Der Secret Service war zuständig für den Personenschutz des Präsidenten in der US-Sonderzone in Neubabelsberg und während der Fahrten mit dem Auto zwischen seiner Residenz und dem Konferenzort Schloss Cecilienhof bzw. außerhalb des für die Delegationen festgelegten Gebiets. Der Personenschutz galt auch bei den Flügen mit der Präsidentenmaschine sowie auf dem schweren Kreuzer USS „Augusta“ während der Ozeanquerung zwischen Europa und der USA.
Am Eingang von Schloss Cecilienhof endete jedoch die Zuständigkeit des Secret Service, und der Personenschutz wurde von den Männern der Criminal Investigation Division, United States Army (CID) übernommen. Geleitet wurde die CID-Einheit im Schloss Cecilienhof von Milton P. Kroll.
Ihr gehörten an:
Richard R. Beckman
Jim Brennen
Frank Cannon
Lee Farrell
Marvin Krans
Walter Maurovitch
Carl Morisse
John Osterholt
Wilbur Wagner
Ben Wallons.
Sie waren Agenten der CID und gehörten zu der Spezialeinheit, die Präsident Truman im Schloss Cecilienhof beschützte. Sie gehörten nicht zu den Mitgliedern der Delegation und stehen auch nicht in ihrem Telefonverzeichnis.
Criminal Investigation Detachment – Einführung
Die Kriminalpolizeiabteilung (CID) ist eine Ermittlungsabteilung innerhalb einer Militär- oder Strafverfolgungsbehörde, die für die Untersuchung schwerer Verbrechen, Straftaten und komplexer Delikte zuständig ist.
In der US-Armee ist die Kriminalpolizei (früher: Kommando) für die Aufklärung schwerer Straftaten zuständig. Innerhalb dieser Organisation bezeichnet ein „Detachment“ eine spezielle operative Einheit, die an einem Militärstützpunkt oder in einem Einsatzgebiet stationiert ist. CID-Agenten und Detektive sammeln Beweismittel, führen Vernehmungen durch, sichern Tatorte und erstellen Fallakten für die Strafverfolgung.
Viele staatliche und regionale Polizeikräfte (insbesondere in Commonwealth-Staaten und einigen europäischen oder US-amerikanischen Stadtpolizeien) verwenden die Abkürzung „CID“ für die Zivilfahndungsabteilung, die schwere Verbrechen wie Mord, Betrug und organisierte Kriminalität untersucht.
1943 wurden Rechtsanwälte oder andere über eine juristische Ausbildung verfügende Personen zum Armeedienst einberufen. Das war Teil eines Programms der USA zur Qualifizierung ziviler Fachleute für die Übernahme von Aufgaben in Verwaltungsstrukturen in von der US-Armee in Europa und Asien eroberten Gebieten. Der juristisch vorbelastete Beckman und der Harvard-Absolvent Kroll gehörten zu dem Teil der Eingezogenen, die im Fort Custer Trainings Center, Michigan auf ihre Tätigkeit als Ermittler für die Strafverfolgungsbehörden sowie für einen Einsatz als Personenschützer qualifiziert wurden. Die erste Phase der Ausbildung bestand aus einer einmonatigen militärischen Grundausbildung sowie einer Einführung in die Aufgaben der Militärregierung an der Schule des Provost Marshal General in Fort Custer. Für die CID-Leute galt nur die erste Phase. Die direkt für Verwaltungsaufgaben vorgesehenen Personen erhielten in Fort Custer eine Grundausbildung und danach eine Spezialausbildung an einer ausgewählten Universität.
Hauptzweck von Fort Custer war die Ausbildung von Ersatzkräften der Militärpolizei.
Earl Frederick Ziemke beschreibt die Entwicklung und Umsetzung des Regierungsprogramms sehr ausführlich in einer für das Center of Military History United States Army in Washington , D. C. verfassten Arbeit. Unter dem Titel „The U. S. Army in the occupation of Germany“ erschien sie 2003 in den Army Historical Series.
Anfang Juni 1942 verlegte die Armee die Militärpolizeischule nach Fort Oglethorpe, Anfang Dezember 1942 nach Fort Custer. Chef der PMG war Oberst Hobart B. Brown, der Ende Dezember 1943 nach Fort Oglethorpe zurück versetzt wurde, um dort das Kommando über das neu gegründete Ausbildungszentrum des Dritten Frauenkorps der US-Armee zu übernehmen. 1Vgl. https://www.fortoglethorpe.info/militarypolice
Die Provost Marshal General School (PMG) ist die militärische Polizeischule der US-Armee. Sie wurde am 15. Januar 1942 als Provost Marshal General’s School gegründet. Sie dient als die zentrale Ausbildungsstätte für das Military Police Corps der U.S. Army, das für Strafverfolgung, innere Sicherheit und militärische Disziplin zuständig ist.
- Militärisches Recht und Polizeimethoden
- Kriminalpolizeiliche Ermittlungen und Forensik
- Gefangenenwesen und Internierung (Detainee Operations)
- Terrorismusabwehr und physische Sicherheit.
Milton Kroll und die weiteren oben aufgeführten Personen waren vorgesehen für die am 12. August 1943 gegründete und am 14. August in Fort Custer aktivierte 11. Militärpolizeiabteilung für Kriminalermittlungen der US-Armee an. Sie wurde am 19. März 1944 in 11th Criminal Investigation Section, am 11. Oktober 1944 in 11th Military Police Criminal Investigation Section und am 19. Januar 1945 in 11th Military Police Criminal Investigation Detachment (CID) umbenannt.2Vgl. https://www.globalsecurity.org/military/agency/army/11mp.htm Das 11th Military Police Criminal Investigation Detachment (CID) war eine spezialisierte, diskrete Ermittlungseinheit innerhalb der US-Armee. Sie war Teil des Militärpolizeilichen Generalstabs und zuständig für die Bearbeitung schwerer Straftaten, Sicherheitsverstöße und sensible Polizeieinsätze im europäischen Kriegsschauplatz. Ihre Arbeit war völlig unabhängig von der regulären militärischen Führung, um unvoreingenommene Untersuchungen von Verbrechen, Schwarzmarktaktivitäten und Angelegenheiten der Militärjustiz zu gewährleisten.
