des Ultimatums und die Fortsetzung des Kampfes.
Eine offizielle Antwort auf das gemeinsame Ultimatum der Vereinigten Staates, des Vereinigten Königreichs und Chinas wurde nicht erteilt. So gab es kein Zurück mehr. Da keine Aussicht bestand, daß Japan vor dem 3. August die Waffen streckte, mußte der Abwurf erfolgen.
Am vierten Tag meiner Heimreise, am 6. August, traf die Nachricht ein, die die Welt erschütterte. 7Ebenda, S. 432.
Als Truman die erste Nachricht vom Kriegsminister erhielt und kurz darauf eine zweite, saß er mit einigen Schiffsoffizieren des schweren Kreuzers USS „Augusta“ beim Lunch. Er befand sich nach der Potsdamer Konferenz auf der Heimreise von Plymouth nach Newport News in den USA.
An den Präsidenten vom Kriegsminister
5. August 1945
Um 19.15 Uhr Washingtoner Zeit schwere Bombe auf Hiroshima abgeworfen. Erste Meldungen sprechen von einem vollständigen Erfolg, der den des Experiments übertroffen hat.
Die zweite Mitteilung lautete:
Soeben ist nachstehende Meldung betreffs Manhattan eingegangen:
„Hiroshima wurde bei guter Sicht bombardiert mit nur schwacher Bewölkung. Weder Jägerabwehr noch Flak traten in Aktion. Fünfzehn Minuten nach dem Abwurf meldet Parsons wie folgt:Érgebnis in jeder Hinsicht ausgesprochen gut. Sichtbare Wirkung größer als bei allen Experimenten. Im Flugzeug nach dem Abwurf normale Verhältnisse.`“8Ebenda, S. 433.
Konteradmiral William Sterling Parsons hatte die Bombe erst während des Fluges nach Hiroshima scharfgemacht, um eine vorzeitige und unbeabsichtige Auslösung derselben zu verhindern.
Die Übersetzung des Fernschreibens in Trumans Memoiren weicht etwas vom Original ab (siehe Beitragsbild).
Anmerkungen
- 1Truman, Harry S., Memoiren. Bd. 1: Das Jahr der Entscheidungen (1945), Stuttgart 1955, S. 421. ↩︎
- 2Ebenda, S. 426. ↩︎
- 3Ebenda, S. 427. ↩︎
- 4Ebenda, S. 429 f. ↩︎
- 5Ebenda, S. 431. ↩︎
- 6Ebenda, S. 431 f. ↩︎
- 7Ebenda, S. 432. ↩︎
- 8Ebenda, S. 433. ↩︎
© GeschichtsManufaktur Potsdam, 30. August 2026