Im Zweiten Weltkrieg unterstützte die Einheit Missionen in der Normandie, in Nordfrankreich, im Rheinland, in den Ardennen, im Elsass und in Mitteleuropa.3https://www.cid.army.mil/Media-Resources/Releases/Article-Display/Article/3827239/army-military-police-battalions-case-colors-in-europe-and-texas-as-part-of-tran/ Sie spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle bei den Sicherheitsvorkehrungen und strafrechtlichen Ermittlungen im Zusammenhang mit der Potsdamer Konferenz (Juli–August 1945) und bewachte hochrangige Führungskräfte im Schloss Cecilienhof.
In einem Interview, das Milton Kroll am 13. September 2001 Richard Phillips von der Securities and Exchange Commission Historical Society gab, sagte er:
Ich bin stolz darauf, dass ich am Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Potsdamer Konferenz für Nachrichtendienst und Sicherheit zuständig war.
Phillips begann sein Interview mit einer Vorbemerkung, aus der hervorgeht, dass ihn Krolls Tätigkeit auf der Potsdamer Konferenz nur am Rande interessierte:
Wir führen dieses Gespräch mit Mr. Kroll, weil er der Kommission über einen Zeitraum von vierzehn Jahren – von 1940 bis 1953 – in der Rechtsabteilung (Office of General Counsel) angehörte; er begann dort als Jurist mit einem Jahresgehalt von 2.600 Dollar und beendete seine Tätigkeit 1953 als stellvertretender Chefjurist (Associate General Counsel) der SEC. Er hat die SEC in ihrer Anfangszeit intensiv erlebt, und wir sind heute hier, um Mr. Krolls Erinnerungen für die Nachwelt festzuhalten.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1943 begann der Rechtsanwalt Kroll seinen Armeedienst. Über seine vorangegangene Tätigkeit als Zivilist für die Armee, er war Rechtsberater der Securities and Exchange Commission, als er zum Militärdienst eingezogen wurde, berichtet er:
Hier ist ein Schreiben von John Haas – Major des Air Corps, G4 der Eastern Section der Operational Intelligence Division und Assistant Chief of Air Staff – in seiner Funktion als Leiter der Far Eastern Section dieser Abteilung. Es stammt aus dem Jahr 1943. Es bezieht sich zwar auf meine Person, veranschaulicht aber zugleich unsere damalige Tätigkeit: „Herr Milton P. Kroll von der SEC war für diese Dienststelle bei der Beschaffung von Informationen für die Planung von Bombenangriffen von unschätzbarem Wert. Seine diesbezüglichen Beiträge erforderten eine umfassende und eingehende Auswertung von Akten und Publikationen sowie die Kontaktaufnahme mit Personen, die über derartige Daten verfügten.“ Genau solche Aufgaben haben wir wahrgenommen. Wir befanden uns damals noch in der Aufbauphase.
Richard Beckman trat seinen Armeedienst am 9. April 1943 an. Im Interview mit dem Historiker Neil M. Johnson von der Harry S. Truman Library and Museum berichtete Beckman am 5. Juli 1991 über seinen Werdegang bei der Armee. Es ist die bislang beste Quelle für eine Rekonstruktion der Entwicklung des CID von 1943 bis 1945.
Ich wurde zu einem Grundausbildungsbataillon der Militärpolizei (MP) in Fort Custer geschickt. Ich absolvierte den ersten Durchgang, der 17 Wochen dauerte. Nach diesen 17 Wochen wurden die Männer auf verschiedene Ausbildungseinrichtungen oder Kampfeinheiten verteilt. In diesem Durchgang schickte man alle weg – außer mich. Ich wurde zurückbehalten. Also begann der nächste Durchgang, und ich steckte wieder in der Grundausbildung. „Rechts um“, „Kehrtmarsch“ und all diese Dinge. Ich dachte nur: „Mein Gott, das ist ja, als wäre man im Kindergarten durchgefallen.“
Eines Tages wurde mir befohlen, meine Dienstuniform zu holen und mich im Lagerhauptquartier zu melden. Ich ging als einfacher Soldat hinein und wurde höflich behandelt. … Das war allerdings alles andere als die übliche Behandlung eines einfachen Soldaten in der Grundausbildung. Im Hauptquartier hieß es: „Der Oberst empfängt Sie gleich.“ Ich wurde ins Büro gerufen, salutierte zackig vor dem Oberst, und er sagte: „Nehmen Sie Platz.“ Dann begann er, mit mir zu reden, stellte mir viele Fragen und so weiter. Das Gespräch dauerte wohl etwa eine halbe Stunde. Er sagte: „Melden Sie sich wieder bei Ihrer Einheit.“ Das tat ich auch, aber in jener Woche war ich noch in der Grundausbildung. 4https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 17 f.
Die Überraschung für Beckman folgte wenig später:
Ich erhielt einen Anruf mit der Anweisung: „Sie haben sich an der Provost Marshal General School zu melden.“ Ich hatte von dieser Schule absolut keine Ahnung. Nun, die Armee hatte die FBI-Schule übernommen – damit meine ich nicht, dass sie die FBI-Schule in Washington, D.C., geschlossen hätten, sondern sie verlegten die Ausbilder, die Ausrüstung und alles Weitere nach Fort Custer. Es waren 150 Soldaten aus allen möglichen Gegenden dort, die in Gruppen zu je fünfzehn Mann eingeteilt wurden. Es gab zehn Gruppen mit jeweils fünfzehn Mann. Wir absolvierten den Lehrgang an der sogenannten Provost-Marshal-General-Schule. Gleich zu Beginn der Ausbildung sagte man uns: „Derzeit sind in jeder Gruppe fünfzehn Mann, aber bis zum Abschluss werden nur noch zehn von Ihnen übrig sein.“ Das Verfahren zur Auswahl – also wie entschieden wurde, wer bleiben durfte und wer ausscheiden musste – lief über sogenannte „Bewertungslisten“, die jede Woche ausgegeben wurden. Auf der Liste, die man erhielt, standen die Namen der fünfzehn Männer der eigenen Gruppe. Jede Woche war man verpflichtet, alle fünfzehn Männer auf einer Skala von eins bis fünfzehn zu bewerten. 5Ebenda, S. 18.
Vermutlich stand er dem Chef der Schule Oberst Hobart Blauvelt Brown gegenüber.
JOHNSON: Wurdet ihr auf dieser Liste bewertet?
BECKMAN: Ja. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs … Am Ende lief es wie beim Golf ab: Diejenigen mit der insgesamt niedrigsten Punktzahl schlossen den Lehrgang ab und kamen in diese Einheit. Wer auf dem elftniedrigsten Platz landete, war raus. Als wir erfuhren, dass wir den Lehrgang abschließen würden, wussten wir auch, dass unsere Bezahlung irgendwie angepasst werden sollte. Wir sollten Tagegelder und eine Pauschale für Nebenkosten erhalten. Gerüchten zufolge hieß es allgemein, dass wir in Hafenstädten der USA eingesetzt würden. Für uns schien das also ein idealer Zeitpunkt zu sein, um zu heiraten: gutes Gehalt, Tagegeld und dazu noch die Nebenkostenpauschale.6Ebenda, S. 19.
Beckman gelang es, trotz Urlaubssperre wegen verschärfter Ausbildung auf der Kampfbahn, eine Genehmigung für seine Hochzeit zu erhalten. Seine Ehefrau hieß Rosemary.
BECKMAN: Nachdem wir wussten, dass wir den Lehrgang erfolgreich abgeschlossen hatten, wurden wir nach Hause geschickt, um uns Zivilkleidung zu besorgen. Das war ein Grund für eine große Feier. Rosemarys Bruder hatte mir drei Flaschen Champagner in den Koffer gepackt, als ich in der Nacht unserer Hochzeit von zu Hause aufgebrochen war. Also versammelten wir unsere engsten Freunde im Hart-Hotel, wo eine der Ehefrauen ein Zimmer hatte. Wir ließen es uns an diesem Abend mit dem Champagner richtig gut gehen, um zu feiern, dass wir nach Hause fahren würden, um unsere Zivilkleidung zu holen. …
Dann erhielten wir neue Uniformen. Sie ähnelten sehr denen von Kriegskorrespondenten. Wenn ich also im Folgenden von Uniformen spreche, meine ich die Dienst- und Kampfuniformen eines Kriegskorrespondenten. Aber wir trugen auch Arbeitsuniformen und Schulterklappen mit Messing-Abzeichen „CID“.
JOHNSON: CID. Worin bestand der Unterschied zwischen Ihrer Tätigkeit und der der Provost Marshals?
BECKMAN: Das wusste ich damals noch nicht, aber ich kann Ihnen dazu ein wenig Hintergrundwissen vermitteln. … Wenn zum Beispiel jemand von der Navy in einem von der Army kontrollierten Gebiet ein schweres Verbrechen beging, übergab die Militärpolizei diese Person an das Navy-Kommando – und es geschah nie etwas. Ich meine, jeder Navy-Angehörige hatte das volle Recht, jeden beliebigen Soldaten krankenhausreif zu schlagen, ohne dass ihn jemand daran hinderte; es musste also etwas geschehen. Man brauchte eine Einheit, die nicht an die Unterscheidung zwischen den Teilstreitkräften oder Dienstgraden gebunden war. Wir trugen keine Dienstgradabzeichen, denn sonst hätte einen immer jemand im Rang übertreffen können. Es gab Situationen – wie ich sie selbst bei einem dieser Fälle erlebte –, in denen man ohne den Schutz eines Dienstgrads besser vorsichtig agierte und es nicht zu weit trieb, wenn man es mit einem Zwei-Sterne-General zu tun hatte. 7Ebenda, S. 23ff.

Camp Dodge in Johnston (nahe Des Moines), Iowa, war 1943 ein wichtiges Ausbildungs- und Rekrutierungszentrum der US-Armee. Tausende von Rekruten aus dem Mittleren Westen wurden hier registriert und vor ihrem Einsatz stationiert. Auf dem Stützpunkt wurde insbesondere das riesige Freibad mit einem Fassungsvermögen von 3 Millionen Gallonen betrieben (erbaut 1922 und einst eines der größten der Welt), das für die Sommersaison geöffnet und befüllt wurde.

Bei der Auflage des vorstehend erwähnten Regierungsprogramms für den Aufbau von alliierten Verwaltungsstrukturen in den besetzten Gebieten stand von Anfang an die Frage, ob die dafür eingezogenen zivilen Spezialisten Dienstgrade wie die normalen Armeeangehörigen erhalten sollten. Man konnte zu keiner Zeit dieses Problem lösen. Was auch in der folgenden Aussage von Richard Beckman zum Ausdruck kommt.
JOHNSON: CID stand für „Criminal Investigation Detachment“?
BECKMAN: Ja. Der Grund, warum wir nicht das FBI einsetzten, war, dass wir in England operierten; wenn wir irgendjemandem gesagt hätten, wir kämen vom FBI – einschließlich der meisten Männer von Scotland Yard oder der örtlichen Polizeikräfte –, hätten die absolut keine Ahnung gehabt, was das FBI überhaupt ist. Aber was CID bedeutete, das wussten sie ganz genau.
JOHNSON: Ich nehme an, das FBI war während des Krieges auch im Ausland tätig, oder?
BECKMAN: Ich bin dort nie jemandem von denen begegnet. Deshalb wurde die Bezeichnung CID gewählt.
JOHNSON: Und was den Dienstgrad betrifft …
BECKMAN: Soweit die Unterlagen der Army Aufschluss geben, blieb ich auch nach meiner Ernennung zum Agenten weiterhin einfacher Soldat.
JOHNSON: Aber Sie trugen trotzdem die Bezeichnung „Agent“. … Nicht „Special Agent“, sondern einfach nur „Agent“.
JOHNSON: Haben Sie sich so zu erkennen gegeben – etwa wenn Sie Dienstbefehle erhielten – , also als „Agent“?
BECKMAN: … „Agent Richard R. Beckman“, und meine Dienstnummer lautete 1737. Sie werden es kaum glauben, wie ich und all die anderen Agenten zu unseren Dienstnummern kamen.
Wir waren in England angekommen, und irgendjemand hatte eine ganze Reihe von Metallplaketten anfertigen lassen. Ich erinnere mich, dass sie in einer Kiste lagen. Uns wurde gesagt: „Sucht euch die Plakette mit der Nummer aus, die ihr haben wollt.“ Ich entschied mich für die 1737, weil ich am 7. Juli geboren bin – also 7/7; das Jahr 1915 passte zwar nicht dazu, aber ich dachte mir, die Sieben müsse meine Glückszahl sein. Die Nummer mit den meisten Siebenen, die ich finden konnte, war die 1737, und so – ob Sie es glauben oder nicht – kamen wir zu unseren Dienstnummern. Meine Nummer stand sogar auf meinem Potsdam-Ausweis. Wenn Angehörige der Army oder Navy die Nummer sahen, sagten sie oft: „Mensch, ich wusste gar nicht, dass Sie schon so lange bei der Army sind, um eine so niedrige Nummer wie diese zu bekommen.“8Ebenda, S. 25ff.
In Beckmans Einheit, die aus zehn Personen bestand, gab es sieben Rechtsanwälte. Die restlichen drei waren für Spezialaufgaben ausgebildet.
BECKMAN: Ja, sieben Anwälte. Zwei Männer gehörten verschiedenen Staatspolizeien an. Marvin Krans war bei der Staatspolizei von Michigan und Frank Cannon bei der von Pennsylvania. John Osterholt war Sonderagent beim Finanzamt. Ich glaube, sie sind diejenigen, die die gefährlichen Aufgaben übernehmen sollten und bewaffnet sind.9Ebenda, S. 27.
Carl Morisse hatte an der Washington University in St. Louis seinen Abschluss gemacht und arbeitete für die Hartford Insurance Company. Als er zum Militärdienst eingezogen wurde, war dort als Regionaljurist für Fragen der Arbeitsunfallversicherung zuständig. Ben Wallons war ein Rechtsanwalt aus Boston. Lee Farrell war FBI-Agent in South Dakota. Seine „Aufgabe bestand darin, junge, heimwehkranke Soldaten festzunehmen, die unerlaubt von der Truppe ferngeblieben waren. Er hatte Gewissensbisse, kündigte deshalb beim FBI, und am nächsten Tag wurde er eingezogen. So landete er wieder in der FBI-Ausbildung… .“10Ebenda, S. 28f.
Bewaffnet waren die Mitglieder der CID-Einheit mit einem Colt Kaliber 38 OP (Official Police). Es handelte sich um einen mittelgroßen, sechsschüssigen Double-Action-Revolver. Er kam 1908 auf den Markt und wurde hauptsächlich im Kaliber 38 Special gefertigt. Im 20 Jahrhunderts entwickelte er sich zur typischen amerikanischen Dienstwaffe der Strafverfolgungsbehörden.
Am 3. Dezember 1943 wurde die Einheit nach Großbritannien verlegt. Die Schiffsreise ging mit der „Queen Mary“ von New York nach Greenock in Schottland. wo sie von Januar bis Juni 1944 Dienst tat. Unterstellt waren sie dem Provost Marshal General von General Eisenhower in Southhampton, Brigadier General Albert M. Wensinger. Die Provost Marshal-Abteilungen in Southampton wurden mit der Untersuchung von Sicherheitsverstößen mit hoher Priorität beauftragt, einschließlich der Verfolgung von nicht autorisierten, ungesicherten Banknoten (wie z. B. nicht registrierten Banknoten der Bank von England), die in der Region in Umlauf gebracht wurden. Richard R. Beckman beschreibt einen solchen Vorgang in dem mit ihm geführten Interview.11Vgl. ebenda, S. 31 bis 35.
In Southampton wohnte Beckman bei der Familie von Frank German in der Harborough Road Nr. 36. Die CID-Agents hatten keine festen Arbeitszeiten.
JOHNSON: Sie konnten Ihre Arbeitszeit selbst einteilen; es wurde lediglich erwartet, dass Sie einen Fall bearbeiteten und lösten – und dafür so viel Zeit aufwandten, wie Sie für nötig hielten?
BECKMAN: Ja.
JOHNSON: Sie genossen also ziemliche Freiheit. War das nicht eine sehr ungewöhnliche Situation?
BECKMAN: Während wir in England stationiert waren, galten wir als Einheit der Army; und die Army kannte kein „Quasi“. Aber wir hatten keine Dinge wie einen Morgenappell oder Morgenmeldungen. Ich weiß nicht genau, wer sich um die Morgenmeldungen – etwa bezüglich Krankmeldungen – kümmerte; ich habe sie jedenfalls nie zu Gesicht bekommen. Wir waren auf uns allein gestellt. Eine weitere Besonderheit waren unsere sogenannten Dauerreisebefehle. Das waren gedruckte Formulare, die wie ein Block zusammengeheftet waren. Wenn wir mit dem Zug von Southampton nach Bournemouth fahren wollten, gingen wir zum Bahnhof, unterschrieben eines dieser Formulare – mit dem Vermerk, dass es sich um die Beförderung von Southampton nach Bournemouth handelte –, gaben es dem Bahnhofsvorsteher, erhielten eine Fahrkarte und fuhren los.
Diese Reisebefehle berechtigten uns auch dazu, nach Nordirland zu reisen. Nach Irland selbst durften wir natürlich nicht, verstehen Sie, aber Nordirland gehört zu England. Es war jedoch unmissverständlich klar, dass wir uns eigentlich auf dem Stützpunkt im Süden aufhalten sollten; wären wir ohne dienstlichen Auftrag in London angetroffen worden, hätte das unsere Entlassung zur Folge gehabt. Wir hatten es so gut getroffen, dass wir uns das nicht durch Dummheiten verderben wollten.12Ebenda, S. 36f.
Im Mai 1944 wurde die CID-Einheit bezüglich Waffen und Kleidung für die am 6. Juni 1944 beginnende Landung in der Normandie vorbereitet. Die Einheit erhielt 45er Pistolen, so genannte „Bangalore Torpedos“ und Drahtscheren zum Durchschneiden von feindlichen Drahthindernissen. Außerdem durften sich die CID-Agents auf Kosten der Armee mit Zivilkleidung ausstatten. Die Büroeinrichtung wurde in Kisten verpackt und sollte den Truppen folgen.
Als „45er-Pistole der US Army“ wird die halbautomatische Pistole Colt M1911 mit dem Kaliber .45 ACP bezeichnet. Entworfen von John M. Browning, diente sie von 1911 bis 1985 als offizielle Standard-Dienstwaffe und wird aufgrund ihrer Zuverlässigkeit und Mannstoppwirkung auch heute noch vereinzelt von Spezialeinheiten genutzt.
BECKMAN: Als die Zeit der Invasion gekommen war, wurden wir wieder in Uniform gesteckt; wir hatten diese .38er-Revolver (Modell „Official Police“), aber die Munition dafür gehörte nicht zur offiziellen Ausrüstung für die Invasion. Also bekamen wir .45er-Pistolen. Außerdem erhielt jeder von uns ein zusätzliches Ausrüstungsteil. Wir hatten einen Satz Sprengrohre (sogenannte „Bangalore-Torpedos“). Ein solches Rohr besteht aus einzelnen Segmenten, an deren Ende eine Sprengladung angebracht wird – ich war froh, dass ich die Ladung nicht tragen musste. Man setzt die Ladung an und steckt die Rohre zusammen. Am anderen Ende befindet sich ein Zündmechanismus; wenn dann vor einem ein Stacheldrahthindernis liegt, kann man das Rohr hineinschieben und es in die Luft jagen.
Ich bekam einen Drahtschneider zugeteilt, und meine einzige Schusswaffe war eine .45er-Pistole. Tja, das ist eine Pistole, mit der man entweder auf jemanden schießen oder sie nach ihm werfen konnte – in beiden Fällen war sie gleichermaßen wirksam. Und wer den Drahtschneider trug, durfte nicht als Letzter am Strand ankommen – falls wir dort überhaupt an Land gingen.13Ebenda, S. 39.
Das Thema Zivilkleidung war ein ganz besonderes.
Wir hatten unsere Zivilkleidung von zu Hause mitgebracht, aber die britische Marine erlaubte uns nicht, sie mit an Bord der „Queen Mary“ zu nehmen, als wir am 3. Dezember 1943 von New York nach Greenock in Schottland fuhren. Von den Docks in New York aus schickten wir unsere Zivilkleidung nach Hause zurück. Als wir dann in London ankamen, wollte der Provost Marshal wissen, wo unsere Zivilkleidung sei, und wir sagten: „Da müssen Sie mit der britischen Marine sprechen.“ Also schickte man uns alle zu „Simpsons of Piccadilly“ und teilte uns mit, was wir dort kaufen durften. Wir könnten uns jeweils zwei Anzüge, zwei Paar Hosen aus englischem Flanell, ein halbes Dutzend Hemden, ich glaube, ein halbes Dutzend Krawatten, Socken, zwei Paar Schuhe und einen Mantel kaufen – man könnte entweder einen Regenmantel oder einen Mackintosh nehmen. Ein Mackintosh ist einer dieser Mäntel, wie sie Columbo trägt – wissen Sie, diese beigefarbenen, die man ständig sieht.14Ebenda, S. 39f.
Nach den üblichen Armeeregeln gab man – wenn man beim Militär war und neue Schuhe brauchte, weil die alten abgetragen oder Ähnliches waren – einfach die vorhandenen Schuhe ab und erhielt ein neues Paar. Wir versuchten jedoch, unsere Zivilkleidung für die Zeit nach dem Krieg aufzusparen, denn wir besaßen Mäntel aus Harris-Tweed – wir hatten das Beste vom Besten. Diese wurden übrigens im Rahmen des „Reverse Lend-Lease“-Verfahrens (der Rückvergütung im Rahmen des Leih- und Pachtgesetzes) bezahlt. Den Amerikanern war das egal; sie fanden, es sei an der Zeit, dass wir einen kleinen Teil der Millionen Dollar zurückbekamen, die den Engländern zur Verfügung gestellt worden waren. Unsere Kleidung wurde also über Reverse Lend-Lease finanziert.15Ebenda, S. 40f.
Das Schicksal meinte es aber nicht so gut mit den wertvollen Kleidungsstücken der CID-Agents.
Damals mussten die Jeeps, die bei der Invasion zum Einsatz kommen sollten, wasserfest gemacht werden. Das heißt, man montierte Schnorchelrohre am Auspuff und am Vergaser – über Letzteren wurde die Luft angesaugt –, sodass man die Fahrzeuge durch tiefes Wasser an den Strand steuern konnte, während man auf der Rückenlehne des Vordersitzes saß. Marvin Krans hatte unsere gesamte Zivilkleidung im Anhänger hinter seinem Jeep verstaut. Als der Kran den Anhänger und den Jeep vom Liberty-Schiff auf das Landungsboot hob, hatte jemand die Bremse des Anhängers angezogen. Marvin wusste nichts davon. Er fuhr also die Rampe des Landungsboots hinunter – mit dem Anhänger voller Zivilkleidung im Schlepptau –, und *plumps, plumps, plumps, plumps* – Luftblasen stiegen auf – versanken der Jeep und der Anhänger samt all unseren Kleidungsstücken in der schäumenden See.16Ebenda, S. 41f.
Die CID-Einheit landete nach dem D-Day am Strand in der Normandie. Ihre Zivilsachen mussten aus dem stürmischen Ärmelkanal geborgen und so gut wie möglich hergerichtet werden. Die Zusammenarbeit in kriminaltechnischen Fragen erfolgte mit der Gendarmerie. Auf den Aufenthalt der Einheit in Frankreich, Belgien, Niederlande und Westdeutschland wird in dem Interview nicht eingegangen. Von Beckman angefertigte Fotos geben aber Hinweise auf ihre Standorte.
England
Southampton (Januar bis Juni 1944)
Salisbury
Burghley House, nahe Stamford
Reading (24. Mai bis 12. Juni 1944)
Frankreich
Catz (Juli 1944)
Isigny (Juli 1944)
Bagnoles-de-l’Orne (August 1944)
Villequier (September 1944)
Belgien
Chaudefontaine (Februar 1945)
Charleroi (September 1944)
Micheroux (September 1944)
Nessonvaux (September 1944)
Luxemburg
Mersch (13. Dezember 1944)
Niederlande
Maastricht (Januar 1945)
Deutschland
Düren (März 1945)
Rheinbach (März 1945)
Berg (April 1945)
Marburg (April 1945)
Zeulenroda (April 1945)
Weimar (April 1945)
Bielefeld (Juni 1945)
Halle/Saale (Juni 1945)
Berlin (ab 7. Juli 1945)
Österreich
Linz (Mai 1945)
Schweiz
August 1945

Im Interview mit dem Historiker Neil M. Johnson von der Harry S. Truman Library and Museum berichtete Beckman am 5. Juli 1991 über seine Tätigkeit auf der Potsdamer Konferenz. Zugleich übergab der ehemalige CID-Agent Johnson seine Fotos, die er mit seiner (heimlich genutzten) privaten Kamera in Berlin und Potsdam gemacht hatte.
JOHNSON: Wem waren Sie unterstellt? Wer war Ihr Vorgesetzter?
BECKMAN: Milt Kroll. Uns wurde gesagt, wir bräuchten jemanden, der so etwas wie der Chef wäre. Inoffiziell nannten wir ihn Chefagent.
JOHNSON: Ihre Berichte gingen also an ihn?
BECKMAN: Ja, und er nahm sie entgegen und leitete sie an das zuständige Büro weiter.17https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 37 f.
Unterkunft in der Villa von Hjalmar Schacht in Zehlendorf
Die Kriminalagenten kamen am 7. Juli 1945 an und wurden von den Russen zunächst in einem verlassenen Krankenhaus untergebracht, Am 9. Juli hatten sie sich in Zehlendorf ein Domizil beschafft.

JOHNSON: Okay, ich nehme an, Sie haben am 9. Juli ein schönes, modernes Haus im Pressecamp-Bereich, direkt an der Potsdamer Straße, gefunden.
BECKMAN: Ja.
JOHNSON: Ich sehe die Potsdamer Straße hier auf dieser Karte nicht, oder?
BECKMAN: Nein, sehen Sie, das sind Sie nicht…
JOHNSON: Es ist weiter weg.
BECKMAN: Nein, das ist in Berlin selbst, nicht im Potsdamer Raum.
JOHNSON: Sie hatten also damals Wohnräume, die mehrere Kilometer vom Standort Potsdam entfernt lagen.
BECKMAN: Oh ja, ich würde sagen, unser Zuhause war fünf bis zehn Meilen entfernt.
Richard R. Beckman war mit seinen Kollegen vom CID in Berlin-Zehlendorf West im Böckelweg 15 (ab 1947 Gilgestraße ) untergebracht. Das Haus hatte die Rote Armee beschlagnahmt und dann an die nachrückenden Amerikaner übergeben. Zwischen der Unterkunft und dem Arbeitsplatz im Schloss Cecilienhof bestand eine Entfernung von 12 Kilometern, was 7,46 Meilen entsprach. Mit dem Auto waren das 10 bis 15 Minuten Fahrzeit.

Besitzer des Hauses soll damals der Direktor der Schering AG, Dr. Herbert Rohrer gewesen sein. Laut Berliner Adressbuch von 1943 gehörte es jedoch Hjalmar Schacht, bis 1939 Reichsbankpräsident. Schacht wohnte in Charlottenburg, Badenallee 5. Vermietet hatte er das Haus in der Gilgestraße an Dr. Herbert Rohrer und Dr. Karl Guth, Hauptgeschäftsführer der Reichgruppe Industrie. Weitere illustre Bewohner der Gilgestraße waren in der Nr. 1a Dr. Theodor Leipart, bis 1933 Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, in Nr. 9 und 11 der Politikwissenschaftler Dr. Theodor Eschenburg, in Nr. 8 der Bankmanager Karl Blessing und in Nr. 16 der Architekt Wolf-Werner Zschimmer. Eigentümer des Hauses Nr. 7 war der Rechtsanwalt Dr. Werner von Simson. Seit 1938 lebte er aber in Großbritannien.



Neben den Agenten der CID war auch Merriman Smith dort untergebracht. Eine ausführliche Beschreibung zum Aufenthalt von Smith in Berlin und Potsdam ist im Beitrag „Meeriman Smith – Bericherstatter an der Seite des US-Präsidenten“ enthalten.
In seinen 1948 in Wien veröffentlichten Erinnerungen schreibt er:
General Vaughan sorgte dafür, daß wir Quartiere und Fahrzeuge bekamen und vom Flugplatz [Tempelhof, V. P.] abgeholt wurden. Wir waren angenehm überrascht, als uns Oberstleutnant John R. Reeding, der Leiter des Berliner Pressebüros, in ein wunderschönes altes Haus führte. Es war in Zehlendorf-West, einem Vorort von Berlin gelegen. Ich hatte ein großes Schlafzimmer für mich allein. Das Haus war gut möbliert.
Auf dem Tisch eines der drei Wohnzimmer im ersten Stock befand sich der wichtigste Einrichtungsgegenstand des ganzen Haus – ein Telephonapparat, der uns direkt mit der Telephonzentrale des Weißen Haus in Potsdam verband.
Das Haus gehörte dem Chef einer großen deutschen pharmazeutischen Firma und war von der Armee beschlagnahmt worden. Reeding teilte uns noch mit, daß wir in einem kleinen Restaurant gleich in der Nähe verpflegt würden.18Smith, Meeriman, Danke sehr, Herr Präsident!, Wien 1948, S. 207.
Im Erdgeschoß des Hauses wohnten der Eigentümer des Hauses mit seiner Familie und den Dienstboten. Sie durften den ersten Stock nicht betreten..20Smith, Meeriman, a.a.O,, S. 211.

Bislang nicht verifiziert werden konnte die Aussage Johnsons, wonach sich das Haus Böckelweg 15 im Pressecamp-Bereich der Potsdamer Konferenz befunden habe. Die Anwesenheit von Meeriman Smith könnte dafür sprechen, wie auch eine Bemerkung von ihm über die Beerenstraße am Bahnhof Mexikoplatz.
Zwei Schichten Wache täglich, in Zivil und mit Pistole
Die einzige Aufgabe der Leute der Criminal Investigation Division war es, den Präsidenten und seine Begleitung im Schloss Cecilienhof zu bewachen und die Privaträume des Präsidenten im Schloss rund um die Uhr zu überwachen. Die Grundlage für die Vorbereitung und die Planung der konkreten Einsätze bildeten Grundrisse sowie Fotos, die Agenten des Secret Service und Fotografen des U.S. Army Signal Corps angefertigt hatten.
JOHNSON: Sie haben also diese Zeichnung des Secret Service und auch Ihre Skizze des amerikanischen Teils des Cecilienhofs, richtig? [Siehe Anhang I]
BECKMAN: Richtig.
JOHNSON: Und der Secret Service hat hier auch eine Skizze, eine Art Architekturzeichnung. Die uns vorliegenden, öffentlich zugänglichen Akten des Secret Service enthalten einen Grundriss des ersten und zweiten Stockwerks des amerikanischen Teils des Cecilienhofs. Sie hatten also Gelegenheit, diese zu vergleichen. Handelt es sich bei Ihrer Skizze um eine Skizze des ersten Stockwerks?
BECKMAN: Richtig.
JOHNSON: Stimmen sie überein?
BECKMAN: Ich finde das erstaunlich. Sie korrespondieren miteinander. Natürlich ist ihre Zeichnung professionell und…
JOHNSON: Die Terminologie mag etwas anders sein. Was sie beispielsweise als „Wohnzimmer“ bezeichnen, nennen Sie „privates Speisezimmer des Präsidenten“.
BECKMAN: Vielleicht wussten die Mitarbeiter des Secret Service noch nicht, wie das Ganze später genannt werden würde, als sie diese Skizze anfertigten.
JOHNSON: Ja, das hätte man im Voraus erledigen können. Was sie als „Präsidentenbüro“ bezeichnen, haben Sie als „Arbeitszimmer des Präsidenten“ aufgeführt. Dann steht dort nur „BR“ für britisch, und das haben Sie als „Arbeitszimmer des britischen Premierministers“ angegeben.
BECKMAN: Richtig. Und das Esszimmer hier…
JOHNSON: Ja, aber es gibt ja den Speisesaal und die Küche.
BECKMAN: Sie gingen nicht in den Küchenbereich, als sie die Karten anfertigten.
JOHNSON: Okay, aber sie haben diesen langen Flur, den Sie, nehme ich an, verkürzt haben.
BECKMAN: Ja. Und ich habe vergessen, die Erkerfenster einzufügen.
JOHNSON: Und da sind diese kleinen Kreise und Quadrate. Die kleinen Kreise markieren die Standorte der Militärpolizei, und die Quadrate zeigen die Standorte der Kriminalpolizei an. 22Ebenda, S. 69 ff.
Johnson versuchte die Erinnerung seines Gesprächspartners an die konkreten Arbeitsbedingungen im Cecilienhof zu animieren. Beckman selbst hatte sich im Büro des US-Präsidenten aufgehalten. Im Eingangsbereich zu den Zimmern des Präsidenten stand Milton Kroll und John Osterholt bewegte sich zwischen Erdgeschoss und Obergeschoss. Die Agenten arbeiteten in zwei Schichten von jeweils 12 Stunden. In beiden Geschossen waren drei Kriminalisten tätig, zusammen also sechs.
JOHNSON: Sie gingen, glaube ich, so gegen 2 Uhr morgens zur Arbeit, zumindest um 1 Uhr. In einem Ihrer Briefe vom 20. Juli 1945 schrieben Sie, Ihr Tag beginne um 2 Uhr morgens und Sie hätten um 9 Uhr Feierabend. Sie fuhren nach Hause, was etwa 16 Kilometer waren, frühstückten, gingen ins Bett, versuchten zu schlafen, standen gegen 14 Uhr auf, lasen die „Stars and Stripes“, aßen zu Abend, gingen wieder ins Bett, versuchten zu schlafen, standen um 23 Uhr auf, aßen noch einmal und fuhren dann um 1 Uhr nachts zur Arbeit. Genau, wo befand sich damals Ihre Unterkunft?
BECKMAN: Nun, wo ich gegessen habe und alles andere war bei uns zu Hause.
JOHNSON: Gleich an der Potsdamer Straße.
BECKMAN: Ich könnte Ihnen die Adresse geben, wenn Sie das Tonbandgerät nur für eine Sekunde ausschalten.
JOHNSON: Okay. Sie sagten, Sie seien etwa eine Viertelmeile vom Pressecamp entfernt gewesen. Das Pressecamp befand sich in der Potsdamer Straße, erinnern Sie sich?
BECKMAN: Ich glaube nicht. Ich denke, es ist dort eine Kreuzung; Sie verstehen, das ist 47 Jahre her.
JOHNSON: Dort hatte die Presse…
BECKMAN: Dort wohnten sie alle.23Ebenda, S. 72 f.
Während des Gesprächs hatten Johnson und Beckman den Plan vom Cecilienhof vor sich liegen und versuchten die damalige Bewachungssituation so genau wie möglich zu rekonstruieren.
JOHNSON: Haben Sie eine Ahnung, wem dieser Bereich hier gehörte, bevor man in den Speisesaal kam? Da ist ein Quadrat.
BECKMAN: Das ist der Eingang zum Esszimmer, der vom Flur abgeht.
JOHNSON: Ja, haben Sie eine Ahnung, wer da gewesen sein könnte?
BECKMAN: Ich glaube, Carl und Milt haben sich da abgewechselt.
JOHNSON: Okay, in der Nähe des Eingangs.
BECKMAN: Ja.
JOHNSON: Okay.
BECKMAN: Ich glaube, Farrell und Wallons waren in der Halle tätig.
JOHNSON: Farrell und Wallons. Habe ich seinen Namen hier?
BECKMAN: Ben.
JOHNSON: Ben Wallons, okay. Dann geht man am Speisesaal vorbei zum Wohnzimmer oder zur Bibliothek des Präsidenten. Dies nannte man das private Esszimmer des Präsidenten. Und daneben befand sich das Büro oder die Bibliothek, die du als Study bezeichnest.
BECKMAN: Ja.
JOHNSON: Dort gab es Bücher. Hier haben Sie die Bücher gefunden, die Sie uns geschickt haben, wie zum Beispiel das Buch von Sorrell und Sohn.24Beckman hatte seine persönlichen Erinnerungsstücke an die Tätigkeit während der Potsdamer Konferenz der Truman-Bibliothek übergeben.
BECKMAN: Richtig. Das Buch enthält das Exlibris von Kronprinz Wilhelm.
JOHNSON: Ich glaube, auf einem dieser Fotos sieht man Sie in einem Polstersessel sitzen.25Ebenda, S. 74 f.

Die Agenten der Criminal Investigation trugen Zivilkleidung. Doch diese ging bei der Landung in der Normandie verloren, so dass sie in Frankreich und Belgien Uniform. Restbestände der Zivilkleidung bewahrten sie in Paris auf und mussten diese holen, als der Auftrag für die Bewachung des Präsidenten im Schloss Cecilienhof kam.
BECKMAN: Wir hatten keinerlei Bedürfnis, Zivilkleidung zu tragen. Aufgrund der Art unserer Arbeit wollten wir das auch gar nicht, denn in Uniform, in einer Uniform der Vereinigten Staaten, fühlte man sich deutlich wohler und sicherer als in Zivilkleidung.
Als wir später nach Potsdam versetzt wurden, fuhren Milt Kroll und Carl Morisse zurück nach Paris, um unsere Zivilkleidung abzuholen. Sie brachten auch meine mit, und meine sah wirklich furchtbar aus. Wir hatten überall Schäden. Ich erinnere mich an meinen Mantel, den Regenmantel und den blauen Harris-Tweed-Mantel. Am Ende hatte ich einen Regenmantel, der halb blau und halb beige war. Dasselbe passierte mit meinen Anzügen. Ich trug sie ungefähr dreimal und fühlte mich elend, weil die verschiedenen Farben durch das Meerwasser ausgeblichen waren. In Uniform fühlte ich mich viel wohler als in Zivilkleidung. Aber wie man auf den Fotos sieht – ich habe gerade eines von Carl Morisse und Alter Morovich gesehen – trugen einige von uns Zivilkleidung. Der Grund dafür war, dass ihre Kleidung nicht so stark beschädigt war wie meine.
JOHNSON: Sie hatten also die Wahl, nicht wahr?
BECKMAN: Oh ja. Ich habe der Bibliothek26Gemeint ist die Harry S. Truman-Library. den Befehl geschickt, mit dem Eisenhower uns die Erlaubnis erteilte, wieder Zivilkleidung anzulegen, wenn wir wollten. Wenn man an der Front ist, will man das aber nicht.27Ebenda, S. 76.
Im Gegensatz zu der Bekleidung gab es für das Verhalten im Schloss Cecilienhof und um das Gebäude herum klare Regeln. So war es untersagt, einen Fotoapparat zu besitzen und damit private Fotos zu machen. Beckman hatte aber offiziell einen und nutzte ihn auch privat. Hinsichtlich der Sitzungen in der Halle war festgelegt, dass es keine Besucher geben dürfe. Dennoch nutzte Beckman seine besondere Stellung. So schaffte er es, Barbara, die Frau des US-Politikers Edwin W. Pauley auf den Balkon zu schleusen.
BECKMAN: Ein paar Wochen später ging ich im Schloss Cecilienhof den Flur entlang und sah dort eine der deprimiertesten Frauen [Mrs. Pauley], die ich seit Langem gesehen hatte. Sie war zwar ins Schloss gelangt, aber niemand ließ sie auf den Balkon mit Blick auf den Saal, wo sie Botschafter Pauley bei der Arbeit beobachten konnte. Ich sagte: „Ich glaube, ich kann Ihnen da hineinhelfen.“ Und so gelang es mir.
JOHNSON: Das hat sie sicher geschätzt. …
BECKMAN: Hier ist ein Foto von den dreien am Konferenztisch (Stalin, Churchill und Truman, V. P.), sehen Sie, und Attlee ist auch hier. Ich hatte ja schon vorher Fotos gemacht. Damals hatte ich Angst, es ihnen zu sagen. Diese ganze Zensur war echt schwierig. Ich wusste nicht, was ich schreiben durfte und was nicht, also habe ich es einfach ignoriert.
JOHNSON: Ja, und Sie haben diese Orte in Ihrer Autobiografie markiert. Ich glaube, hier sind Sie oben links auf dem Balkon, richtig?
BECKMAN: Ich weiß, dass ich das war. Sehen Sie, es gab drei Amerikaner, die dem obersten Balkon zugeteilt waren. Ich hatte immer einen Platz in der Mitte. … Ich wurde gebeten, hier oben auf dem Balkon diese Position zum Fotografieren einzunehmen. Ich sollte während des Treffens der „Big Three“ als Sicherheitsmann auf dem Balkon im Konferenzraum bleiben. Das ist in der Skizze eingezeichnet.28Ebenda, S. 84 ff.
Die Bewachung der Umgebung von Schloss Cecilienhof lag in der Verantwortung der sowjetischen Gastgeber.
JOHNSON: Da waren all diese russischen Soldaten draußen auf dem Gelände, die, nehme ich an, das Gelände bewachten.
BECKMAN: Jeden Baum.
JOHNSON: Ich glaube, Sie hatten dort auch britische und amerikanische Truppen, nicht wahr?
BECKMAN: Die einzigen anderen Truppen, die ich neben der Kriminalpolizei gesehen habe, waren am Haupteingang. Dort wurden die Ausweise kontrolliert. Es waren Amerikaner, Russen und Briten da. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, dort Militärpolizisten gesehen zu haben, die vom Geheimdienst [auf den Objektplänen, V. P.] markiert wurden.29Ebenda, S. 79 f.
Was wäre passiert, wenn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen jemand in das Konferenzgebäude eindringen konnte?
JOHNSON: Welche Anweisungen hatten Sie denn hinsichtlich des Schutzes des Präsidenten? Was wäre im Falle eines Notfalls geschehen?
BECKMAN: Nun, man muss bedenken, dass wir immer noch Pistolen bei uns trugen, und zwar in Schulterholstern über der linken Schulter, und sie waren geladen. Wir waren alle recht gute Schützen. Vielleicht war das einer der Gründe, warum wir dort waren.30Ebenda, S. 78
Anmerkungen
- 1Vgl. https://www.fortoglethorpe.info/militarypolice
- 2Vgl. https://www.globalsecurity.org/military/agency/army/11mp.htm
- 3https://www.cid.army.mil/Media-Resources/Releases/Article-Display/Article/3827239/army-military-police-battalions-case-colors-in-europe-and-texas-as-part-of-tran/
- 4https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 17 f.
- 5Ebenda, S. 18.
- 6Ebenda, S. 19.
- 7Ebenda, S. 23ff.
- 8Ebenda, S. 25ff.
- 9Ebenda, S. 27.
- 10Ebenda, S. 28f.
- 11Vgl. ebenda, S. 31 bis 35.
- 12Ebenda, S. 36f.
- 13Ebenda, S. 39.
- 14Ebenda, S. 39f.
- 15Ebenda, S. 40f.
- 16Ebenda, S. 41f.
- 17https://www.trumanlibrary.gov/library/oral-histories/beckmanr#69, S. 37 f.
- 18Smith, Meeriman, Danke sehr, Herr Präsident!, Wien 1948, S. 207.
- 19Vgl. Hamann, Hans-Jürgen, Die Schering AG 1945–1949: Ein Unternehmen kämpft um sein Überleben, Berlin 1990
- 20Smith, Meeriman, a.a.O,, S. 211.
- 21Smith, Meeriman, a.a.O., S. 211.
- 22Ebenda, S. 69 ff.
- 23Ebenda, S. 72 f.
- 24Beckman hatte seine persönlichen Erinnerungsstücke an die Tätigkeit während der Potsdamer Konferenz der Truman-Bibliothek übergeben.
- 25Ebenda, S. 74 f.
- 26Gemeint ist die Harry S. Truman-Library.
- 27Ebenda, S. 76.
- 28Ebenda, S. 84 ff.
- 29Ebenda, S. 79 f.
- 30Ebenda, S. 78
© GeschichtsManufaktur Potsdam, 08. Juni 2026